gesichtet #37: Esel, Favelas und Gummigeschosse

Von Michel Schultheiss

Polizisten in Vollmontur machen sich wenige Minuten nach dem Ultimatum für die Räumung einer nicht bewilligten Party bereit. Mit einem haben aber weder sie noch die Feiernden gerechnet: Ein Esel, begleitet von einem Vollbärtigen mit weisser Haarpracht, stellt sich plötzlich vor die Drohkulisse. Wie ein Gandalf, der besonnen den Überblick behält und sich selbstbewusst mit dem Zauberstab zwischen die Hobbits und Orks stellt, bleibt er mit dem Grautier locker in der ganzen angespannten Atmosphäre stehen. «Ich möchte die Situation etwas entschärfen», meint der Mann, der mit einem Anhänger für den Esel aus München angereist ist. Dass er in eine Szene geraten wird, die an die legendären Demo-Auftritte mit Esel von Pfarrer Ernst Sieber erinnern, konnte der engagierte Besucher nicht wissen.

Gandalf-Style mit Esel vor der Drohkulisse (Foto: smi)

Gandalf- oder Ernst-Sieber-Style:  Mit dem Esel vor der Drohkulisse (Foto: smi)

Wie die Geschichte weiterging, ist längst aus den Medien bekannt und muss daher nicht im Detail nacherzählt werden: Auch das Eselchen konnte die Räumung der Reggae-Party, die als Antwort auf die umstrittene Installation «Favela Café» an der Art Basel spontan ins Leben gerufen wurde, nicht verhindern. Die Holzbauten des japanischen Künstlers Tadashi Kawamata und des Basler Architekten Christophe Scheidegger, denen die Party galt, scheiden die Geister. Die Wellblechhütten-Imitationen, in denen Latte Macchiato ausgeschenkt wird, haben daher für einen unerwarteten Bruch in der Art-Routine (die so lange schräg und provokant sein darf, wie es einem kontrollierten Rahmen geschieht), geführt: Reggae-Rhythmen statt Lounge-Small-Talk und Calanda-Bier aus der Dose statt Cüpligläser prägten für einmal die ansonsten sterile Gegend zwischen Messeturm und Messeneubau. Kreide-Inschriften wie «Business with poverty is against the poor» und «Eat the rich: Taksim, Madrid, Basel» waren dort zu lesen. Improvisierte Ateliers, ein DJ-Unterstand, ein Grill, sowie jede Menge tanzende Leute gaben eine für die Art Basel ungewohntes Bild ab.

Eigentlich wäre nämlich auch diese Fotokolumne beinahe zu einem Plaudern über die extravagante Aufmachung, die neonfarbigen Schuhe und die obligaten «schrägen Vögel» unter den Art-Besuchern geworden, wie man es in den letzten Tagen des Öfteren lesen konnte. Auch ist es beinahe schon zum guten Ton geworden, sich über den Snobismus, der an der Kunstmesse zu beobachten ist, zu mokieren. Dass Kommentare dieser Art erstaunlich oft von Leuten kommen,  die selbst an einem der vielen V.I.P.-Anlässe eingeladen sind und als Künstler im Fahrwasser des Grossevents profitieren können, ist ein anderes Thema. Bei der «Favela-Party» wurde jedenfalls der Rahmen der Art ebenfalls mit einem anderen Gedanken aufgeladen. Ob es den Feiernden nun um Vergnügen bei Reggae und Dosenbier oder um ein Statement gegen den saloppen Umgang mit dem Begriff Favela ging, soll nicht die entscheidende Frage sein. Interessanter das Aufeinanderprallen von unterschiedlichen Welten auf dem Messeplatz: Die inoffizielle Erweiterung der Favela sorgte jedenfalls für Interesse unter den Art-Besuchern. Ein adrett gekleidetes Paar betrat neugierig das Gelände. Mit dem Weinglas in der Hand wurde die tanzende Menge begutachtet. Wahrscheinlich wurde das Ganze als originelle Performance und inszenierte Kontroverse aufgefasst. Einer Gruppe junger Art-Besucher aus Brasilien entlockte die Sichtung der Favela hingegen ein schallendes Gelächter. «Was, in der Favela wird Reggae aufgelegt?», meinte der eine zum anderen.

Respect Favelas

Provokation wird gebilligt, solange sie im kontrollierten Rahmen geschieht: Favela Café versus Respect Favelas an der Art Basel (Foto: smi)

Auch der besagte Münchner mit dem Esel fühlte sich sofort von der Aktion angezogen. Dass Messen dieser Art jede Menge Stadtunikate anlocken können, hat man schon an der Baselworld gesehen. Im Gegensatz zur Uhren- und Schmuckmesse ist an der Art nicht immer klar, was es mit diesen Personen auf sich hat und ob sie etwa Elemente einer Performance sind. Letzteres war definitiv nicht mehr der Fall, als abends Gummigeschosse und Pfefferspray zum Einsatz kamen, um der Party ein jähes Ende zu bereiten.

Unter den Zeugen dieses kurzen, aber heftigen Polizeieinsatzes befand einer, aus dessen Heimatland der Begriff Favela stammt und der in seinem Alltag weit gefährlichere Manöver als Polizeieinsätze gegen Feiernde unternimmt: Der brasilianische Trapezkünstler Super Silva vom Zirkus Knie, der gerade seine Nummer beendet hatte, kam als Schaulustiger zum Messeplatz. Er verstehe nicht, was hier vor sich gehe und weshalb man hier so hart einschreite, meinte der Artist, der ohne Netz und Sicherheitsseil seine Kunststücke vollführt. Er mag sich vielleicht gewundert haben, dass sich ausgerechnet auf dem ansonsten abends totenstillen Messeplatz derart wüste Szenen abspielten, die den Brasilianer womöglich an die Bilder, welche zurzeit aus São Paulo zu sehen sind, erinnert haben. Es wäre anmassend, die Konflikte in Brasilien und in der Türkei mit dem relativ kleinen Zwischenfall an der Art Basel zu vergleichen. Das hiesige Geschehnis ist im Grunde genommen Realsatire: Ein Anlass, der von Weltoffenheit und Originalität geprägt sein sollte, in einem Umfeld, in dem man mit Provokationen rechnen dürfte, verwandelt sich innert weniger Stunden in ein Schlachtfeld des Kleinkarierten. Von daher ist es kaum verwunderlich, dass ausgerechnet ein Esel als heimlicher Held des Abends hervorging.

2 Gedanken zu “gesichtet #37: Esel, Favelas und Gummigeschosse

  1. dl

    Die wirklich guten Ausstellungen sind ja zum Glück woanders, weiter hinten im Kleinbasel (Scope und Liste) oder am anderen Ende der Stadt im Dreispitz (Volta). Ich denke, das Problem mit der Art ist das Prestige, das dahintersteckt bzw. dahinterstecken muss, damit auch jede Menge Käufer und Prominente kommen. Immer, wenn ich es ich an die Art schaffte, fühlte ich mich ein wenig beklemmt in den Gängen – ein Gefühl, das ich bei den kleineren Ausstellungen nie habe. Trotzdem schade, dass das Kleinstbürgerliche wieder mal die eigentlich vorhandene Neugier besiegen musste.

  2. yg

    Ich mag die Bemerkung dass an einem Anlass wie der Art Basel kontroverse Situationen entstehen. Es ist eine Tatsache, dass in der Kunstszene Welten aufeinander prallen. Einerseits sind da die Künstler, die meist handwerklich und praktisch wenn auch oft etwas weltfremd sind. Andererseits ist der Kunstmarkt ein millionenschweres Geschäft, in dem viel Geld und Business involviert ist. Somit sind hier Charaktere aus zwei unterschiedlichen Welten, die aufeinanderprallen. Das Cafe Favela ist somit fast eine Versinnbildlichung dieses Kontrastes. Und zeigt die beiden Welten in einer Installation auf. Künstler und Geschäftsleute sind hier mehr als sonst wo voneinander abhängig. Kunst ist ein Angelegenheit, wo am schnellsten aufgezeigt wird, wie einfach eine freidenkende Persönlichkeit durch die richtigen Verbindungen zu einem Geschäftsmann transformiert wird.

    Somit ist es fast erforderlich, dass in einem solchen Rahmen absurde Szenen entstehen. Nur schade, dass dies nicht auf eine friedliche Weise nebeneinander passieren kann. Sobald nämlich Ungeladene mitmischen wollen und nicht profitorientiert ihre Meinung mitteilen wollen, wird dies als verboten angeschaut und auf unmögliche Weise beendet.

    Hat sich denn noch keiner Gedanken gemacht dazu, dass genau solche Aktionen wie diese gebraucht werden, um den eigentlichen Sinn der Kunst zu repräsentieren? Ist es nich vielleicht auch so, dass dies eine Aufwertung für den Anlass Art Basel sein könnte? Es sind Leute aus Basel, die sich auf ihre Art und Weise in diese Welt einbringen und dem Messeplatz echtes Leben und Kultur einhauchen.


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