Soforthilfe für Modeopfer: Was uns die Zeitschrift «Friday» so zu sagen hat

Von Michel Schultheiss

Was wäre ein Freitag ohne die gleichnamige Gratiszeitschrift? Friday versüsst mir jeweils den Start ins Wochenende. Die Tramlektüre informiert mich kompetent zu den Themengebieten Mode, Promis, Trend, Beauty und Lifestyle. «20 Minuten Friday», welches laut Tamedia über eine Auflage von 180’000 Exemplaren verfügt, steht rechtzeitig vor dem abendlichen Ausgang in den Verteilkästen an den Haltestellen bereit. Es ist der «unentbehrliche Gesprächsstoff für eine ganze Generation junger, urbaner Deutschschweizerinnen und Deutschschweizer», wie die Herausgeberschaft das Erfolgsprodukt beschreibt. Daher ist es höchste Zeit, eine genauere Lektüre der aktuellen Ausgabe, derjenigen vom 14. Dezember 2012, vorzunehmen.

Das Titelblatt des Magazins verspricht schon Nahrhaftes. Die Wahrheit über die «Dating-Queen» Taylor Swift – ein Thema, das mich schon immer beschäftigt hat. Doch zunächst ist einmal Geduld angesagt, schliesslich will die Zeitschrift während der Tramfahrt von vorne bis hinten gelesen werden. Nach einer iTunes-Werbung kommt die Inhaltsübersicht mit einer Info aus der Redaktion: Modeassistentin Jennifer hat bei der besagten Zeitschrift als Praktikantin angefangen und schon ihr erstes Modeshooting produziert, welches zeigen soll «wie sexy der Winter doch sein kann». Umringt von weihnachtsgestressten Fahrgästen, welche in ihren dicken Wintermänteln schwitzen, ist eine solche Ankündigung ein kleiner Lichtblick. Gleichzeitig habe ich ein Aha-Erlebnis: Schande über diejenigen, welche im Alter von 20 Jahren noch keinen eigenen Fashionista- oder Lifestyle-Blog mit mehreren Tausend Klicks pro Tag betreiben! Nehmt euch also ein Vorbild an den Ich-AGs, welche im Friday präsentiert werden!

Lächelt mir jeden Freitag vom Verteilkasten aus zu: Das Magazin Friday füllt so manche Wissenslücke in Sachen Fashion, Stil und Promis.

Lächelt mir jeden Freitag vom Verteilkasten aus zu: Das Magazin Friday füllt so manche Wissenslücke in Sachen Fashion, Stil und Promis (Foto: smi).

Die Chronik der Dating-Queen

Mit Bildung geht’s gleich auf Seite vier weiter. Dort befindet sich die Rubrik «Lernen von…». Diese Woche darf 50 Cent eine Weisheit zum Besten geben. «Ein Mann wird für eine Frau erst attraktiv, wenn er Macht hat. Macht ist ein Aphrodisiakum». Die Feststellung des Rappers könnte glatt als Weltwoche-These durchgehen – ganz nach dem Motto «Man wird doch wohl noch sagen dürfen!» Nach ein paar gut designten und gut beworbenen Produkten, die in Zürcher Boutiquen erhältlich sind, geht’s weiter mit einer Camel Activate-Zigarettenreklame. Diese ist umrandet von  gelungenen Schnappschüssen. Nach der Erkenntnis, dass Paris Hilton sich im Partnerlook mit ihrem Toyboy präsentiert und dass Beyoncé vor einem Picasso posiert hat, kommt nun endlich die versprochene Titelstory an die Reihe. All die von der Sängerin Taylor Swift gedateten Jungs werden chronologisch und mit aufschlussreichem Bildmaterial aufgelistet. Dank der guten didaktischen Aufbereitung des komplexen Themas, wird mir nun endlich klar, wie es um die Reihenfolge von Swifts Verabredungen steht.

Mithalten mit den Schönen New Yorks 

Die nächste Werbung, diejenige der GE Money Bank («Kreditfinanzierung nach Mass») zeigt gut auf, was die Leserschaft nötig hat, wenn sie den Inhalt der Zeitschrift allzu ernst nimmt. Nach einer Prepaid-Reklame ist Hemingway an der Reihe – nicht der Schriftsteller, sondern dessen Urenkelin. Diese schreibt nicht, sondern geht in New York auf Partys. Zudem kleidet sie sich ein. Friday steht mit Ratschlägen zur Seite, wenn wir wissen wollen, was wir kaufen müssen, um auch etwas von Dree Hemingways Look abzubekommen. Immerhin haben Ernest und Dree etwas gemeinsam: Beide feiern gerne ausgiebig. Beim einen kommen dabei Romane raus, bei der anderen Dessouslinien.

Nach einem weiteren Umblättern kommt nun also die vorhin gelobte Modeassistentin Jennifer zum Zug. Noch nie haben eine Skijacke und ein Höschen eine solch gute Symbiose gebildet. Passend zum abgebildeten Model ist auch der Slogan: «Ski chic, das gibt Schwung, damit kriegt ihr jede Kurve». Nach der Bilderstrecke mit dem Unterwäsche-Catwalk für frostige Gefilde wird es erstmals ein wenig bissig – erstaunlich für eine ansonsten sarkasmusfreie Zeitschrift. Ein Kolumnist meint, die «Gutmenschen-Aktion» namens «Jeder Rappen zählt» sei ein reines Medienspektakel. Diese Kritik an diesem humanitären Gesülze ist verständlich – schliesslich stellt die Spendenaktion eine ernsthafte Konkurrenz für Friday dar. Was ist schon eine Trinkwasserknappheit im Vergleich zu einem Wohlstandsverwahrlosten, welcher noch keine Sonnenbrille von Damir Doma hat? Soforthilfe für Fashion Victims ist schliesslich auch wichtig zur Adventszeit.

Identitätskrisen als Lifestyle

Anschliessend geht es gutbürgerlich zu und her: Ein kleiner Tisch-Knigge zeigt auf, dass der Abstand zwischen Messer und Gabel 27 bis 30 Zentimeter betragen sollte. Wer sich das nicht merken kann: Es sollte ein Teller dazwischen passen. Diese etwas aus der Reihe tanzende Ratgeberseite ist aufschlussreich, da sie aufzeigt, welch biedere Zukunft den heutigen Partygängern blüht. Früher oder später werden sich auch die coolsten WG-Bewohner der folgenden Seite an spiessige Regeln gewöhnen müssen. Noch posieren sie aber auf einem Tilllate-Foto: «Celia, Dany, Joy und Franky haben mit ihrer WG Banana Bungalow den M-Budget-WG-Contest auf Joiz gewonnen». Erschlagen von dieser Kaskade von Fachbegriffen schweift mein Blick über eine Bull Vodka-Reklame, welche dazu einlädt, schon mal im Tram den Abend einzutrinken.

Nun kommt aber der Höhepunkt: Das Feuilleton von Friday, hier auf gut Neudeutsch «Culture Club» genannt. Nebst Solange Knowles und dem Hobbit ist hier Michèle Roten abgebildet. Die kurzen und knackigen Veranstaltungsankündigungen werden von der ganzseitigen Fitnesscenter-Werbung von nebenan in den Schatten gestellt. Nach einem weiteren Umblättern findet vollzieht Friday eine erstaunliche Selbstreflexion. Der Fotograf Michael Meier spricht über Identitätskrisen und meint Folgendes: «Durch das Internet und die Bilderflut hat man Anforderungen an sich selber, die man vielleicht gar nicht erfüllen kann». Ob beabsichtigt oder nicht, Friday hält sich mit diesem Beitrag selbst den Spiegel vor. Doch dieser Beitrag riecht zu stark nach Phileinser-Diskussionen. Schon nur wenn ich das Wort «Identität» höre, blättere ich lieber weiter und gelange nach dem Horoskop, Fragen an eine Pflegefachfrau und einer Kosmetikreklame zum Ende der Lektüre und freue mich bereits jetzt auf den kommenden Freitag. Und für alle Besserwisser mit Kulturdünkel, die sich im Tram lauthals über dieses lehrreiche literarische Erzeugnis mokieren, habe ich stets nur Unverständnis übrig.

 

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