Das Lied vom kleinsten Gelingen

von Gregor Szyndler

Lassen Sie sich am heutigen Texttag von Gregor Szyndlers Text „Das Lied vom kleinsten Gelingen“ in die sich zwischen Tagebuch und Tatsachen, Erfundenem und Erlebtem, Erschriebenem und Erfahrenem entfaltenden Welten entführen. Flüchtig sind die Tage, endlos auf der Flucht, und ebenso flüchtig ihr wortgewordenes Spiegelbild. Das einzige, was bleibt, ist ein Zauber, der ebenso gut vergessen wie erinnert sein könnte.

Tag 0

Ich werde die Welt immer wieder vergessen, dem Boden, dem Wort für die Böden, Mal ums Mal von Grund auf staunend begegnen.

Tag 1

Für den Inhaftierten K* gilt weiterhin die Unschuldsvermutung. Bei sieben Milliarden hängigen Verfahren lässt das nicht allzu tief blicken. Es wird sich schon etwas finden lassen.

Tag 5

Das ist Wahnsinn. Das lässt sich untermauern. — Verzettelt in hundert Notizen/Manuskripte, wo das Eigentliche auf einen Bierdeckel passt.

Tag 6

Mit hundert Schalmeien haben sie mich von dort drunten nach hier droben geflötet. Drunten geblieben sind sie: ich bin ja jetzt hier oben. Es herrschte die Meinung vor, ich sei verdüstert; abgewest. — Ich habe Leben droben, während ich drunten existierte.

Tag 9

Berge samt Parkplatz, mittig der See. Hier lässt es sich spazieren. Spazierweg mit Spitzkehren und teils enormen Steigungen, jeder Furzidee der Topografie wird gefolgt, keine Stege, keine Geländer vereinfachen oder systematisieren die Landschaft. An zwei Stellen muss man über den Bach hüpfen, von einem Stein zum nächsten. Das heißt dann schlafwandlerisch nur eins; nasse Füße, verschwitzte Hemden.

Tag 15

Lyrik gleich Ei, Prosa Huhn, Theater Chicken Nugget. Prosa hatte ich auf Ei gedacht. — Klingelt im Kino ein Telefon, gibt’s Ärger, passiert’s im Theater, will keiner Banause sein. — Erneutes Träumen eines Stücks. Stimmen aus dem Off. Anderss Pyrssinnen, Der gute Mensch von Nirgendwann, Die Keilerei, Das große Hörensagen. Die Flüsterer. Einen Strich getan trotzdem nicht.

Tag 20

Viel zu enge Haut überm Jochbein, K*, sein eigener Totenkopf. Haut, gelblich, Pergament, drauf geschrieben Geschichten, die nur papierene Spiegel fassen. — Geschrieben habe ich eine Geschichte über einen Mann, er hatte versprochen, mir Axt im Wald zu sein. Er nahm sie mit über das gefrorene Flüstern des Baches.

Tag 27

Jedem Zauber wohnt Vergessen inne, und wenn nicht das, dann halt Erinnerung. Aufklärung endet, wo beides plausibel scheint; unweit grüsst Wahnsinn. Sind Dinge zwischen Scheitel und Sohle, mit denen nicht gut Verse schmieden ist. — Was treib ich (theatralisch)? Was treibt mich (lyrisch)? Ich (im Roman)? — Sich einen Reim machen in gedichtsloser Zeit heißt, reimlose Gedichte schreiben.

Tag 29

Abends, wenn der Tag sich auf einem Punkt zusammenballt, das Scharnier des Augenbrauenbogens, Brutstätte chronischer Kopfschmerzen, abends im Garten, Bäume im Wind, der sich in Gräsern und Blättern verfängt. Düfte — feuchtes Gras, Weiher — abends im Garten, Westwind, auf einer Bank. K*.

Tag 40

Das Leben schreibt zwar die besten Geschichten, aber es ist kein besonders umtriebiger Stilist. Reihungen, schiefe Bilder, akribisch-ungefähre Methode. — Ich stelle mir vor, ich hätte Ohren gehabt, keine Füße, wäre sitzengeblieben, damals, K*, bei dir. — Lasten, mit jedem Atemzug fester an die Schultern gezurrt: Keine zwei Beine, keine zwei Füße erleichtern den Transport; allein das Schuhwerk macht’s!

Tag 43

Milchig perlt es aus dem Berg, sammelt sich; zerschneidet die Landschaft. Dann stürzt es in den See, tief tut es das und schwerelos, wie ich mit dem Gedanken spiele, gleichzuziehen. Schäumen am Übergang des einen zum anderen.

Tag 45

Ich klage nicht, jedenfalls nicht an. Abhängig sein von nur etwas wollte ich nie—. Lieber stell’ ich mich um den Text, um die Texte, als selbst davon umstellt zu sein.

Tag 50

Diese Landschaft rätselt mich an. — Touristen wetzen persönlichen Bestzeiten nach, Stoppuhr, Kopfhörer, mit sich selber verkabelte Autisten, Schneeschuh- und Langläufer, alles da.

Tag 53

Musik? Kein Rhythmusgefühl, nur Pulsieren, von Mal zu Mal auf der Klampfe verändert, jeder neu angeschlagene Ton Veränderung eines nicht in Worte zu fassenden Gleichen. — Malerei, Zeichnerei, Tusche, Ton? Schönes Material den Anfängen nach: in meinen Händen verschwendet. Aufs Schreiben zurück.

Tag 55

Wieder Reißen nach Ferne, drinnen, vorm Fenster. Dumm unter meiner Nase der Schreibblock. Solches Verstellen der Aussicht mit Bergen, Schluchten, Weiß! Das Denken vorsichtig skizzierender Sätze: keine feste Form. Werkstoffjournale führen. Auflösung, Ineinanderfließen. — Warum nicht den Bleistift spitzen? Ganz unten ist er nicht.

Tag 63

Abstecher in den Wald. Ächzen unter Schneelast. Einzelne Bäume gesplittert. Findlinge, zwischen denen die Baumgrenze aufhört (nach unten), sich noch rigider Geltung verschafft (nach oben).

Tag 65

Bleistifte verspitzt allein heute zwischen 3 und 4. Sitzen am Fenster vor den Bergen; Zeilen geschrieben keine. Wie auch, vor so viel Sicht? Schmerzhaftes Vermissen des Flachlands, zu bergig für einen Satz. — Gedanken von vertretbarer Klarheit. Vertretbar gegenüber wem?

Tag 68

Was bin ich froh, nicht dabei gewesen zu sein. Nicht lügen, nicht mich verstellen zu müssen, um die Dinge einzurichten (in meinem Sinn). — Schneeflocken treiben über, nein: vor den Gipfeln, zwischen hier und mir. Seltener Schlummer von vor offenen Augen. Kondenswasser auf Fenster. Abwischen, Gespenster aus der Stirn.

Tag 70

Zurück ans Fenster, die Arbeit ruft, nicht unwiderstehlich. Weiterspitzen; es sind noch Bleistifte. Aussicht, Berge. Warum solches Wort, solche Worte? Stimmen, Geräusche. Vermisse: jedes Zwischen-den-Zeilen. Trauern um meine Ohren, Augen nicht. Wann zuletzt das Schaben auf den Untergründen? Click-click hier, Kugelschreiberschnippen dort, dann war’s das, alles stockt. Einzig die Berge, draußen vor dem Fenster, Berge—.

Tag 77

Fieber seit Tagen; Nächte gedehnt. Temperatur steigert alles zeitliche Empfinden, Augenblicke wie Hindernisse.

Tag 82

Vorbeigesurft hier, hier, dort. Gekringelt auf dem Block ¾ Stunden, begradigt, aneinandergereiht ergibt es die Distanz von hier bis zu den Bergen. — Warum Berge? Die Lunge, das Netz zieht sich zusammen, Temperatureinbruch. Der Vorsatz, gesund zu werden. Nicht einmal die Hausbar sorgt für einen.

Tag 90

Geschichte? Geschichtlichkeit? Noch möglich, vor so viel Gegenwart? Wenn jedes Rascheln vor dem Fenster! Jedes Wischen am Himmel! Jedes Stöhnen durch die Mauern! — Hat man Worte? Man sollte. Verstummen war, ist, bleibt optional. Chor nichtsahnender Nachbarn lullt Fritzl in den Schlaf. Weil sie damals nichts wussten, wollen sie jetzt alles wissen; so ist das, nicht umgekehrt.

Tag 96

Schön ist es hier. Gedichte huschen vorbei, kleine Formen, große nicht. Sich so verschätzt zu haben. Recherche. Notizen an den Rändern von Kopien: zusammengefasst auf Karteikarten. Zettelkästen vor sich herschieben. — Berge vertrösten auf später, eingeschneite Maiensäße, schattige Klüfte, vage erahnbare Frühlingskonturen!

Tag 98

Ich stelle mir vor: eine Landschaft und in ihr kein einziges Wort. Nicht bloß eine Stadt ohne Reklame, Graffitis, Leuchtschriften. Sondern: Eine Landschaft ohne Schlachtdenkmal, Wanderweg-, Naturlehrpfadschilder. — In der Stadt: keine zwei Meter ohne Plakate, Bekehrungsversuche hin zu oder weg von Gott oder Konsum, Klopapier, es grüsst mein neues Lieblingsbier, Weltformat, Tramstation. Handzettel, Logos, Mottoshirts, Tattoos, Neonleuchten, zu Buchstaben gebogen, flackernd, flärrend, schummerige Winkel beleuchtend. — Warum keine wortlose Landschaft?

Tag 103

Idee. Berge, strahlend heller Tag, Himmel wolkenlos, stahlblau, Wiesen, so weit das Auge reicht, Kühe, Geißen, Bächlein, Bienen (Schmetterlinge), Wildblumen, Murmeln, mittendrin: Plakate, Weltformat, drauf geschrieben in serifenloser Schrift eine wüste Tirade auf die Stadt und ihre Auswüchse, ewigen Baustellen, Dreckslöcher, Verkehrsstaus, Ausfall gegen den Moloch, Plakat um Plakat in die Idylle gestellt.

Tag 105

Ich stelle mir vor: eine Landschaft ohne Worte, keine Buchstaben, Sätze. — Warum kann ich sie mir nicht vorstellen? — Wenigstens die Kringel aus dem Bleistiftspitzer, sie erinnern ans Schreiben.

Tag 109

Einen Schlussstrich ziehen; gezogen. Der verselbständigt sich, wird Durchmesser, halbiert sich zum Radius, zieht Kreise, in der Mitte ich, einzig ich—.— Wer bin ich und falls immer noch, wie lang kann ich es beweisen? Will ich es beweisen? Fließt es eben alles hin. — Versöhnlich irgendwo der Rhein, der hier oben entspringt.

Tag 123

Vermehrt Gedanken an die Handhabung des Chors; maskiert, gefesselt, geknebelt (Guantánamo), reglos, bis Unruhe im Publikum; dann Stimme aus Off. Am Ende, beim letzten Auftritt, Übergang von Off zum Chor. Einzig, das wär’ Theater.

Tag 129

Ich bin gegen die Gesellschaft (aus Bequemlichkeit): Es hat nichts mit Überzeugung oder Theorie zu tun. — Später Schuhe kaufen, ich weiß nicht, ob Halb- oder Turnschuhe. Schuhmacher fragen, was neue Sohlen kosten.

Tag 142

Keine Landschaft ohne Worte, und wenn doch: nicht wirklich. Einzig die Verdoppelung fasst, validiert, was ohnehin war, wenn auch nicht Wort. Landschaften urbar machen. Festhalten. Leere auf Bildschirm und Papier, Schritte verlieren sich im Schnee, der tief liegt oder hoch; Zeichen, bald überschneit, getilgt. — Fabula rasa ohne Anfang oder Ende, Ekel in den ersten und letzten Dingen.

Tag 160

Wäre ich versöhnt, wenn ich wüsste, K* hat diesen Frieden in Ashrams, Meditationen, Selbsthilfekursen (etc.) über Jahre gefunden, nicht erst angesichts palliativer Schübe in Wochen? Der Tod, scheint mir, ist ein Kapitel für sich. Nein: ist ein Buch. Sterben weniger als Klappentext. Sagt sich vorab, nachher nicht.

Tag 190

Er hat nichts Ironisches, kein Augenrollen oder –zwinkern, kein Schulterzucken; da ist nichts Beabsichtigtes, keine Strategie, keine Inszenierung, kein Klischee. — Letzte Umarmungen, dann los lassen: zuletzt, wie K*, den eigenen Schatten.

Tag 217

Wahnsinn bleibt als Betriebsrisiko ebenso in Kauf zu nehmen wie als Getriebeschaden nach langem Stillstand. — Seltsame Tage, Nebel, ich komme zu nichts. Gestern mit Ach und Krach die Kolumne fertig. Zusammenhängendes nicht. Heute neue Bücher angeschafft. — In Griechenland sind drei beim Brand einer Bank umgekommen. Wen hat es erwischt, Kader, kleine Kacker? Im Bildlichen verstehe ich den Zorn. — Golfklubs gebrannt bis heute keine—.

Tag 230

Gestern, als sie im TV von den Angriffen raublustiger Banker auf Griechenland berichteten, wie vermisste ich da den großen Vorgeborenen mit seiner Mütze und der Zigarre, wie wünschte ich mir seine Feder in diesen Sturm!

Tag 249

Man muss warten bis alles in der Tragödie endet (Feststellungstonfall, K*). Untergehen mit Sack und Pack, den Rettungsring verschmähen, weil man das Wort dafür nicht kennt; nicht zum Schulterzucken finden, keine Sprache des Lächelns (Feststellungstonfall, ich). — Nur Komödie reimt sich auf Tragödie—.

Tag 281

Am See, der glatt wie ein Spiegel war, die Wolken, die hingen am falschen Ort, ungeheuer unten, unter meinen Füssen, die vom Bootssteg baumelten. Ich hatte schon immer davon geträumt, nach ihnen zu greifen.

Tag 282

—.


 

Gregor Szyndler ist Schriftsteller, Kolumnist, Journalist sowie Mitbegründer von „Zeitnah: Kulturmagazin seit 2012“. Seine Texte erscheinen in Zeitschriften, Anthologien und auf einschlägigen Portalen. Der hier publizierte Text erschien erstmals im Jahr 2011 in der Zeitschrift „FLANDZIU – Halbjahresblätter für Literatur der Moderne (in Verbindung mit der Internationalen Wolfgang Koeppen Gesellschaft).

2 Gedanken zu “Das Lied vom kleinsten Gelingen

  1. Dieter Zwicky

    Bisweilen schafft reiner Wortlaut alles, jedenfalls die gewaltsame Beruhigung! Man vernimmt’s und liegt da, entspannt, wie müder Fenchel.

    Tag 281: „ungeheuer unten“
    Tag 0: „dem Boden, dem Wort für die Böden“

    Wahrscheinlich entsteht solcher Wortlaut in einem unbenutzten Nebenhirn, der Küche wagemutiger Präzision.

  2. Gregor Szyndler

    @ tag 281. nicht möglich ohne den eigentlich hier zwischen die zeilen geschriebenen bert brecht: vgl. „erinnerung an marie a.“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Erinnerung_an_die_Marie_A.). eine entgegnung also, wie so vieles.

    @ tag 0. da steckt mehr arbeit und bearbeitung drin, als man vielleicht denkt. nicht möglich ohne häufig überschriebene fresszettel, skrupellosigkeit in wortwahl und skrupulös-sein beim verfolgen der bald vergessenen intention.

    auch von grosser hilfe: bob dylan hören.


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