Stimmen aus Israel und Palästina – Gegen das Schweigen 

Das israelische und vor allem natürlich das palästinensische Filmschaffen besticht immer wieder durch seine politische Dringlichkeit – mit «Foxtrot» legt Samuel Maoz («Lebanon») einen der raffiniertesten Filme zum Thema vor.

«Foxtrot» erzählt die Geschichte von Michael (Lior Ashkenazi) und Dafna (Sarah Adler) und ihrem Kind, einem jungen Mann namens Yonatan (Yonaton Shiray), der im israelischen Militär dient. Die Ankündigung seines Todes kommt unerwartet und entfaltet eine schreckliche Wirkung. Im zweiten Teil des Films sehen wir, was Yonatan in der Zwischenzeit macht: er kontrolliert die Grenze. Meistens passiert gar nicht, ab und zu kommt ein Kamel, und manchmal wollen Zivilisten nach Israel. Im dritten Teil schliesslich stehen wieder Yonatans Eltern im Zentrum. Wieder ist alles anders als erwartet…

Yonatan übt den Foxtrott am Grenzübergang. (Bild: zVg)

«Foxtrot» ist ein grossartiger Film, der viel Empathie mit einer wohlhabenden, atheistischen Familie schafft. Michael ist Architekt; die Wohnung ist sehr geräumig, es mangelt an nichts. Maoz zeigt nicht, wie arme Israeli und/oder Palästinenser leben – Armut ist ja in Israel ein grosses Problem. Aber das Machtgefälle zwischen (jüdischen) Israeli und (arabischen) Palästinensern kommt im Film auf eine andere Art zum Ausdruck – letztlich ist die Grenze, an der Yonatan stationiert ist, auch ein Symbol.

Für palästinensische FilmemacherInnen ist es schwierig, den «Konflikt» auszublenden: Annemarie Jacir zeigt in einem ihrer Filme («Salt of this Sea»), wie eine Palästinenserin das Haus ihrer Eltern besucht, in dem unterdessen eine israelische Familie lebt. In «Wajib» zeigt sie den innerpalästinensischen Konflikt (bzw. einen von vielen) anhand von Vater und Sohn: dem pragmatischen Vater, der sich mit der Verwaltung arrangieren muss, dem Sohn, der in der Diaspora lebt.

Einen ganz anderen Weg hat Savi Gabon gewählt: Politik spielt in «Longing» kaum eine Rolle – stattdessen erzählt er eine ganz persönliche Geschichte; wie in «Foxtrot» spielt dabei die Trauer eine wichtige Rolle. «Longing» ist sicher kein schlechter Film – im Gegenteil. Er ist zwar nicht so raffiniert gemacht wie «Foxtrot». Er erzählt nicht unbedingt eine so dringliche Geschichte wie «Wajib» oder «Foxtrot». Weniger wertvoll ist der Film deshalb aber natürlich nicht – auch wenn wohl ein palästinensischer Regisseur eine so politikfreie Geschichte gar nicht erzählen könnte, ganz einfach, weil die Politik in seinem Leben eine ganz andere, prägende Geschichte spielt. Dies ist auch bei Hany Abu Assads Film «Ein Lied für Nour» der Fall: die Geschichte eines jungen Mannes, der bei einem Musikwettbewerb à la «Deutschland sucht den Superstar» wäre in Europa eine grösstenteils apolitische. Dies ist in Palästina/Israel nicht der Fall, zumindest dann, wenn der Protagonist ein Palästinenser ist und es sich um «Arab Idol» handelt. Vor allem natürlich, wenn der Sänger in Gaza lebt…

«Foxtrot». Israel/Frankreich/Deutschland/Schweiz 2017. Regie: Annemarie Jacir. Mit Lior Ashkenazi, Sarah Adler, Yonaton Shiray, Shira Haas u.a. Deutschschweizer Kinostart am 5. April 2018.

«Wajib». Palästina/Frankreich/Kolumbien/Deutschland/V.A.E./Katar/Norwegen 2017. Regie: Annemarie Jacir. Mit Mohammed Bakri, Saleh Bakri, Maria Zreiuk, Rana Alamuddin u.a. Deutschschweizer Kinostart am 8. März 2018.

«Ga’agua». («Longing») Israel 2017. Regie: Savi Gabizon.. Mit Shai Avivi, Asi Levi, Neta Riskin, Yoram Tolledano, Shimon Mimran u.a. DVD angekündigt; Infos: https://www.trigon-film.org/de/movies/Longing

«Ya tayr el tayer» («Ein Lied für Nour» aka «The Idol») Palästina/UK/Qatar/Niederlande/Ägypten/VAE 2015. Regie: Hany Abu-Assad. Mit Tawfeek Barhom, Kais Attalah, Hiba Attalah, Ahmad Qasem u.a. DVD erschienen bei Praesens.

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