Der Sog der Reinheit

Sängerin und Schauspielerin Nina Meier Bradlin schafft es Jazzstandards so frisch klingen zu lassen, als wären sie eben erst geschrieben worden.

Sängerin Nina Meier Bradlin  trifft sie wirklich, die "Blue Notes".

Sängerin Nina Meier Bradlin trifft sie wirklich, die “Blue Notes” im Fakt neben der Markthalle in Basel



Von Andy Strässle

Basel. Es riecht nach frischer Farbe am Freitagabend. Das liegt daran, dass im Fakt die ganze 25 Meter lange Wand im Veranstaltungsraum jeweils von einem Künstler bemalt wird. Nina Meier Bradlin ist erkältet. „Kein Problem“, sagt sie: „Als Sängerin oder Schauspielerin macht man einfach weiter, bis man umfällt.“ Sie lächelt. Als sie für den Soundcheck „Speak Low“ von Kurt Weill a cappella intoniert, ist schon klar, um die Stimme muss sie sich trotzdem keine Sorgen machen.

Kurz vor Acht ist es im Lokal neben der Markthalle noch ziemlich ruhig. Auch dass sie kurzfristig den Drummer auswechseln musste, steckt Nina Meier Bradlin mit einem Lächeln weg. Bei der Probe zum Gershwin Song „Nice Work“ steigt nun auch die Rhythmusgruppe ein.

Die Stimme von Nina Meier Bradlin ist eine Überraschung – sie ist hell und klar und wirkt doch dramatisch. Von Billie Holiday bis zu Ella Fitzgerald, von Dinah Washington bis hin zu Dee Bridgewater: Alle diese Jazzdiven haben den Standard gesungen und doch bringt es Meier Bradlin fertig, den Song frisch und neu klingen zu lassen.

Mag sein, es ist gar keine Überraschung: Die Sängerin aus Detroit hat schon mit vierzehn in der Heimat in Musicals mitgespielt und gesungen. Dass sie zum Jazz gekommen ist, liege an der Zusammenarbeit mit einem Pianisten in Detroit. Ihre ersten musikalischen Schritte habe sie in einer Funkband gemacht, bevor sie im Rockmusical «Return to the Forbidden Planet» gespielt habe, um dann den Jazz zu entdecken.

Aus Detroit stammend, ist die Sängerin eben aus ihrer Heimatstadt zurückgereist. Eindrücke aus der Autostadt im mittleren Westen hat man in der Schweiz wohl vor allem aus Michael Moores Dokumentarfilm „Roger and me“, der etwas plakativ den Zerfall der Autoindustrie aufzeigte. „Aber jetzt läuft etwas, es gibt an jeder Ecke wieder Hoffnung“, sagt Meier Bradlin. So lange sie da war, lief auf jeden Fall genug: Sie hatte ihre Familie besucht, im Studio an den Aufnahmen für ihre zweite Platte weitergearbeitet und abends noch bei Gastauftritten in den Clubs gesungen.

Die Amerikanerin kehrt gerne für einen Besuch zurück in die Autostadt, doch da sie schon lange in Basel lebt und arbeitet, sagt sie, sie sei inzwischen mehr in der Schweiz zu Hause. Im Fakt sind nun Trompeter Bodo Maier und Gitarrist Phillip Gloor eingetroffen und die kleinen Tische im Zuschauerraum füllen sich langsam. Ein Hauch von Nervosität ist nun zu spüren, doch Ruhe scheint nicht die Hauptsache für die Sängerin und Schauspielerin.

Als Schauspielerin gehört sie zum Ensemble des Förnbacher Theaters, im Gymnasium am Münsterplatz gibt sie Schauspielkurse und hat etwa George Orwells «1984» inszeniert. «Im Moment bin ich  aber eher auf die Musik konzentriert. Letztes Jahr habe ich angefangen eigene Songs zu schreiben.» Sie habe mit den Texten begonnen und arbeite nun an den Melodien und Arrangements. Da sei auch ein Song drunter, der sich um die Situation in Detroit drehe, er sei funky und bluesig, wie es zur Stadt passt, erklärt sie und schielt nun mehr und mehr zur Bühne.

Schon früh aufzutreten und etwa an High School-Produktionen mitzumachen, sei für sie einfach natürlich gewesen. Ihre Eltern hätten sie dabei nicht unter Druck gesetzt. «Es ist nicht so gewesen, dass ich hätte drei Stunden am Tag Klavier üben müssen…» erklärt sie und fügt augenzwinkernd hinzu: «Leider!» Musikalisch sei ihre Familie aber schon. Ihre Mutter spielte Fagott und Oboe und ihr Bruder ist Bluesmusiker in Detroit.

Kurz Zeit, um von der Zusammenarbeit mit dem Gitarristen Kieran Kennedy in Irland zu schwärmen hat sie noch. Im Sommer sei sie auf der grünen Insel gewesen, um musikalische Ideen auszutauschen. Die Zusammenarbeit sei sehr spontan gewesen und sie habe einige musikalische Ideen mitnehmen können. Mit Drummer und Bandleader Michael Turtle aus England arbeitet Nina Meier Bradlin normalerweise. Er fehlt am Freitag im Fakt, weil er sich verletzt hat. Mit Turtle schreibt Meier Bradlin die Songs fürs das zweite Album. Aufgenommen wird in Irland, Detroit und der Schweiz ein «grosses, aufwändiges Projekt» also.

Für Nina Meier Bradlin ist dabei die Leidenschaft für die Musik wichtiger als der Erfolg: „Ginge es mir vor allem um kommerziellen Erfolg, müsste ich vor allem viel mehr reisen, auf Tournee gehen.“ Bei ihrem vollen Programm hat sich das wohl nicht gerade aufgedrängt. Als Schauspielerin spielt sie im Theater etwa  in „Volpone“ und in „Rent“. In «A Streetcar named Desire» von Tennesse Williams spielte sie schon die Hauptrolle. Und das auch in Helsinki. Dazu hat sie 2010 ihr erstes Album „Sela’s Song“ aufgenommen.

Während im Zuschaerrund der Markthalle nebenan als einzige Zuschauer die Kellner dem Zirkus Starlight zuschauen, sind im Fakt unterdessen alle Tischchen besetzt. Das erste Set beginnt mit „Nice Work “, der Sound auf der Bühne ist wohl temperiert und klar. Die Sängerin überrascht mit ihren Interpretationen, diese sind rein, halten sich an die Vorlage und auch als sie mit Cole Porters „Night and Day“ weitermacht, wird auch der Song nicht zum tausend mal gehörten Abklatsch, sondern klingt so, als sei er genau für diesen Moment geschrieben worden.

Dass es auch wilder geht, zeigt die Band mit der Interpretation von Aretha Franklins „Natural Woman“. Auch hier verzichtet Nina Meier Bradlin auf jede Stimmakrobatik,  schafft jedoch mit einer tollen Stimme und Understatement eine Intensität, die das Publikum mitreisst. Die Band mit Drummer Johannes Gutfleisch, Bassist Dominik Schürmann und Gitarrist Philip Gloor arbeitet solid, klingt organisch, einzig Trompeter Bodo Maier versucht immer wieder auszureissen. Während das beim Instrumental zum Auftakt des zweiten Sets für Gänsehaut sorgt, nervt die Virtuosität dann, wenn er der Sängerin keinen Raum lässt.

Doch das ist ein allerkleinster Wermutstropfen, denn Maier hat die Melodien im Griff und seine Einfälle sind inspiriert. Nur die Zurückhaltung fehlt. Der Abend geht mit „Autumn Leaves“ zu Ende. Auf der Suche nach Schal und Mänteln, um dem Wind und der Dunkelheit in der Basler Winternacht zu trotzen, nimmt das Publikum die Erinnerung an ein ausserordentliches Konzert mit und als vorzeitiges Weihnachtsgeschenk von Nina Meier Bradlin und ihrer Band, das auch alte Songs ganz lebendig klingen können.

www.ninameierbradlin.com

www.f-a-k-t.ch

 

Einige Gedanken zu “Der Sog der Reinheit

  1. Pingback: Nina Bradlin – Right Were You Are – 2013

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