Céline Sciammas «Petite Maman» – Die Kraft der Fantasie

Mit «Petite Maman» legt Céline Sciamma ihren intimsten Film vor, einen Film über Familie, Trauer und Fantasie. Eine Reise in die eigene Kindheit in unter 80 Minuten.

Nach dem Tod ihrer Grossmutter hilft die kleine Nelly ihren Eltern, das abgelegene Haus ihrer Grossmutter zu räumen. Sie lernt ein Mädchen aus der Nachbarschaft (die vor allem aus Wald zu bestehen scheint) kennen. Dieses Mädchen heisst wie ihre Mutter Marion. Eine spezielle Freundschaft entsteht…

Die zwei Mädchen spielen gerne – sie schauspielern auch gerne. Und zwar nicht nur die Schauspielerinnen Joséphine und Gabrielle Sanz (dies ist zumindest zu vermuten!), sondern auch die Figuren Nelly und Marion. Dies ist auch der Schlüssel zum Verständnis dieses zumindest grösstenteils naturalistischen Films: erst die Fantasie macht den Menschen zum Menschen. Erst die Fantasie ermöglicht das Weiterleben nach dem Tod eines geliebten Menschen – erst der Kontakt zu anderen Menschen macht es möglich, weiterzuleben.

Der Mensch ist nicht dazu da, alleine zu leben. Das Mädchen Nelly verarbeitet den Tod ihrer Grossmutter mit viel Fantasie; dies fällt in diesem Alter noch leichter. Die Eltern müssen damit anders umgehen, sie müssen räumen, aufräumen und wohl auch Papierkram erledigen. Nelly kann mit ihrer Freundin in der Fiktion, im Spielen nach Wegen suchen, das Erlebte zu verarbeiten. Ihr Name scheint dabei auf ihre Grossmutter zu verweisen, schliesslich war Nelly früher ein sehr moderner Name.

Das Abenteuer ruft! (Bild: zVg)

Allerdings bleiben alle Figuren ausser Nelly, der Mutter Marion und dem Mädchen Marion namenlos – das ist natürlich stimmig, denn für Kinder heissen die Eltern anfangs nur «Mama und Papa», die Grosseltern «Mamy et Papy» usw. Erst durch den Tod ihrer Grossmutter – und die Begegnung mit dem Mädchen Marion – erkennt Nelly, dass ihre Mutter auch einen Namen hat. Beide Namen sind zudem (ursprünglich) Koseformen: Nelly von Ellen, Helen oder Eleanor; Marion von Marie.

Céline Sciammas aktueller Film ist wahrscheinlich ihr intimstes Werk bis jetzt; es ist sicherlich näher bei ihrer eigenen Welt als «Portrait de la jeune fille en feu», der ja ein Kostümfilm und im 18. Jhdt. angesiedelt war. Zugleich ist es eine Rückkehr zum Thema Kindheit und Jugend, das Céline Sciamma bereits in drei Spielfilmen behandelt hat: «Bande de filles» (2014) (schwarze Mädchen in der Banlieue; 2014), «Tomboy» (eine 10-Jährige auf der Suche nach einer eigenen Identität; 2011), «Naissance des pieuvres» (Liebesdreieck unter Adoleszenten; 2007).

«Petite Maman» ist ein perfekt gemachtes, inspirierendes Werk – aber etwas anderes ist von Sciamma ja nicht zu erwarten. Vielleicht Céline Sciammas bester Film, inspiriert nicht zuletzt auch von ihrer eigenen Kindheit.

«Petite Maman». Frankreich 2021. Regie: Céline Sciamma. Mit Joséphine Sanz, Nina Meurisse, Gabrielle Sanz, Stéphane Varupenne, Margot Abascal. Deutschschweizer Kinostart am 4. November 2021.


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