Im Kamin

von Daniel Lüthi

Zum Texttag erscheint bei “Zeitnah” eine neue Geschichte von Daniel Lüthi – oder doch nur drei Viertel davon? Nicht alles, was zählt, wurde aufgeschrieben, und wir müssen uns das Puzzle zwischen den Zeilen selbst zusammensetzen.

"Zeitnah: Kulturmagazin seit 2012" präsentiert einen weiteren Text von Daniel Lüthi.

“Zeitnah: Kulturmagazin seit 2012″ präsentiert einen weiteren Text von Daniel Lüthi. zVg

Sie dachte, es aufzuschreiben würde vielleicht helfen, also kramte sie ihr altes Tagebuch aus der hintersten Umzugskiste im Keller hervor und kritzelte binnen einer halben Stunde elf Seiten voll. Der letzte Eintrag war noch aus der Schulzeit, aber sie las nur das Datum und schloss das Buch dann rasch ab und warf es in die Kiste zurück. Den Rest des Tages ging es ihr bedeutend besser – sie machte sich sogar ein bisschen Hoffnung, bis nachts die Träume wieder kamen. Noch im Halbdunkel der Morgendämmerung rannte sie barfuss erneut in den Keller hinunter und holte das Buch, setzte sich damit an den Schreibtisch im Arbeitszimmer. Sie zögerte, ehe sie den Schlüssel im Schloss wieder umdrehte. Sie blätterte an alten Klassenfotos und eingeklebten Liebesbriefchen vorbei, unterdrückte ein Schaudern beim Anblick der Erwachsenenschrift, die neben dem schwungvollen Schriftbild einer ehemals Fünfzehnjährigen eng und kleinlich wirkte. Sie überflog die ersten Seiten des gestern Geschriebenen, las nur hastig einzelne Satzfragmente:

Es hört nicht auf. Eigentlich sollte es langsam vernarben, aber

nie gedacht, meinen Bruder dermassen zu
mir Erleichterung verschafft.

darum gekämpft… und am dritten Tag der Verhandlung bekam er es doch noch zugesprochen. Welche Tricks er auch immer dafür eingesetzt hat, ich hoffe, dass
Ich wünschte, Papa wäre noch hier.

Schlimm ist nur, dass ich es mir jetzt selber einrede, so als ob er – oder viel schlimmer noch, sie – ständig hinter mir stehen würde. Nachts ist es am schlimmsten.

es kein Unfall gewesen wäre? Manchmal sehe ich sein Gesicht sogar tagsüber, wenn ich die Augen schliesse.

wie leise Schritte.

Dass ich die einzige Person im Haus bin, hilft da nicht unbedingt weiter, aber merkwürdigerweise habe ich mich daran gewöhnt. Unfassbar, oder?
Estrich, nur den Keller habe ich ein bisschen ausgemistet. Irgendwie sind wir hier nie richtig eingezogen.

, die wir als Kinder jedes Jahr neu aufbauen mussten, weil die meisten Bretter morsch geworden waren.
Vom Kirschbaum habe ich nur noch den schwarzen Stamm entdeckt.

zuviel Dickicht. Ausserdem habe ich Wichtigeres zu tun.

Vorschlag, wenn mir mein Anwalt dabei helfen würde, aber

Sie las nicht mehr weiter. Draussen ging zwischen den Tannen die Sonne auf, wallendes Glitzern im Geäst. Schattenfinger auf dem Schreibtisch. Sie rieb ihre klammen Zehen aneinander und sah noch für eine Weile in den Garten. Dann riss sie langsam die erste Seite aus dem Tagebuch. Das Geräusch war unerhört laut. Sie zerknüllte die Seite in der Hand, liess die Papierkugel fallen und packte die nächste Seite, riss sie entzwei. Ein Zipfel mit der vorderen Hälfte ihres Familiennamens blieb im Buch hängen. Ein hämisches Lächeln umspielte ihre Lippen. Sie wurde kreativer, zerrupfte Seite um Seite, verschmierte ihre Finger mit der noch frischen Tinte, quetschte, würgte, tötete das Papier, bis die elf Seiten wie zusammengekrümmte Hände vor ihr lagen. Ich könnte das wieder tun, dachte sie. Ich könnte es noch tausendmal wieder aufschreiben und dann wieder herausreissen und es im Kamin verbrennen, nur vergessen werde ich es nie. Jene gottverdammte halbe Woche im Gerichtssaal, in der ich um ein halbes Jahrzehnt gealtert bin, für nichts und nichts und wieder nichts. Bis auf das Haus, wo noch mehr Erinnerungen lauern. Andererseits… ist es vielleicht genau das. Vielleicht soll ich es nicht vergessen. Für eine Weile sah sie noch den Schatten zu, die über das dunkle Holz des Schreibtischs krochen. Dann stand sie auf, um sich anzuziehen. In dieser Nacht schlief sie zum ersten Mal seit fünf Wochen ungestört.
Sie erwachte erst spät am nächsten Morgen, als es an der Tür klingelte. Zwei graue Herren im Anzug standen auf der Aussentreppe. Anwälte ihres Vaters.
«Guten Morgen. Wir haben gestern Abend versucht, Sie telefonisch zu erreichen, doch die Leitung war tot.»
«Das Telefon ist kaputt», sagte sie. «Was führt Sie hierher?»
«Ihr Bruder ist gestorben. Ein Herzinfarkt, gestern früh am Morgen.»
Sie fühlte etwas, wechselte aber nur den Blick von einem Herrn zum anderen.
«Da Sie nunmehr die Alleinerbin des Verlags Ihres Vaters sind, wären wir froh, wenn Sie am besten noch heute in unsere Kanzlei kommen würden, damit wir die Einzelheiten besprechen können.»
«Ich werde am Nachmittag in der Stadt sein.»
Die beiden Herren nickten.
«Wir wissen, dass Sie und Ihr Bruder sich nicht mehr sehr nahe standen, aber dennoch… unser Beileid.»
Sie schloss die Tür hinter sich und wartete, bis das Auto davongefahren war. Dann stürzte sie ins Arbeitszimmer und verbrannte die elf verknüllten Seiten im Kamin.

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