DWVEBDMSBHBEBDS #16

DWVEBDMSBHBEBDS von Gregor Szyndler

Von Gregor Szyndler

Hans Bissegger liest Zeitung und ein Gedicht. Er wird nur aus dem einen schlau.

Es ist kein schönes Lesen in der Zeitung: die Druckerschwärze färbt nicht mehr ab, die Stücke werden kürzer, und das bisschen Leselust, die nicht von der Menge Schreibfehler vergällt wurde, wird vergrätzt durch die copy-paste-Mentalität der Artikel. Hans Bissegger ist zwischen Gedicht und Wirtschaftsnachrichten geworfen. Die Distanzen zum einen wie zum anderen sind gleich gross: Anderss Pyrssinnens Gedicht mit seiner Fülle an Sinnangeboten überfordert ihn auf dieselbe Weise, wie es die gesammelten Berichte von der «Wirtschaftsfront» tun (eine Floskel, ohne die es nicht mehr geht; wehe aber dem, der die Betroffenen «Wirtschaftsfrontisten» nennt!). Er versteht es nicht mehr, vor lauter Stabilitätsfonds, Rohstoffpreisen, Schuldenkrise, Subprimes, Arbeitslosigkeit und Hüst! und Hott! Früher war das anders: damals tummelte sich auch Hans Bissegger an der Börse. Er gewann verlorenes Geld dreifach zurück. Da es eine Zeit war, in der jedes noch so kleine Furunkel die Leute in Lebenskrisen stürzte, konnte er auch grössere Verluste abfedern, die Dotcom-Blase, das Grounding, die Sache mit jener überambitionierten Bank oder mit den grössenwahnsinnigen Rückversicherern. Tag für Tag quälte sich Hans Bissegger, ohne es als Qual zu erkennen, versteht sich, in den 80er-, 90er-Jahren, mit den Börsenteilen, nahm Indizes und Quoten und vermeintliche Insiderinformationen auf, träumte den Traum der Geldesgelder mit seiner auf Naturwissenschaftlichkeit geeichten Scheinhaftigkeit. Stets gingen Spitzfindigkeiten über Einsichten; noch schneller, als Gelder verloren gingen, waren Verluste weggeschwatzt. Es galt, verlorenes Geld nicht zu sehr zu betrauern, sondern in neuen Domänen wieder hereinzuholen. Es war ja alles schon damals ein Spiel, ein Maskentreiben, wenn auch mit ungleich höherem Einsatz, und unter der Bereitschaft, es als Naturhaftigkeit und Gesetz anzusehen: Gelder mussten Gelder machen, das hatte so zu sein, Geldesgelder waren alles, was zählte. Jene Zeit könnte ferner nicht sein; eher versteht er Gedichte wie «Die Vorlassstundung» als jenen «Zauber» von damals. Es ist ein Hohn, dass ausgerechnet seine Ausflüge auf den trader floor ihn in eine Lage brachten, in der es keinen anderen Weg gab, als diese Moluskel Ernst Fröhlich in die Schönheitsklinik aufzunehmen, diese Maske von Gelder- und Geldesgeldergebergnaden. Hans Bisseggers Begriffe haben sich abgekühlt. Er ist nicht mehr fähig, mit demselben Feuer, welches ihn damals an der Börse dilettieren liess, durchs Leben zu gehen. Damals hatte er nicht die kühle, zergliedernde Sicht von heute, um das Gewäsch und Geseider der Börsenberater als verkaufsstrukturierende Erzählungen zu durchschauen. Ironie des Schicksals, dass er nun, wo er diese Klarsicht hat, mit ihr auf Gedichte losgeht.

«Die Vorlassstundung»: Der Titel ist nicht zu verstehen. Nachlassstundung, amtlicherseits gewährter Aufschub von Schulden für einen begrenzten Zeitraum zwecks Abwendung eines drohenden Konkurses, das leuchtet ein. Ein Moratorium, ein An-die-Leine-Nehmen unbefriedigter Geldgeber und Geldesgeldernehmer. Das schimmert unter dem Titel hindurch. Aber «Vorlass»? Da muss es sich um einen Schreibfehler handeln, um poetische Lizenz. «Poetische Lizenz» hat Hans Bissegger rasch gegoogelt (der Begriff erinnert an Leoluca). Als er überzeugt ist, dass es sich beim «Vorlass» um einen Bock handeln muss, stolpert er über die Site des Literaturarchivs. Dort ist die Rede von Schenkungen bedeutender Manuskriptbestände zwecks Archivierung durch noch lebende Autoren. Die Formulierung «Schenkung zwecks so und so» lässt Hans Bissegger aufmerken. Sie hat etwas Eigentümliches, wie überhaupt auch das zugrundeliegende Wort: Wenn Nachlassstundung gewährt wird zwecks Abwendung des Bankrotts, wozu dann wird «Vorlassstundung» gewährt? Zur Verfassung eines ungeschrieben zu bleiben drohenden Werkes? Ist das nicht die Natur eines jeden Werkes? Wer gewährt zeitlichen Aufschub, damit einer ein ungeschriebenes Werk schreiben kann? Der Titel stürzt Hans Bissegger in eine Spirale, aus der es keinen Ausgang gibt. Besser wird es bei den ersten paar Zeilen der «Vorlassstundung». Sie gehen aussergewöhnlich zeitkritisch mit der Landsmentalität ins Gericht. Sie wecken auf engstem Raum enttäuschte Erwartungen; Kritik an Metaphernsystemen: unmöglich, darunter nicht den Bündnerfleischkomiker mit seinem trockenen Humor oder den Generalissimus hervorlugen zu sehen. Warum aber der umgehend anschliessende Wandel vom gesellschaftlichen Panorama ins Innerste? Ein Bruch; das Gedicht wird auf die Ebene persönlicher Verlustbewältigung gehoben, nachdem zuvor die Rede war vom grösseren Bild. Oder wollte Anderss Pyrssinnen etwa nur sich selbst nicht von der Generalkritik ausnehmen? Fragen über Fragen. Erst weiter unten, bei den «gebrochenen Masken», kommt Hans Bissegger wieder leidlich in das Gedicht hinein. Masken bricht man nicht. Man zieht sie an. Und ab. Brot, das bricht man, am Ende des Fastens. Einander Masken zu brechen kann nur heissen, einander Blössen zu geben. Oder gibt es Masken, die man nicht aus eigenen Stücken aufsetzt? Verkleidungen, die uns natürlicher erscheinen, als die natürliche Natur («und hungern uns an gesichtern zum tode»). Gelungen findet Hans Bissegger, dem es ersichtlicherweise am wahrnehmenden Sensorium für Poesie gebricht, den Zusammenzug von Körper und Wort auf einer Zeile, düster hingegen die Formulierung «mensch verbliebene erinnerung tod». Muss man in der Kunst wirklich immer auf Schritt und Tritt ans mit Schritt und Tritt nahende Ende erinnert sein? Noch ohne verstanden zu haben, was zu verstehen gibt, bevor bewusst gesetzte Worte den Inhalt der «Vorlassstundung» so umreissen, dass Verstehen kein Ding der Unmöglichkeit mehr ist, folgt das letzte Zeilenpaar (es kommt ihm musikalisch vor, weit mehr als die In-Töne-Setzung der während ihrer lesenden Entzifferung verstreichenden Zeit): «wir werden uns worte gebrauchend zu schatten / und löschen uns worte verschweigend das licht». Hans Bissegger holt einen Kugelschreiber und beginnt, leise murmelnd, ungefähre Höhen und Tiefen der anzudenkenden Melodieführung über zu markieren, ein Libretto, wenn auch zu einem noch ungeschriebenen Tonwerk. Es ist sein Glück: durch den Stift in seiner Hand, das von Weitem kaum von einem klinischen Handbuch zu unterscheidende Kulturmagazin «Zeitnah», in welches er seine Notizen macht, dadurch, dass er die Füsse nicht mehr auf dem Tisch, sondern auf dem Boden hat, sieht er aus, als ob er tatsächlich mitten in Arbeit begriffen sei, was sein Zusammenscheissen von Ernst Fröhlich, der den Kopf ins Büro steckt und auf das murrende und pfurrende Wartezimmer verweist, glaubwürdig erscheinen lässt.

Hans Bissegger liest noch einmal das Gedicht, Klarheiten entdeckend und Stufen. Das Wort poetisch, so viel Hans Bissegger weiss, muss von «Machen» herkommen, von «Verfertigen» und von «Verdichten», von unentwegtem Entstehen, von flirrender, nicht abreissender Mache, von Machbarkeit statt Wünschbarkeit, schillernd vor Möglichkeit, hier verdichtet, dort gelöst, ohne Unterlass verfertigt und neu verknüpft. Zwischen sein damaliges Börsenweltbild und sein Jetziges geworfen, Gewaltmärsche an die Ränder in der einen wie der anderen Richtung, in selber Distanz zu diesem wie zu jenem, spürt Hans Bissegger ein unangenehm klügelndes, kulturkritisches Tremolo sich in seine Stimme mischen. Er legt «Zeitnah: Kulturmagazin seit 2012» zur Seite, angewidert, und er versucht sich abermals dem Wirtschaftsartikel zu widmen. Die «Alternaivlosigkeit», obschon eine Laune des Zufalls, beginnt, seine Sicht auf das Gelesene zu bestimmen. So viel Krisendiplomatie, so viel Schwarzpeterspiel und Schielen aufs Notrecht: Als ob geschärft von der Lektüre des Gedichts, beginnt sein Blick Zusammenhänge und Widersprüche zu entdecken, und die gewaltigsten, am gravitätischsten daherkommenden Stellungnahmen und Quotes entpuppen sich als Fassade, hinter der Leere gähnt und dräut. Dieser Entzauberung folgt kein neuer Zauber, darunter taucht Ernüchterung auf, Ernüchterung und ein Ruf nach Wachsamkeit. Keine neue Naivität tritt an der alten Stelle; jedem denkenden Menschen ist das bewusst. Da schlafwandeln sie wieder, und, was schlimmer ist, sie schlafhandeln immer noch, die Damen und Herren Politiker und Wirtschafter, da will man mit einem Besen, den man Jahrzehnte und, in einigen Köpfen, jahrhundertelang darauf dressierte, sich unserer Kontrolle zu entziehen, nichts mehr zu tun haben. Auf einmal soll im Eilzugstempo beschlossen werden, worum man die Jahre zuvor herumeierte, so lange Honig und Geldesgelder flossen und gebratene Tauben flogen, Standpunkte, die man zuvor tolerierte, werden mit einem Mal zu Herz genommen und respektiert (man kennt das Manöver der wandernden Mitte, es hat ein breites Lachen, Tränensäcke und keinerlei Hemmungen, sich, da selbst gerupft, mit fremden Federn zu schmücken), und auf einmal sehen sie sich in der Lage, den vergötzten, allzu schnell vergrätzten Markt zu disziplinieren, den armen, freien, sich und die Welt selbst organisierenden Markt, diesen Multitasker, die Mutter aller Metaphern, bei der die ganze Welt denkt, die Augen der Mutter, ja, die sind es, aber ach! wenn man bloss wüsste, wer der Vater ist. Der arme Markt, der nur das eine will, aber andauernd mehr muss, als er wollen kann, diese unsichtbare Hand, von Autisten definiert, deren einziges Argument es war, in Momenten der Krise, nach viel zu langem Vorsichhinwursteln, auf den Tisch zu hauen und mit den Augen zu rollen!

So geht der Vormittag dahin: aufgeweckt von einem Tippfehler, Gedichte und Nachrichten interpretierend, die sich ihm, Zugriff nehmend, entziehen. Hans Bissegger geht durch begriffliches Niemandsland; seltsam, dass ihm ausgerechnet aus der Lektüre der «Vorlassstundung» Klarheit erwächst, was den anderen Humbug betrifft. Wie können zwei wesensfremde Dinge einander durchdringen, erklärbar, reduzierbar machen? Das Reklamieren aus dem Wartezimmer verstärkt sich, seine Vorzimmerdame muckt auf. Ernst Fröhlich weiss die Lage zu nutzen. Hans Bissegger pfeift drauf. Er rasiert sich, schreibt SMS und prüft seine Mails; trinkt einen Gin-Tonic, nach der auslaugenden Anstrengung. Als sich die Sprechstunde nicht mehr hinausschieben lässt, füttert Hans Bissegger seine Süsswasserkrabben. Er entdeckt einen Haufen hässlicher Fingerabdrücke und Schlieren auf dem Aquarium und beschliesst, diese wegzuwischen. Danach fährt er, einer Laune folgend, und weil er sich etwas davon verspricht, mit dem Lift eine Viertelstunde zwischen EG, OG, UG hin und her. Wieder im Büro, teilt er seiner Sekretärin mit, dass er nicht gestört werden will. Er holt seine Bastelarbeit und den Lötkolben aus der Schublade. Er lötet ein geräumiges Weilchen an der Platine herum, eine elektrische Schaltung, die künftig, von einem Dynamo gespiesen, den er Agatho ans Laufrad koppeln wird, Strom erzeugen wird.

Schauen Sie nächsten Mittwoch um 9 Uhr am Morgen wieder bei «Zeitnah: Kulturmagazin seit 2012» vorbei, wenn es weitergeht mit DWVEBDMSBHBEBDS!

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