Die Trauer zulassen – Carla Simóns «Estiu 1993»

In Carla Simóns autobiografisch inspirierten ersten Langspielfilm sehen wir Szenen aus dem Leben von Frida, die ihre Eltern verloren hat und nun bei ihrer Tante auf dem Land leben muss.

Die 6-jährige Frida (Laia Artigan) hat ihre Eltern verloren; beide waren HIV-positiv. Im Sommer 1993 (deshalb auch der Titel, katalanisch «Estiu 1993» oder englisch «Summer 1993») kommt sie mit Tante, Onkel und Cousine aufs Land, wo sie sich erst an den von der Grossstadt Barcelona so verschiedenen Landgroove gewöhnen muss…

Frida (rechts) und ihre neue Schwester Anna. (Bild: zVg)

Katalonien ist als Filmland bei uns nicht unbekannt, denn immer wieder (oder zumindest ab und zu) schaffen es Filme, dort gedreht wurden, in unsere Kinos, «The Machinist» etwa oder «Vicky Cristina Barcelona». In diesen Filmen ist allerdings kein Wort katalanisch zu hören; «The Machinist» spielt so oder so in Kalifornien. Ganz anders «Estiu 1993»: hier ist der Titel katalanisch, und gesprochen ist der Film ebenfalls katalanisch. Nur wenn Musik zu hören ist, nur dann ist auch das Kastilische zu hören. Einerseits spezielle Musik für Kinder, die Frida und ihre neue Schwester hören. Andererseits lateinamerikanische Musik, zu der die Erwachsenen tanzen, während Frida unglücklich zusieht. Hier kommt die Einsamkeit Fridas zum Ausdruck, die zwar eine neue Familie gefunden hat, aber zumindest ihre Mutter (vom Vater ist an keiner Stelle die Rede) eben doch vermisst. Sie ist zwar noch sehr jung; aber sie versteht doch genug, um den Schmerz eben sehr bewusst zu spüren.

Darum geht es in diesem Film: um diesen authentischen Schmerz, um den Verlust, um das Hineinwachsen in neue Umstände. Das ist nicht nur die Geschichte einer Familie, eines Kindes, sondern noch viel mehr. Anna Simón hat dies fast ohne Plot umgesetzt und das ist gut so, denn ein Plot würde hier nur vom Wesentlichen ablenken. Sie ist damit nahe bei Robert Altman, aber auch bei Julie Gavràs und ihrem Film «La faute à Fidel!», in dem das natürliche Spiel von Kindern ebenfalls eine wichtige Schlüsselrolle spielt. Anna Simóns Debütfilm ist ein grosser kleiner Film, der noch lange nachwirkt. In einer wichtigen Szene im Film sehen wir Frida mit einer katalanischen Fahne an einer folkloristischen Veranstaltung. Sie hat ihren Platz in der ländlichen Gemeinde gefunden – doch die Abwesenheit der Mutter hinterlässt immer noch eine Lücke.

«Estiu 1993». Spanien 2017. Regie: Carla Simón. Mit Laia Artigan, Paula Robles, Bruna Cusí, David Verdeguer, Fermí Reixach, Isabel Rocatti u.a. Deutschschweizer Kinostart am 26. Juli 2018.