Aguirres Korn, Césars Fleisch

Der deutsch-lateinamerikanische Filmemacher Dario Aguirre legt mit «Césars Grill» einen starken autobiographischen Dokumentarfilm vor.

Der Filmemacher Dario lebt zwar schon seit Jahren in Deutschland. Doch da sein Vater, ein Wirt, finanzielle Probleme hat, entscheidet er sich, ins heimatliche Ecuador zu fliegen und dort dem Papa César mit Business-Tipps und Geld zur Seite zu stehen. Die Kommunikation zwischen den Generationen ist aber nicht ganz einfach – und zu allem Unglück erkrankt die Mutter wieder an Krebs…

Nach dem Polit- oder Agit-Dokfilm à la Michael Moore oder Morgan Spurlock scheint sich der autobiographische Dokumentarfilm als neues, zeitgeistiges Genre zu etablieren. Während Moore und Spurlokc nicht zuletzt mehr oder weniger geniale Selbstdarsteller sind, kommt es mit David Sieveking («David Wants to Fly»), Thomas Haemmerli («Sieben Mulden für eine Leiche») oder nun Dario Aguirre zu einem Rückzug ins Private. Dies will allerdings nicht heissen, dass diese Filme per se apolitisch sind. Schliesslich sind es durchaus auch gesellschaftliche Fragen, die Sieveking oder Aguirre behandeln – wenn Vater César nicht so stark verschuldet wäre, würde der Film wohl eher «Svens Kneipe» heissen oder «Altona City Grill».

Und auch Sohn Dario wäre ohne den grossen Nord-Süd-Gegensatz, also die grosse Armut im Süden und den grossen Reichtum im Norden, wohl gar nie Filmemacher in Deutschland geworden. Wäre Ecuador ein reiches Land, würde er vielleicht Werbespots oder Komödien in Ecuador drehen. Wie dem auch sei: Aguirre ist das Kunststück gelungen, einen grösstenteils wirklich auch unterhaltsamen, oft witzigen und berührenden Film über einen Vater und einen Sohn zu drehen, über grosse Gegensätze – der Vater hat ein Grill-Restaurant, der Sohn ist Vegetarier – aber auch über eine grosse Nähe, eine Geschichte der Versöhnung, zu der es aber wohl erst durch die Tragik des Lebens – und des Sterbens – kommt.

césar y darío

Ein Vegetarier hilft seinem Vater in der Grillbude: Der autobiographische Dokumentarfilm scheint sich als neues, zeitgeistiges Genre zu etablieren (Foto zVg)

In der ersten Hälfte des Films versucht Dario, seinen Vater zu überzeugen, neue Business-Methoden anzuwenden: etwa Pommes Frites auch ohne Fleisch zu servieren, wenn dies von der Kundschaft gewünscht wird. Doch Vater César sagt, das Fleisch sei seine Spezialität. Man fragt sich, ob er sich überhaupt bewusst ist, dass sein Sohn in Deutschland Vegetarier geworden ist.

Gut gelungen ist dabei auch der Einsatz der Musik – Dario selber singt und begleitet sich auf der Gitarre, es handelt sich natürlich ausnahmslos um autobiographische Lieder. Am Schluss ist gar noch eine Blasmusik zu hören, die dann auch Dario unterstützt. Der Filmemacher hat seinen Job gut gemacht: Er hat einen Film gedreht, den die Leute sehen wollen – und dabei sich selber und seinen Vater therapiert. Allerdings zeigt dies natürlich auch die Grenzen des Mediums auf: es handelt sich letztlich immer noch um einen Film, und auch wenn gerade die Szenen mit dem Vater sehr authentisch wirken, so fragt man sich doch, ob das nicht alles doch irgendwie inszeniert ist. Dies ist wiederum ein Zeichen der Zeit: auch wenn der heutige Dokumentarfilm oft in ganz private Gefilde aufbricht, authentischer ist er deshalb natürlich keineswegs. Eher erinnert dies an die Gesellschaft als Ganzes, in der die Grenzen zwischen Innen und Aussen sich immer mehr verwischen – nicht nur auf Facebook. Die angelsächsischen Kollegen Banksy («Exit Through the Gift Shop») und Andrew Jarecki («Capturing the Friedmans»)  zeigen dabei nicht zuletzt, wie ratlos wir dem Medium Dokumentarfilm heute gegenüberstehen. Ins Kino gehen wir trotzdem gern!

 «Césars Grill».  Deutschland/Schweiz 2013. Regie: Dario Aguirre. Dokumentarfilm. Deutschschweizer Kinostart: 30.5.2013.


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