Eine Kindheit im Ruhrpott – Caroline Links «Der Junge muss an die frische Luft»

Caroline Links Verfilmung von Hape Kerkelings Erinnerungen an seine Kindheit ist eine nostalgische Reise in eine idyllische Zeit, die aber nicht frei von einem grossen Schicksalsschlag ist.

Der kleine, nicht ganz dünne Hans-Peter (Julius Weckauf) ist ein sehr aufgewecktes Kind mit schauspielerischem Talent. Er wächst im Ruhrpott auf, in einer traditionellen katholischen Familie, komplett mit Nonne und Tante-Emma-Laden. Doch das Leben ist nicht nur Konfitüre: seine Mutter wird schwer krank und verliert nach einer Operation ihren Geruchssinn…

Einmal Ruhrkompott mit allem, bitte! (Bild: zVg/© 2018 Warner Bros. Ent. – All Rights Reserved.)

Wo Caroline Link draufsteht, ist solide Qualität drin. Für ihren ersten Film «Jenseits der Stille» erhielt sie gar den Oscar, es folgten die Kästner-Verfilmung «Pünktchen und Anton», «Nirgendwo in Afrika» (literarische Vorlage: Stefanie Zweig), der Thriller «Im Winter ein Jahr» (nach Scott Campbells Roman) und «Exit Marrakech» (Originalstoff). Im Moment arbeitet Link an einer Verfilmung von «Als Hitler das Rosa Kaninchen stahl» (Judith Kerr). Auch mit «Der Junge muss an die frische Luft» beweist Link, dass sie gerne nach literarischen Vorlagen arbeitet (gerade auch nach biografischen Stoffen); ihr nächstes Projekt macht da keine Ausnahme. Sehr gerne arbeitet sie auch mit dem Basler Niki Reiser: Reiser hat bis dato jeden Linkschen Film musikalisch untermalt.

Niki Reiser und Caroline Link verbindet denn auch wohl tatsächlich einiges: so solid die Regie – so solid die Musik. Keine Experimente, um Adenauer zu zitieren. Und bei Adenauer sind wir wohl auch nicht ganz falsch; dieser war 1964 – als Kerkeling geboren wurde – zwar nicht mehr Bundeskanzler, doch die Idylle, die der Film entwirft, hätte Adenauer wohl auch gefallen. Nicht ausgespart wird im Film das persönliche Schicksal der Mutter (und somit auch das der Familie Kerkeling), aber wer hier Sozialkritik sucht, sitzt wohl doch im falschen Film. Das ist Links (und Kerkelings) Hommage an eine schöne Zeit, an eine Kindheit wie aus dem Bilderbuch. Insofern ist dies wohl auch wirklich ein Film für die ganze Familie; der Film wurde denn auch von der FSK ab 6 Jahren freigegeben: viel Humor auf der einen Seite, aber auch Themen wie Verlust und Mobbing werden angesprochen. Natürlich ist der Film für 6-Jährige nicht sonderlich interessant – aber die FSK-Freigabe bedeutet ja auch nicht, dass der Film wirklich für 6-Jährige geeignet ist: es geht eher darum, dass ein 6-jähriges Kind nicht traumatisiert wird. Empfehlenswert ist der Film wohl eher ab 11 – und dann ist ein Screening en famille sicher keine schlechte Idee. Es ist ja wohl auch kein Zufall, dass Links zweiter Film auf einem Kinderbuch basierte – wahrscheinlich kann Link alle Genres; aber Horror oder Science Fiction sind wohl doch nicht eher ihr Ding. Ob sie mehr ist als eine solide Handwerkerin? Das tut hier nichts zur Sache, denn: «film is what works», um Kollege Michael Sennhauser zu zitieren. Filme von Link: die funktionieren eben.

«Der Junge muss an die frische Luft». Deutschland 2018. Regie: Caroline Link. Mit Julius Weckauf, Luise Heyer, Sönke Möhring, Joachim Krol, Katharina Hintzen, Sönke Möhring, Maren Kroymann u.a. Deutschschweizer Kinostart am 25. Dezember 2018.