Kunst kommt von Selbstausbeutung

von Gregor Szyndler

So lange es noch nicht ohne Essen und Trinken geht, werden Schriftsteller zwischen Kunst und Hamsterrad eingespannt sein. „Zeitnah: Kulturmagazin seit 2012“ ortet hermeneutischen Handlungsbedarf und plädiert für eine zehnte Muse.

800px-Freibad_Letzigraben_Sprungturm_1947_Max_Frisch_02

Der Sprung ins kalte Wasser der Existenz als freier Schriftsteller lässt sich kaum sinnbildlicher vor Augen führen als mit dem Volksbad Letzigraben/ZH, erbaut von Max Frisch, eröffnet 1949. Wenn man ein Freibad von 35’000 Quadratmeter Fläche bauen kann, dürfte es einem, sollte man meinen, auch angesichts des einen und anderen Stapels unbeschriebenen Papiers nicht schwindelig werden. Für Max Frisch ging es nach der Eröffnung aufwärts: 1950 wurde das erste Tagebuch publiziert, 1951 folgten ein einjähriges Rockefeller-Stipendium in den USA sowie die Premiere von Graf Öderland, auch 1952 verging in den USA, worauf 1953 der Biedermann in Hörspielfassung erschien und schliesslich, 1954, Stiller. Wie man sieht, ist von der Architektur nicht mehr die Rede – nicht in so konkret-betongewordener Form wie oben (die raumplanerische Streitschrift erschien 1955). – Ob Max Frisch jemals von diesem Turm sprang, ist dem Verfasser nicht überliefert – um sachdienliche Hinweise wird gebeten. (Quelle: Wikipedia)

Dichter sein sei ein hartes Brot mit Herausforderungen an allen Ecken und Enden. Einer der grundlegenden Konflikte sei derjenige zwischen Beruf und Berufung, Kunst und Kommerz, Labilisierung und Stabilisierung, Schreiben und, vereinfacht gesagt, Rechnungen bezahlen. Die NZZ widmete dem brotlosen Dichter jüngst eine ganze Seite, Ressort: „Gesellschaft und Bildung“. Das ist doppelt schön – erweckt es doch den Eindruck, als seien Schriftsteller noch nicht ganz aus der Öffentlichkeit abgeschrieben, erstens, und als seien sie, zweitens, auch immer noch das Ergebnis einer gewissen Erziehung, und nicht nur das Resultat des reinen, ungefilterten, tagebüchelnden, facebookenden Erlebens. Die NZZ gab den Dichtenden den etwas gouvernantenhaft anmutenden Rat mit auf den Weg, für die Freiheit der Kunst auch nicht vor einem Broterwerb zurückzuschrecken. Der heutige Schriftsteller sei nun einmal irgendwo zwischen den Gebetsmühlen der Etatisten („Mehr Förderung!“) und den Tretmühlen der Autoren als Kleinunternehmer angesiedelt (‚ausgewildert’ würde es eher treffen). „Zeitnah: Kulturmagazin seit 2012“, das als Liebhaberei auf ebenso skrupelloser wie skrupulöser Selbstausbeutung beruht, beleuchtet die Materie mittels einer entlang von verbürgten Belegstellen frei erfundenen Geschichte über die Subsistenz, also darüber, wie Dichten und Lebensunterhalt-Bestreiten unter einen Hut zu bringen sind.

Fabulierender Vorspann mit zehn Musen

Neun olympische Musen gibt es, Kinder von Zeus, omnipotenter Herrscher des Olymps, und Mnemosyne, der Erinnerungsgöttin mit dem unwegsamen Namen. Musen sind die Schutzgöttinnen der Künste; jede einzelne hat ihr eigenes Rayon. Es wurde an jede Kunstdomäne gedacht: an Musik, Erzählkunst, Historiografie, Liebesdichtung, Tragödie und Komödie, Tanz, Lyrik, Astronomie und wie sie alle heissen. Jede Muse illustriert ihren Führungsanspruch mit einem Attribut: seien es Schreibrolle und Griffel, heitere oder ernste Maske, eine Flöte, eine Keule, eine Himmelskugel oder eine Klampfe. Allen gemein ist eine gewisse Leichtigkeit, etwas Trippelndes, Schwebendes, Lispelndes, das sich nicht unbedingt mit jedem Aspekt der Kunst-Hervorbringung verträgt.

So müssen wir uns nicht wundern, dass neben der Ersinnung all dieser nun doch eher aufs Inspiratorische spezialisierten Musen keiner daran gedacht hat, auch für die tägliche Knochenarbeit der kleinsten Schritte eine Muse zu erfinden. Voll Enthusiasmus ein neues Werk zu beginnen ist das eine – bloss, das Fertigmachen kann fertigmachen. Es folgt den Eskapaden des ersten, unbeschwerten Ahnens, Anfangs und Anfangens, des herrlichen Zuschlagens und Sich-über-alles-Hinwegsetzens, die Ernüchterung auf dem Fuss: In der Erscheinungsform von ungebändigt ausufernden Manuskripten zum Beispiel. Hier muss man Laub- und Motorsäge aufs Mal sein – um dabei nicht Freude und Leidenschaft zu verlieren, sollte es nun wirklich eine Muse geben. Gibt es aber nicht, zigtausend Jahren Kulturgeschichte sei Dank. Dieser Mangel ist nicht ganz frei vom Anruch einer gewissen beschönigenden Geschmäklerischkeit. Aber, irgendwie geht es auch wieder in Ordnung, denn: Wie sollte sie auch heissen, diese Muse des ‚Dennoch’ und des ‚Trotzdem’, diese Muse des ‚Sich-Aufrappelns’, des ‚Jetzt-erst-recht’ und des Schulterzuckens?

Transpiratoria sollte die heissen, denn Deodora ist zu kalauerig, zu sehr aufs Übertünchen des Schwitzens, das mit dem Spagat zwischen Kunst und Alltag einhergeht, ausgerichtet. Transpiratoria sitzt einem wie der Teufel im Nacken, sie stutzt Ideen zusammen, unterscheidet strikte Möglichkeit von Machbarkeit, und sie erklärt sibyllinisch lächelnd ganze Hundertschaften von Manuskriptseiten für überholt, Transpiratoria mahnt Abgabetermine an, treibt mit der Peitsche zu Lektorat und Redigatur an, sie denkt an Eingabefristen für Förderprojekte ebenso wie daran, nur ja umsverrecken Sicherheitskopien aller relevanten Manuskripte zu ziehen. Transpiratoria ist nicht nur resolut für Vielweiberei, mit möglichst vielen Musen soll man es aufs Mal tun, schärft sie uns immer wieder ein – ebenso resolut vertritt sie die Interessen der Vielschreiberei. Transpiratoria schreckt nicht vor dem zwischen Kasernenhofgebrüll und sachlichem Werkstattbericht changierenden, stutenbissigen und dichterindenarschtretenden Bonmot zurück, dass

„sich die poetische Muse im Nothfall auch commandiren lässt“ – Schiller an Goethe, Ende 1800.

Sie setzt ihre Losung um mit Zuckerbrot und, vor allen Dingen, Peitsche. Daher kommen tut die Muse Transpiratoria nebst geeigneten Schlaginstrumenten und Kuhzwicker mit einem Hamsterrad, mit einer Tasse Kaffee, mit Kerze, Rotwein, mit einer unkurierbaren Rooibuschtee-Allergie und mit veilchendunklen Augenringen sowie einem Notizbuch voll Ideen, die dann jedoch, Transpiratorias gnadenlos rieselnde Sanduhr zeigt es an, trotz aller hehren Absicht und aller Selbstverschwendung zum Trotz doch nie abgearbeitet werden können. Ausserdem hat sie Beigen von Stelleninseraten und Nebenerwerbsmöglichkeiten dabei, mit denen sie uns in guten Zeiten triezt und in schlechten aufpäppelt. Kurz: Transpiratoria ist so unsäglich vorbildlich, dass sie uns auch gleich noch die Steuererklärung erledigt, wenn wir dafür in der Zwischenzeit mal wieder Hand anlegen an dem uns erneut mit Getöse um die Ohren geflogenen Roman. Es gibt keine Bürde, die sie uns nicht abnimmt, Transpiratoria tröstet mit Galgenhumor über Misserfolge und Zurückweisungen hinweg, sie sieht das urkomische Zusammenspiel von Seidenfoulard, Rotwein und einer ins Epische übersteigerten Meinung von sich selbst, wo man als Schreiber im verlagslosen Zustand bloss die Keule eines weiteren Verlegers spürt. Sogar, wenn wieder einmal ungeöffnet retournierte, unterarmdicke Couverts voll Manuskripten hereinflattern, hat Transpiratoria einen träfen Spruch, wie zum Trost, auf den Lippen. Man sieht, der Gründe, die für Transpiratoria sprechen, sind Legion; eine Liste von Desideraten lässt sie plastisch aufscheinen. Man weist Transpiratoria ihren Platz zu (Polyhymnia, Terpsichore, Thalia, Transpiratoria, Melpomene, Urania, Euterpe, Calliope, Clio, Erato): Nicht aus Selbstmitleid, nicht aus Pathos, nicht aus Überheblichkeit – sondern in Würdigung eines Zwiespalts, der so alt ist wie die Kultur. Er hat sich in einer Zeit, in der ‚schöngeistig’ ein Schimpfwort ist, nur scheinbar vertieft. Es ist die Kluft zwischen Wollen und Willen, Buch schreiben und Buch führen und Anspruch und Wirklichkeit, Fallhöhe, Abgrund.

Fabulierender Vorspann mit Max Frisch

Anfang Juni 1949 (vier Jahre erst singen sie wieder) sitzt der Schriftsteller Max Frisch an der Schreibmaschine. Er tippt eine Einladung für das soeben vom Architekten Max Frisch fertig gestellte Volksbad Letzigraben. Er schreibt, wie sehr es ihn freuen würde, den Eingeladenen für einmal nicht von Literatur zu sprechen, sondern ihnen seine architektonische Arbeit zu zeigen. Er freut sich, mit dem Volksbad Letzigraben seinen ersten grossen Bau vollendet zu haben, und er hofft auf das Gegeninteresse der Eingeladenen. Er stellt in Aussicht, dass er sich bei zuvorkommendem Wetter an dem und dem Tag, zu der und der Zeit, an der und der Ecke (Kreuzung Letzigraben- und Edelweissstrasse) postieren werde, um auf allfällige Interessenten an einer Volksbad-Letzigraben-Führung zu warten. Max Frisch verleiht seiner nicht einmal allzu vagen Hoffnung Ausdruck, durch diese in Aussicht gestellte Postierung seiner Wenigkeit an der Ecke Letzigraben- und Edelweissstrasse die Eingeladenen nicht unter Zugzwang gesetzt zu haben. Das Farbband seiner Schreibmaschine geht unbemerkt zur Neige.

Jetzt die Hauptrede

Dass er nicht frisch sei, denkt er, als er morgens halb sieben am Pult sitzt und länger als gewohnt braucht, um einen unüblich farblosen Satz zu schreiben. Er findet den Gedanken gut, findet, er gehöre an den Anfang von etwas und merkt ihn sich. Dann widmet er sich wieder der Einladung. Das fertige Bad, sein Bad, das Volksbad Letzigraben. Schindanger, Schlachtfelder und Ruinen mussten weggeschafft werden, 35’000 Quadratmeter galt es zu bebauen, 35’000-mal den eigenen Willen einzutragen in die Landschaft. Seine Versuche, mit einem Stahlleger ins Gespräch zu kommen, scheiterten. Zu eklatant waren die Unterschiede der Existenzentwürfe, Frondienst auf der einen, Selbstverwirklichung auf der anderen Seite.

Dabei wurde ein Gefälle zwischen Leben und Leben sichtbar, das ihn an Wolfgang Koeppen erinnert. Es war in Greifswald, Leipzig oder München. München, er entsinnt sich, ja, die Isar, das Girl, der Negersoldat, pflanzenhaft dösend. Wolfgang schrieb von kolossalen Missverständnissen, von Zauberorten, Rauschnächten und Gewittern, in denen Schriftsteller, so die Unterstellung, nur den Blitzableiter ausfahren mussten, um den erhofft-gefürchteten Wurf zu Papier zu bringen. Ist das nicht eine adrette Illusion über das Schreiben? Und nicht nur das, denn wer bringt schon, ausser Schillersfritz, seinen künftigen Verleger bereits im Voraus dazu, ihm als Umwerbung einen Blitzableiter zu schenken, damit man sich unbeschadet noch beim grössten Huddelwetter in die erhöht gelegene Gartenlaube setzen kann, um dort zu schreiben, während es nur so kracht und zischt? Normalsterblichen ist das Unterfangen ‚Buch‘, selbst gesetzt den Fall, man übersteht die Genese des Manuskripts, seine Aus-den-Rippen-Orgelung, unbeschadet, noch lange nicht erfolgreich. Der Rand der Schublade wächst mit der Zeit. Weitere Hürden müssen genommen werden; nicht zuletzt gilt es, mit dem inneren Erbsenzähler fertig zu werden und einen Verlag zu finden. Das Risiko aber – Wahnsinn als Betriebsrisiko wie als Standschaden! – liegt ganz auf der Seite der Schreiberlinge. Diesem Faktum kann man sich mit noch so viel sorgsam einstudierter Mimik und Verachtung widersetzen – an der kontinuierlichen Arbeit als einzige Medizin führt es ja doch nicht vorbei. Zwei Sichtweisen vom Schreiben kollidieren ungebremst, und der Schreibende darf als Prellbock dienen; Wut und Wucht des Aufpralls hemmen Kontinuität. Das eine ist die Innensicht, die man selbst von der eigenen Schreiberei hat, das andere ist die Aussensicht: beide gehört es, in ein Gleichgewicht zu bringen – weder Halsstarrigkeit noch Elastizität, weder unumschränkte Kritikfähigkeit noch Beratungsresistenz dürfen überhand nehmen. Der beste Ort dieser Ausbalancierung ist immer noch der Pult, wenn die Rede davon und darüber auch zusehends an Cüpli-Empfänge abwandert, wo man sich die Schulterpolster klopfen lässt. Aber inszeniert sein will es sowieso, das Schreiben, es will möglichst authentisch und locker aus dem Ärmel geschüttelt sein, so als ob nachträglich immer schon gewesen, als ob nie nicht gewesen, so.

„Sie betrachtete den Tisch mit der Schreibmaschine, das weisse unbeschriebene Papier, die Requisiten der Arbeit, die sie verabscheute und von der sie sich Wunder versprach, Ruhm, Reichtum, Sicherheit, über Nacht gewonnen, in einer Rauschnacht, in der Philipp ein bedeutendes Werk schreiben würde, in einer Nacht, doch nicht an vielen Tagen, nicht in einer Art Dienst, nicht mit dem stetigen Geklapper der kleinen Schreibmaschine“ – Wolfgang Koeppen, Tauben im Gras, 32.

Ihm sind es Blätter, die die Welt bedeuten, der Möglichkeit nach auch bereits unbeschriebene (Schreiben als potenzielles Geschriebenhaben) oder nicht zur Veröffentlichung frei gegebene Blätter. In Philipps Abwesenheit  bekommt sein Pult etwas lebensleer Kulissenhaftes, etwas noch den höchsten Traum möglich erscheinen Lassendes. Wolfgangs Romanfigur stand zwischen Alltag und Schreiben, fühlte sich zu einer Arbeit gerufen, die er erfüllte, indem er nichts tat. Er hatte dieses Credo auf Anhieb bewundert, ohne es an sich selbst zu vermissen. Wer verstand es meisterlicher als Wolfgang, sich das Werdende als das zu bevorschussen, was es war – eine „Reise an die Grenze des Erzählbaren“, hochriskant und wagenswert, (fast) einerlei, was dabei heraus kommt.

Oder denken wir uns Petrarca, diesen Kraxler, Bibliophragen, Sänger, Polyskriptomanen und vergifteten Briefeschreiber: Keine Häufung von Zuschreibungen wird ihm auch nur annähernd gerecht. Dennoch lässt sich auch bei ihm, nebst unabsehbar viel anderem, zweierlei feststellen. Ein knurrender Magen und der Wunsch, den knurrenden Magen zu füllen. Wer kann es ihm verargen? Hätte er etwa nur noch von Laura und ihrer Aura und Lorbeer leben sollen? Es gibt ja doch kein metabolisches Moratorium, es gibt keine Möglichkeit, den Fingernägeln beispielsweise oder den Haaren, ohne Zufuhr von Essen und Trinken beim Wachsen zuzuschauen. Petrarcas Traum, sich in Amt und Würden am Hofe Roberts unterzustellen, in einer Stellung, die ihm das Schreiben quersubvenioniert, wurde durch den Tod des Gönners zunichte: mit ihm starb die Idee eines grossen Epos, fragmentarische Vielheit feierte Urständ. Petrarca muss sich seine Existenz auf anderen, vielleicht umständlicheren Wegen, sicherstellen. Macht das seine unverwüstliche Zeitnähe aus – auf Gedeih und Verderb tausenderlei Dingen ausgeliefert zu sein, wo das Eigentliche auf einen, zeitnah gesprochen: Bierdeckel, passt?

Musse- wie müssensvolle Stunden

Ach, der Lebensunterhalt, die Hofmeister des Sturm und Drang, der Geheime Rat. Wer hat schon die Stamina und seelische Konsistenz eines Goethe, bestallt, beamtet, berufen. Als Geheimer Rat wird sich wohl noch die eine und andere mussevolle Stunde finden, Freizeitgestaltung und Arbeitsleben, Musse und Müssen, gehen ja bekanntlich auf eins in Geheimratsstuben.

Schiller wählte einen anderen Weg und schrieb, nebst hehreren Projekten und auch, um als Berufsschriftsteller Fuss zu fassen, einen Fortsetzungsroman. Er bediente sich darin zeitnah an virulenten Diskursen, vermengte Elemente der Schauergeschichte, von Krimi, Geheimbund- und Entwicklungsroman und Liebesgeschichte anhand einer ihm ganz eigenen Rezeptur. Es wurde sein finanziell grösster Erfolg, der ihm die erhoffte Möglichkeit äufnete, ganz auf das Schreiben gestellt zu leben. So weit, so gut. Doch wie zieht Schiller, in seiner privaten Korrespondenz, über das als Dämon verfluchte Manuskript vom Leder – bloss, um dann zu schliessen:

„(…) ich arbeite (es) ins Weite und unter 30 Bogen kommt (es) nicht weg (…) (der Verleger) kann mir (es) gut bezahlen.“ – Schiller an Körner, 12. Juni 1788

Andere Zeitgenossen hatten weniger Glück, Erfolg, Talent zum Raubbau an sich selbst, diplomatisches Gespür. Jakob Michael Reinhold Lenz vielleicht hatte die Chuzpe, es mit dem Weimarer Titanen aufzunehmen; aber, wer weiss schon, was zwischen den beiden geschah: Noch etwas insinuierender und maliziöser lässt sich ein Disput ja kaum auf die Nachwelt bringen, als Goethe es in seinem Tagebuch hält, wenn er von „Lenzens Eseley“ spricht. Jedenfalls wurde Lenz verbannt, schwebte als Hauslehrer zwischen Wahn und Realität, schaffte es nicht, Fuss zu fassen. Er starb den Landstrassen-Tod des Verfemten.

Karl Georg Büchner, der Schriftsteller, Mediziner, Naturwissenschaftler und Revolutionär aus Hessen, sollte ihn Jahre später zu neuem Leben erwecken. Materiell gesehen ging es ihm besser, gesundheitlich wohl sogar noch schlechter. Als Alumni und Privatdozent war Büchner gezwungen, auf Pump zu leben, sich seine Subsistenz (Rock, Hosen, Forellen) aus grossen, weissen Papierbogen, die er vollzuschmieren hatte, zu schneiden. Der Typhus holte ihn viel zu früh, in Zürich, mitten in der Vorbereitung neuer Vorlesungen, mitten in der Arbeit am „Woyzeck“.

Robert Walser (Banker, abgebrochener Mime, Diener, Bibliothekar) schrieb nicht nur für Zeitungen, nein, er liess seine Beiträge auch, so hört man sagen, von einer Agentur in halb Europa vermarkten. Franz Kafka schrieb seine Texte ausserhalb der Büroöffnungszeiten und selbst Thomas Mann, der Nobelpreislaureat und kostümierende Essayist, schrieb enzyklopädische Romanpassagen vor eindrücklichen Bergkulissen, weil Romane weit häufiger gelesen wurden als Aufsätze zu Zeit, Geist, Geschichte, Politik. Albin Zollinger eilte vom Lehrerzimmer ins Café, um Redaktor zu werden. Friedrich Glauser: ein Semester Chemie, Dada, Flucht, Morphium, Psychiatrie, Legion, Bergwerk, Gärtnerei – vom Schreiben kein Wort und doch von nichts anderem. Leben und Schreiben unentwirrbar auf eins. Überall kostet das Leben Geld und Kraft, das Schreiben alle drei, überall kommt Kunst von Selbstausbeutung. Brechts Baal flog aus Schreibstube und Redaktion, und er weigerte sich, für Leute, die zehnmal so viel verdienten wie er, zu schreiben, Baal dichtete, bis das Loch zu singen begann, und träumte doch, so viel Souplesse musste sein, von Druckseiten à 100 Mark und neuen Hemden.

Schlusswort mit Brecht und Frisch

Von den Vorzügen einer Transpiratoria muss ihn, Max Frisch, keiner überzeugen – er kennt die Kraft sich perpetuierender Rituale; sitzt er nicht um sieben Uhr früh am Pult, mag allenfalls der Tag als Ganzes, keinesfalls aber der Vormittag zu retten sein. So war es auch heute. Er sitzt an der Schreibmaschine und zaudert: Die Hämmerchen stanzen schon lange nur mehr farblose Rillen ins Papier. Er hat sich vergessen – vergessen hat er, dass das Farbband leer ist; sogar die Pfeife ist aus. Er schiebt die Hermes weg, steht auf und geht ans Fenster. Draussen ist es einigermassen Tag, ein Gewusel aus Stecknadelköpfen bewegt sich, Ameisen, die ihrer Wege ziehen, dahin, als wäre auf dem Reissbrett alles für sie auf einen einzigen fatalen Punkt hin gezogen. Seine Gedanken der vergangenen zwei Stunden sind, hin und her zwischen Pult und Brockhaus, zur Ballung von Biografien geworden, ein intellektuelles Rudel hat vor ihm paradiert, parodiert haben sie sich, vor lauter Zerrissenheit zwischen Beruf und Berufung, alle, alle – bis auf Brecht. Auf Brecht lässt er, alle Befremdung aussen vor, nichts kommen; alleine die Gedichte, ob reimlos oder nicht! Mit Brecht war Max Frisch schon vorab auf einer Begehung des Letzigraben-Bads. Frisch musste Brecht, da er das Telefon ignorierte, direkt in seinem Herrliberger Büro abholen. Brecht war von einer routinierten, dennoch kordialen Höflichkeit, und er stellte die richtigen Fragen zur rechten Zeit. Mehr als zwei Stunden hatten die beiden in der Badi verbracht. Wenn die Begehung mit Brecht in zwei Stunden möglich ist, berechnet er, sollte sie mit der Öffentlichkeit in zwanzig bis dreissig, allenfalls vierzig Minuten, zu machen sein. Das sollte reichlich Zeit lassen, den einen und anderen Gedanken aus Tagebuch und literarischer Werkstatt in die Szenerie aus Schwimmbecken und Sprungturm zu lesen. Er schlüpft in den Mantel, klopft die Pfeife aus und steckt das leere Farbband ein. Er muss dringend ein neues kaufen.


%d Bloggern gefällt das: