Nach(t)klänge

Von Norwin Tharayil

 

Am heutigen Texttag präsentiert Ihnen Zeitnah den traumwandlerischen Text „Nach(t)klänge“ von Norwin Tharayil. Wie im Schlaf heben sich Realität und Vorstellung gegenseitig auf und verleihen der Geschichte eine reizvolle Aura des Unerklärlichen. Sind wir noch wach oder schlafen wir längst schon?

 

“Zeitnah: Kulturmagazin seit 2012″ schätzt sich glücklich, Ihnen am heutigen Texttag Norwin Tharayils Geschichte „Nach(t)klänge“ präsentieren zu dürfen. (zVg)

 

„Gottlob haben sie nicht verstanden, wo das Spektakel aufhörte und die Katastrophe begann, und man hatte sie in dem glücklichen Wahn gelassen, daß alles Theater gewesen sei.“ – Thomas Mann, Mario und der Zauberer

 

Wenige von ihnen waren noch bei Bewusstsein. Es war spät, bzw. früh und selbst diejenigen, die mit noch harmloser aber nichtsdestotrotz nervenzerreibender Agrypnie kämpften, hatten sich erfolgreich in Traumwelten gesoffen. Die Hübsche liegt, die Augen weit geöffnet, inmitten des Rudels. Hilflos, verzweifelt: Insomnie. Sie weiss, dass sie nicht schlafen wird, nicht, solange die Geräusche der unschuldigen Atemzüge der Schlafenden deren Nasen sprengten und ihr das Trommelfell zerrissen.
In der Küche klimpert noch Besteck, schwere Schritte, der Grosse hält sich künstlich wach. Vergebens, der Friede hat sich längst eine Strecke weiter begeben.
Schlafstarren verboten! Es verstärkt stets die Antipathie gegenüber dem Selbst; die Annahme, dass man selbst Unschuld, Naivität und Kindlichkeit ausstrahlt in diesem durch und durch reinen Zustand, bleibt Annahme, solange man sich nicht selbst dabei sehen darf.
Die Wände sind dünn, ein Kinderspiel für Geräusche. Schmatzen, bald genauer als Kussgeräusche identifiziert. Die Finger der lauschenden Schönen berühren ihren nackten Bauch und endlich fallen ihre noch immer geschminkten Augenlider. Langsam, vorsichtig streichelt sie sich weg. Allein, zufrieden, so etwas wie Schlaf.

 


 

Norwin Tharayil wurde 1989 in Liestal geboren und studiert zurzeit Germanistik und Geschichte in Basel. Er ist Teil des Basler Künstlerkollektivs kreide komma kohle, bei dem er in erster Linie schauspielerisch tätig ist.


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