Nachwehen der Geschichte – David Robert Mitchells «Under the Silver Lake»

Schon mit «It Follows» und «The Myth of the American Sleepover» hat er gezeigt, dass er zu den ganz grossen Talenten der Filmnation USA gehört. Nun beweist David Robert Mitchell mit seinem neuen, im doppelten Sinne des Wortes fantastischen Neo-Noir, dass er wohl in Zukunft in der ersten Liga spielt.

Sam (Andrew Garfield) lebt ein gutes Leben: für Unterhaltung ist gesorgt, und seine Freundin, eine Schauspielerin, kommt ab und zu vorbei und bringt ihm Sushi. Auch seine Mutter kümmert sich um den Mitdreissiger, der noch in den 90er Jahren hängen geblieben ist – u.a. mit Fernsehtipps. Wenn da nur nicht der Vermieter wäre… was Sam aber wirklich interessiert, ist eben nicht Geld,  sondern seine hübsche Nachbarin. Er lernt sie kennen, nachdem er ihrem Hündchen etwas zum Knabbern gibt. Doch am Tag darauf ist sie spurlos verschwunden…

«Under the Silver Lake» ist ein Neo-Noir, und Neo-Noir heisst immer auch Hommage. David Robert Mitchells Film ist aber nicht nur eine Hommage an den (Neo-)Noir an sich – an Filme wie «The Maltese Falcon» (1941) oder «Chinatown» (1974) – sondern bezieht sich auch auf die ganze Populärkultur seit den 60er Jahren. Das verbindet den Film mit einem anderen Neo-Noir, und zwar «The Big Lebowski» (1998): in beiden Filmen ist die Hauptfigur ein Versager, der kein Geld verdient und sich einfach treiben lässt. Doch ist erst mal seine kriminalistische Neugier geweckt, entwickelt der Dude ebenso wie Sam doch neue Energien. Wobei Sam natürlich doch etwas dynamischer ist als der Dude: der Dude wartet, bis eine Frau auf ihn zukommt – Sam hingegen kann auch schon mal was unternehmen, um eine interessante Frau (wie seine Nachbarin) kennenzulernen.

Sam (Andrew Garfield) ist nicht zuletzt auch ein «peeping tom» und steht somit für das Publikum. (Bild: zVg)

«Under the Silver Lake» ist ein langer Film, aber auch ein extrem reichhaltiger Film: ein Meta-Film mit sehr viel Kultpotenzial. Keine Komödie zwar, aber die Menschen, die den Film schätzen, werden ihn wohl immer wieder sehen wollen und immer wieder neu analysieren wollen. Wir schreiben das Jahr 2018, Charles Manson ist gestorben, doch die 60er Jahre sind präsenter denn je, etwa in Panos Cosmatos’ Film «Mandy», aber nun auch in «Under the Silver Lake»: der janusköpfige Hippie-Jesus ist überall.

«The past is not dead, it is not even past» – dieses Zitat von William Faulkner stimmt hier wie dort. Da verwundert es auch nicht, wenn Sams Freund an der Hausnummer 1492 lebt – ein klarer Verweis auf das Jahr, in dem Kolumbus (nicht als erster) Amerika entdeckt hat, vielleicht auch an das Jahr, in dem die Mauren Spanien verloren haben. Dieser Fokus auf die Geschichte verbindet Mitchells Film mit David Lynchs «Mulholland Drive» (2001), der – wie «The Big Lebowski», wie «Chinatown» – auch in Los Angeles spielt. Dem Land, aus dem die Träume stammen – und auch einige Albträume… Hingehen, staunen – und mitträumen!

«Under the Silver Lake». USA 2018. Regie: David Robert Mitchell. Mit Andrew Garfield, Riley Keough, Riki Lindholme, Wendy Vanden Heuvel, Deborah Geffner, Callie Hernandez, Luke Baines, Topher Grace u.a. Deutschschweizer Kinostart am 6. Dezember 2018.

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