gesichtet #33: Berlusconis Altherren-Fantasien
Von Michel Schultheiss
Wenige Basler Bars haben bei der Namensgebung derart auf das Zeitgeschehen geachtet wie diejenige an der Ecke Klybeck-/Offenburgerstrasse. War das Lokal vor wenigen Jahren noch unter dem seltsamen portugiesisch-englischen Wortkonstrukt «Novo Help» und später als «Red Royce» bekannt, so präsentiert es sich nun viel direkter und unverblümter. Andere sogenannte Kontaktbars tragen Allerweltsnamen wie «Play», weitere kommen gutbürgerlich als «Zer alte Schmitti» oder schlitzohrig als «Roter Kater» und «Muusfalle» daher. Das besagte Etablissement möchte hingegen nicht um den heissen Brei herumreden und nennt sich schlicht und einfach «Bunga Bunga Bar».
Der Begriff, welcher dem Lokal zu seinem neuen Namen verhalf, wurde 2010 vom ehemaligen italienischen Ministerpräsidenten – beziehungsweise von einem dank ihm prominent gewordenen Partygast – entscheidend mitgeprägt: Im Zuge der Ruby-Affäre war die Bezeichnung in aller Leute Munde. Obschon klar ist, dass sich «Bunga Bunga» auf die frivolen Feten Silvio Berlusconis bezieht, gibt das Wort in etymologischer Hinsicht noch Rätsel auf. Laut Medienberichten soll Berlusconi den Begriff bei Muammar al-Gaddafi gelernt haben. Dabei soll es sich um einen Brauch gehandelt haben, Damen in ein Séparée zu einem «erotischen Dessert» einzuladen. Ob nun Ruby diese Erklärung ins Spiel gebracht hat, ob es sich tatsächlich um bizarre Diktatoren-Rituale oder lediglich um orientalistisch angehauchte Altherren-Träume eines geifernden Seniors handelt, ist nicht bekannt. Jedenfalls erinnern diese blühenden Haremsfantasien reichlich an eine burleske Szene in Federico Fellinis Streifen «Amarcord».
Was auch immer an all diesen Geschichten dran ist: Von besonders viel Originalität strotzt der besagte Begriff nun auch wieder nicht. Schon lange vor Berlusconi war er als Pseudoentlehnung in Gebrauch. Wenn es darum ging, indigene Sprachen (oder zumindest das, was dafür gehalten wurde) nachzuäffen, anerboten sich Fantasiewörter wie «Bunga Bunga» bestens. Vielleicht dachte ein mancher dabei vor der Ruby-Affäre wohl an die Uralt-Witze über verirrte Touristen, die im Urwald von Eingeborenen gefangen genommen werden. Oder die Laute erinnerten womöglich eher an die frühen, noch politisch unkorrekten Trudi Gerster-Platten oder Kasperli-Hörspiele als an elitäre Orgien eines Polit-Dinosauriers.
Jedenfalls krebste die Kontaktbar an der Offenburgerstrasse bei der Ausschilderung ihres neuen Namens zurück: Während vor zwei Jahren «Bunga Bunga Bar» noch in grossen roten Lettern seitlich des Eingangs zu sehen war, gähnt dort nun eine weisse Bretterwand mit Beleuchtung. Die Fläche, welche das Innere des Lokals vor neugierigen Blicken schützt, hat sich unterdessen als Plattform für Meinungen jeglicher Art entwickelt. Statt «Bunga Bunga» zieren nun der FC Basel, der 1.Mai sowie ein Reh aus der Schablone die rot beleuchtete Wand. Ein weiterer Schreiber hat die Frage «sexuelle Selbstbestimmung?» am thematisch passenden Ort aufgeworfen. Auch der im Kleinbasel an mehreren Orten präsente Tag «Muh?» nimmt es einmal mehr mit «Bunga Bunga» auf. Es bleibt also zu beobachten, wie sich die exponierte Ecke an der Offenburgerstrasse weiterentwickeln wird. Vielleicht werden die «muhenden» Inschriften als Inspiration für einen weiteren Namenswechsel dienen, falls Berlusconis Kapriolen eines Tages doch aus dem Medientheater verschwinden.


