Kampf gegen den Fundamentalismus – Mounia Meddours «Papicha»

Die frankoalgerische Regisseurin Mounia Meddour überzeugt mit einem Einblick in das Leben von jungen Frauen während des Bürgerkriegs in Algerien.

Nedjma, genannt Papicha (frankoalgerisch: kokettes Mädchen, Szenegirl), will leben, Feste feiern und Mode entwerfen. Sie studiert zusammen mit anderen jungen Menschen an der Uni; sie wohnt in einem Heim für Studentinnen. Doch die Zeichen im Algerien der Neunzigerjahre stehen auf Sturm: die Fundamentalisten wollen ihre Vision des Islam durchsetzen und alles und alle gleichschalten. Gefährdet sind vor allem junge Frauen, aber selbst ein Professor an der Uni ist nicht sicher…

Nedjma und ihre Freundinnen. (Bild: zVg)

Männer kommen in «Papicha» nur am Rand vor, doch gerade diese Figuren sagen viel aus: der auf Französisch unterrichtende Professor, der für ein laizistisches Algerien steht, der Nachtwächter, der sich die unsichere Lage zunutze macht und die Frauen bedrängt, der Taxifahrer, der nichts dagegen hat, wenn die jungen Frauen in seinem Taxi Technotronic hören wollen, der Islamist, der sie dann anhält, der Kleiderhändler, der sich an die neuen Verhältnisse anpasst…

«Papicha» ist aber in erster Linie ein Film von Frauen (Drehbuch: Mounia Meddour, Fadette Drouard) und über Frauen: auch die Fundamentalistinnen sind hier sehr präsent (und aufgrund ihrer Kleidung auch leichter zu erkennen als ihre männlichen Gegenstücke); hier zeigt sich auch, wie differenziert das Bild ist, das Meddour in ihrem ersten Film zeichnet. «Papicha» ist also nicht nur ein Film, der ein westliches Publikum über die décennie noire in Algerien aufklärt; sondern noch viel mehr.

Die Kommilitonin, die aus einer traditionellen (und zweifellos armen) Familie stammt, rappt denn auch an einer Stelle «Vous êtes fous!» von Benny B und DJ Daddy K – der marokkanisch-belgische Rapper hat seinen Weg ins Herz der jungen Frau, die bald heiraten muss und das Studium dann zweifellos nicht beenden kann, gefunden… Benny B rappt darin: «Je descends des quartiers soit disant mal fréquentés».

Damit kann sich die junge Frau wohl identifizieren. Die 90er-Jahre mit ihrem leichtfüssigen Pop-Rap und HipHouse werden hier aber zumindest teilweise völlig anders kontextualisiert – was im Westen leichte Kost für die Charts ist, hat hier eine ganz andere Bedeutung; Samira wird so mit Benny B zur Rebellin. Die Musik von Benny B, von Technotronic oder auch Ini Kamozes «Here Comes the Hotstepper» hat so eine auf den ersten Blick verblüffende neue Heimat gefunden.

Dabei bleibt Nedjma aber ihrer Heimat treu, sie entwirft vom traditionellen Haïk inspirierte Kleidung für Frauen, auch ein Verweis aus den Unabhängigkeitskrieg, in dem Frauen diesen als Waffe gegen die Kolonisatoren eingesetzt haben. Doch all dies nützt ihr nichts; sie lebt zur falschen Zeit am falschen Ort. Obwohl gerade sie ja in Algerien (ihr Motto: «one two three, vive Algérie!») bleiben will… die Zeit ihrer aufgeschlossenen, mehrsprachigen Liebe zur Heimat ist zumindest vorübergehend abgelaufen. Ein starker Erstling!

«Papicha». Frankreich/Algerien/Belgien/Katar 2019. Regie: Mounia Meddour. Mit Lyna Khoudri, Shirine Boutella, Amira Hilda Daouda, Zahra Manel Doumandji u.a. Deutschschweizer Kinostart am 10. September 2020.


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