Söldner oder Reporter, Autor oder Mörder – Anja Kofmels «Chris the Swiss»

Anja Kofmel legt mit «Chris the Swiss» einen sehr interessanten Dokumentarfilm vor, über ihren Cousin Chris, ihre Familie, den Zerfall Jugoslawiens. Auch formal weiss der Film zu überzeugen: die fiktiven Teile wurden animiert. Dies erlaubt einen differenzierten Blick auf Fiktives, Vorgestelltes und Dokumentarisches.

Christian «Chris» Würtenberg war schon als Minderjähriger im südlichen Afrika und liess sich dort zum Söldner der Apartheid ausbilden. Als Erwachsener, unterdessen Journalist bei Radio 24, begibt er sich nach Kroatien, wo er zuerst journalistisch arbeitet, dann aber auf kroatischer Seite in den Kampf zieht…

Chris wird vom Reporter zum Söldner – so stellt sich Anja Kofmel die Rekrutierung ihres Cousins vor. (Bild: zVg)

Chris ist ein Mysterium. War er ein Schweizer Geheimagent, wie Carlos «der Schakal» (Ilich Ramírez Sánchez) im Telefoninterview sagt? Oder ein Journalist und Reporter, der die Grenzen seiner Arbeit nicht richtig einschätzen konnte? Oder gar ein Agent von anderen, ausländischen Mächten? Anja Kofmel, die Cousine von Chris, kann diese Fragen nicht beantworten, auch wenn ihr Film wohl doch eher die zweite Antwort bevorzugt. Christian «Chris» Würtenberg wurde letztlich wohl auch deshalb von seinen «eigenen» Leuten umgebracht, weil eben doch nur allzu klar war, dass er eigentlich ein Buch über den Krieg schreiben wollte; der Kampf für ein unabhängiges Kroatien und die Gewalt waren nicht das, was ihn wirklich interessierte. Als Journalist lebte er auch wohl einige Wochen als Clochard, ebenfalls aus Recherchegründen. Aber ist dies wirklich noch Recherche oder bereits mehr? Genau dieselbe Frage stellt sich wohl letztlich auch bei Christians «Einsätzen» im südlichen Afrika und in Kroatien.

Kofmels Film hat viele Stärken. Einerseits erzählt der Film eine sehr persönliche Geschichte, und die Episoden aus Chris’ Leben, die sich Anja Kofmel vorstellt, sind in Zeichentrickform zu sehen – hier unterscheidet sich der  Film vom ebenfalls sehr guten «Waltz with Bashir», in dem aber alles, sowohl dokumentarische als auch vorgestellte Szenen, animiert zu sehen ist. Hier hat Anja Kofmel einen guten Weg gefunden, die Stilmittel differenzierend einzusetzen. Bei «Waltz with Bashir» wäre das allerdings gar nicht möglich gewesen, da die Protagonisten sich z.T. wohl nicht als solche zu erkennen geben wollten. Stark ist der Film auch, wo es um die Vermittlung der Geschichte Jugoslawiens geht. Dies ist heute um so wichtiger, da dies für jüngere Semester alles schon weit weg ist. Kofmels Film ist darüber hinaus auch vielstimmig; zwar versucht sie nicht, die Theorien über die Einflussnahme des Opus Dei oder über Christians angebliche Tätigkeit für den Geheimdienst zu erhärten oder zu widerlegen. Letztlich ist es eben doch ein persönliches Dokument – das macht den Film sehr ehrlich.

«Chris the Swiss». CH/Kroatien/Deutschland/Finnland 2018. Regie: Anja Kofmel. Dokumentarfilm. Deutschschweizer Kinostart am 13. September 2018.

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