DWVEBDMSBHBEBDS #13

DWVEBDMSBHBEBDS von Gregor SzyndlerVon Gregor Szyndler

Ein rhetorischer Bettpfannenwechsler und eine Piiple-Kolumnistin nehmen Stellung zu einer Baumfällung.

Zwei Drittel einer geräumigen Dreiviertelstunde weit von daheim entfernt, auf der Stadtautobahn, Nummernschild auf Nummernschild auf Nummernschild auf Nummernschild mit Dutzenden und, wie es den Anschein hat, Hunderten weiterer Pendler, den Motor herabgedämpft bis auf flüsterndes Schritttempo, mengt sich Hans Bissegger dem Verkehrsfluss bei; Motorhaubenlängen vom Stillstand entfernt, dreht er das Radio lauter. Die Stadt steht Kopf wegen der Sache mit dem Christbaum. Im Radio bringen sie eine Collage, die aus O-Tönen zur Christbaumfällung besteht. Bissegger rückt die Sonnenbrille zurecht.

«Wer tut so etwas, einfach so, was für eine krasse, kaputte, verrohte, verlotterte, unausstehliche Zeit», plärren sie aus dem Äther, «… wieso, warum, seit wann, wie oft, wann erwischen sie ihn endlich, den Dreckskerl, ach! der arme Baum, die armen Bäume!»

Hans Bissegger schmunzelt; Leoluca hat recht, ein amüsanter Fall, wie man ihn nicht alle Tage hat, eine nächtliche Baumfällung, mitten in der Stadt. Die Moderatoren begrüssen Ilan Perlmann, den aus Funk, Presse, Buchbestenlisten und TV bekannten Experten für an sich alles: Ohne Federlesens attestiert er dem Baumfäller eine verdorrte Libido, einen verschüchterten Charakter und was noch. Hans Bissegger verschneidet ein Gesicht. Da die Sau damit noch nicht genug durchs Dorf getrieben ist, gluckert und gackert sich das Moderatorenteam in der Folge durch eine stattliche Liste weiterer Heimliche-Christbaum-Fällungs-Experten. Betroffenheit, als Matteo Bibus, der rhetorische Vorturner und Bettpfannenwechsler der Städtischen Volkspädagogen, ins Studio anruft (im Nu hat er den missing link zwischen Christbaumvandalismus, Überfremdung, aus dem Boden schiessenden Moscheen, links unterkellerter Familienpolitik und der Notwendigkeit einer starken Förderung des urbanen Bauerngewerbes gefunden). Matteo Bibus hat seine Pflicht getan, verweist mit jovialer Lache auf den nächsten Abstimmungstermin und gibt die Leitung wieder frei. Als nächstes hechelt durch den Äther Huldgard in der Zahelsgunst, stadtbekanntes Original von society lady, TV-Moderatorin und, neuerdings (nachdem sie sich zwei Wochen Zeit nahm fürs Schreiben), wortgestaltige Romanautorin, bestes Pferd im Stall des Vanity Press Verlags. Erst stauchte sie noch, im Vorgespräch, die Redaktion zusammen, weil man an den Perlmann gedacht hatte, nicht aber an sie. Danach handzahm, on air, lässt sie sich zu den Auswirkungen der Christbaumfällung auf die besseren Kreise, auf haute volée und Geldadel, befragen. Huldgard in der Zahelsgunst, obschon als Piiple-Kolumnistin buffeterprobt und cüpligestählt, das hört man, weiss nicht, wie sie die Banalität in ihrem Sinne deuten solle; gut auch möglich, wenn auch nicht ohne weitere Schwierigkeiten vorstellbar – dass Huldgard in der Zahelsgunst Beisshemmung hat, da Ilan Perlmann alles schon gesagt hat; sie will nicht hinter ihm abfallen. Huldgard in der Zahelsgunst löst sich aus dieser misslichen Lage, indem sie auf die Wichtigkeit des gefällten Christbaums im pre-Christmas charity run-up spricht, jener terminlich dichtgedrängten Phase des Jahres, wo man sich vor Empfängen und Konzerten kaum retten kann, und wo so ein altes und hergebrachtes Symbol wie der nun eben gefällte Christbaum von immenser Wichtigkeit sei, um innezuhalten vor den nächsten events und die priorities zu justieren. Huldgard in der Zahelsgunst schliesst ihre Ausführungen mit Hinweisen auf die angemessenen Garderoben zur Jahreszeit, nicht ohne auch noch ihre Internetadresse klar und deutlich in den kaum zu kanalisierenden Redefluss eingebaut zu haben. Weiter trieft es aus den Boxen, die Christbaumfällung verkommt zur politischen Arena, was der Absicht der Radiomacher zuwiderlaufen mag – es kann nicht abgewendet werden. Schon meldet sich der Haarspalter der Stadtpädagogen zu Wort, donnernd gegen den Auftritt der Städtischen Pädagogen; übergebührlich lang dauert es, den Haarspalter für die Ungeheuerlichkeit der Untat zu sensibilisieren. Lieber hat er es von Fukushima und Pumpspeicherkraftwerken – es sind andere Themen, die ihn treiben, so viel und so klebrig, dass Hans Bissegger sich gezwungen sieht, wenn schon nicht den Sender zu wechseln, so doch wenigstens die Lautstärke runterzudrehen. Danach wird es auch nicht besser. In einem Anfall redaktionell proklamierter Sternstunde des Mitmachradios, starten die Radiomacher über Facebook, Twitter und Telefon eine Publikumsbefragung. Endlich melden sich, nach so viel politischer Ichbeschauung, Hinz und Kunz, Hugentoblers, Stockers, Zämps zu Wort, Frau und Mann der Strasse werden, flächendeckend, übers Land gegossen: Mit jedem Statement zur Christbaumfällung weiss Bissegger weniger, was er von der Sache halten soll, er fühlt sich verunsichert – verstimmt. Er hört sich die Chose ein Weilchen lang an, spielt mit dem Gedanken, die Redaktion anzurufen, die Nummer unterdrückt, Tacheles zu reden. Als der Verkehrsstau sich löst, lässt er es gut sein und ignoriert das Gelaber. Schliesslich muss er wohl oder übel in die Klinik.

Stempel_KORR_Klein

Schauen Sie nächsten Mittwoch um 9 Uhr am Morgen wieder bei «Zeitnah: Kulturmagazin seit 2012» vorbei, wenn es weitergeht mit DWVEBDMSBHBEBDS!

 

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