Shoshanna

Von Benjamin von Wyl

Zum heutigen Texttag präsentiert «Zeitnah: Kulturmagazin seit 2012» eine Geschichte von Benjamin von Wyl. In «Shoshanna» lauschen wir den Fragmenten eines Gesprächs in einem Luzerner Pub, angesiedelt irgendwo zwischen Zapfhähnen und Lebensverwirklichung.

«Zeitnah: Kulturmagazin seit 2012» schätzt sich glücklich, Ihnen an diesem Texttag eine Geschichte von Beni von Wyl präsentieren zu dürfen. zVg

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Shoshanna möchte Spass haben. Leider arbeitet sie in einem Sandwichladen, aber erst seit zwei Monaten. Einmal hatte sie noch begonnen, Textildesign zu studieren. Am liebsten würde sie in der Google-Zentrale in Zürich arbeiten, denn da gibt es ein Bällebad. Ihre Frisur hängt noch in die 80er, fühlt sich gut in der Nostalgiewelle. «You know, these boys who look like woodcutters, but prefer to abuse mother’s tea set, than a woman’s feelings.» Shoshanna mag Jungs nicht wirklich. Sie mag ihre Aufmerksamkeit. Wenn ihr einer Feuer gibt und sie ihre Hände tief in den Taschen ihrer Barbourjacke vergraben kann. Frauen mag sie auch nicht wirklich, aber sie sind spassiger als Männer. Sie können wenigstens noch wehtun. Shoshanna möchte ihren «shitty job for the velvet neck of some ass-rich guy» kündigen. Hinschmeissen heisst das. Meist geht Shoshanna nach der Arbeit noch ins Paddington Bear’s. Obwohl sie einwandfreies Deutsch spricht, festigt sich ihr Bewusstseinsstrom mit britischem Akzent: «You knohow, a pint or two… You knohow…it isn’t just that, after all, I just want to do some stupid stuff. Do you have an idea…you knohow, I’m just too lazy in life, so I just want to feel…you know, clumsy, shivering, you knohow.» Leuten mit linguistischem Faible bleibt unklar, ob sie sich siezt.

Tennent geht einmal im Monat zum Barbier. Geschliffene Koteletten oder ein sauberer Henri Quatre bekommt er im Badzimmer nicht hin. Grade in seinem Bad, wo die freistehende Glühbirne hoch im dunkelroten Zimmerschacht hängt. Die Farbe war ein Versuch wohngemeinschaftlichen Ausdrucks. Rote Lippen, wohl noch auf gepudertem Gesicht, wirken stärker als vor Matrosenmustern. Sitzt Tennent auf dem WC verliert er sich in Wolkenbildern unsauberer Malarbeit. Tennent ist nicht so exotisch, dass das als durchdringendes Prinzip reichen würde.

Das Paddington Bear’s reiht sich in die Reusspromenade. Es ist Teil einer schweizweiten Kette, weshalb es sich etwas unwohl fühlen mag neben den Fischrestaurants und Canapé-Konditoren. Die Preise fühlen sich aber gut ein in die Pflastergasse. Shoshanna mag die dunkelgrüne Holzfassade, mag den keltischen Schriftzug, mag Magner’s, mag Bulmer’s, mag Guinness. Tennent mag Shoshanna und Tennent ist kein Bier. Tennent arbeitet. Tennent fühlt sich nur als Statist, aber er weiss, dass das nicht originell ist. Es kann auch nicht sein, denn im eigenen Leben erlangt man zumindest eine Sprechrolle. Auch kommt Tennent in sämtlichen Szenen vor. Wahrscheinlich ist Tennent Hauptfigur eines Films, der auf dem Sundance Festival prämiert wurde. In seiner Laudatio muss Steven Soderbergh auf den Mut zur Plotreduktion hingewiesen haben. Ausserdem müssen sämtliche Einstellungen von einer grobkörnigen Zapfhahn-Kamera stammen. Es tut Tennent nicht besonders weh, an sich als Objekt einer neuen Art Brut-Strömung innerhalb des Independent Films zu denken. Shoshanna klatscht ihr Portemonnaie auf die Bar:«Hey there, how are you? Are you in good mood? You know, that I know, that I don’t have to pay if you are in good mood.» Es ist eine gute Bar, denn die Hocker haben Polster und Lehnen. Will Shoshanna Ausschau halten, nach Spendern, nach Spass oder Frauen, tut ihr am nächsten Morgen nicht der Rücken weh.

Tennent sieht Shoshanna seit zwei Monaten an drei bis vier Abenden in der Woche. Vorher besuchte Shoshanna nicht das Paddington Bear’s, da ihre Mitstudentinnen lieber Electroparties im ehemaligen Frauenknast besuchte. Wie stolze Omis führten sie ihre eigenen Designs aus. Zwar waren keine Sockenspezialistinnen unter ihnen, zwar waren ihre Oberteile nicht aus gold-schwarzem Plüsch, aber ansonsten trieb sie dieselbe Zeigfreude. «You knohow, I didn’t abandon, I mean interrupt my studies after all, you know because I haven’t been into the cause, the clothes and so on…but you knohow, I did it because the people…you knohow these people have been like actually intellectual people. I just couldn’t stand it.» Tennent gibt Shoshanna wieder ein Bier aus. Er nimmt sich auch eines. Tennent wird im Paddington Bear’s gar nicht angeboten, da Tennent, das Bier, nicht zu Carlsberg gehört. «You knohow, I have a crush on Scottish skingirls…but – you knohow – only if they have teeth missing.» Tennent weiss das. Tennent hat sich alles angehört. Oft trägt Shoshanna weisse, gerippte Girlieshirts. Tennent mag das. Ihre Haare haben jenes Braun, das mindestens rothaarige Cousinen erwarten lässt. Tennent mag das. Tennent mag, dass Shoshanna viel zu denken scheint – oder zumindest häufig sagt was sie denkt: «You knoow, I’m working with a lot of fried stuff, yeah? I’d prefer a job in soap store actually. You knohow…fried stuff may damage my skin. Aaand I can’t imagine that I’d like that. No, I can’t imagine that after all, you knohow.»

Tennent muss hinten ein neues Bierfass holen. Shoshanna ist jetzt allein an der Bar. Eine starre Zapfhahn-Kamera hätte Schwierigkeiten sie zu erfassen. Sie zieht und zupft an Shirt und Haaren. Sie sucht, nestelt in ihrer Tasche und wählt den Dauerstocher aus dem Sackmesser, das ihr am Neuzuzügerapéro der Stadt Luzern geschenkt wurde. Damit sucht sie zwischen ihren Backenzähnen nach Algenfasern, die Meer in ihr Guinness panschen. An der Coop Frischtheke war Sushi um 25 Prozent reduziert. Shoshanna findet keine materiellen Übel. Shoshanna langweilt sich langsam. Locker in der Lehne macht sie ihr Überblicksmanöver. Niemand da. Niemand, den sie sprechen will. Nun hämmert sie mit den Fingern auf der Bar, würde gerne drinnen rauchen: «You knohow, never mind, I don’t know about today.» Ruhig atmen, Tennent kommt ja wieder. Entspannung, Publikum, Entspannung. «You knohow days like these…you just have to yeah. Tennent?» «Hmm?» Sie winkt ihn näher. «I just felt – you knohow, just so lonely. I never want to feel that lonely again.» Tennent kannte die Art wie sie ihre Arme um seinen Kopf schlang aus Filmen von Luis Bunuel bis Coyote Ugly. Zungen erfühlen sich, Speichel wird getauscht, mehr verteilt. Natürlich fällt der Lappen von Tennents Schultern. Sie lösen sich wieder, schauen sich an. Shoshanna dreht sich kurz weg. Shoshanna fehlt Raum, um mit den Fingern auf die Bar zu hämmern: «You knohow, I just want to be at home right now, you knohow, for that artyfartsy sitcom. Do you know which one?»

Tennent kennt sie nicht. Tennent will auch nichts über die Sitcom rausfinden, nicht wie Shoshanna zu ihr steht. Zwar ist er nicht so verlocht, dass er kein Google kennt – kürzlich las er sogar von einem Mitarbeiter-Bällebad – aber die fröhliche Stalkinglust drang nie zu ihm. In England ist Jagen ohnehin ein Aristokratensport. Mager trainiert. Seine Wange richtig ausgehöhlt. Eine Nase, die nur mit dem Spachtel und nie mit Schmirgelpapier bearbeitet wurde. So könnte Tennent behaupten aus Liverpool zu sein. Eigentlich kommt er aus einem Fleck in der Nähe von Guildford. Hinchey Woods, an der Nahverkehrslinie. Die Gegend verhält sich zu London wie das breite Mittelland zu Ortschaften mit Seele. Etwa Olten oder Frick. Das kennt Tennent von früher. Für einen Ausländer, der als Tourist eingereist ist, kam er spät nach Luzern. Als Tennent dem Schlaf noch auf dem Klo näher kam. Lange nachdem Shoshanna gegangen ist, als umgedrehte Hocker die Bar schon per Barrikade abschirmten. Als Tennent nicht mehr durchhalten musste, vibrierte es um seinen Knöchel. «If you havn’t seen today’s episode, you can get it online. Hilarious. C you.» Obwohl nichts darauf hindeutet, half diese SMS bei der letzten Anstrengung. Tennent sank auf seine Matratze und überlegte sich, ob er je den Bettbezug gewechselt hat.

«I’m really happy today! And my clothes are produced completely out of recycled sails.» Tennent wusste nicht, ob er reagieren sollte. Wartete er einen Moment, erübrigte sich die Frage. «Can you imagine that my clothes travelled through the Indian Ocean? I don’t know whereabout they sailed with it. Maybe just lake Geneva.» Tennents Stirn zeigte Falten. «I want to talk about yesterday.» «I just wanted to behave like a human, like a woman, a human woman.» Es zerteilt die Textebene, Worte und Gedanken parallel zu stellen. Dicht vernetzt, gäbe es nur Pingpong. Es gewinnt das lautere Gedankenformat. «You knohoow…it’s just that i don’t know a lot about such feeling stuff. Life is life and everything, and I never told you it had a bigger meaning. You knohow…after all…you never told me anything of your lovelife. Eventually I wanted to check. Because you knohow…there has been an evening you knohow, when your cheeks reminded me of Neil Patrick Harris…you knohow, the gay actor. So I wanted to be sure, soo it’s not that it had changed anyway, but you knohow…it’s just nice to know. And after all he is really hilarious, you knohow, Neil Patrick Harris.»

«Ok.», antwortete da Tennent. Tennent dachte an Stoffbären, die sich nur per Postkarten aus den Hauptstädten der Welt zurückmelden. Tennent dachte an den Schuhwerfer im Irak. Tennent sah Campbell-Suppendosen gegen ihn anfliegen. Tennent wünschte sich in Totentänze auf der Kappelbrücke. Und einen Brand. Die verpassten Chancen in seinem Leben sind zu wenige, um Vorbestimmung zu vermuten. Nur waren da nicht viele andere, also nicht verpasste. Bei «Wahrheit oder Risiko» war er überzeugt, zeigte er aus elfjähriger Überzeugung, dass sie ihn anwiderten. Das ist jetzt fünfzehn Jahre her. Auf der letzten Schulfeier diskutierte er mit seinen Freunden, die Marketingstrategie ihrer Guild Wars-Fraktion. Das ist jetzt sechs Jahre her. Im Ausgang gibt es den Typus ausgelassener Trinker, die am Ende am Flaschenboden ankommen. Da sie sich einbilden, die Blicke, die lächelnden Gesichter, seien dem Bier geschuldet. Das ist jetzt seit seinem Stellenantritt her. Wer an einer Bar arbeitet, sollte tägliche Chancen haben, hätte er wohl auch, aber nicht jede Chance entspricht den Gütekriterien. Tennent war nüchtern, wann immer ihm Zebramähnen Mentholrauch ins Gesicht bliesen. Nicht jede Chance gewinnt gegen das Verlangen nach Schlaf. Tennent ist Nacherzählung. In seinem Leben fehlt ein Off-Kommentar. Shoshanna ist ungebremst. Ihre Worte werden ihr nicht immer bewusst. Sie ist ungefiltert. Tennent mochte diese Ehrlichkeit: «Thank you. You knohow…after all I have to say…that you’re quite cute and after all…you knohow…I take a beer first. It may be, that I’m just…you knohow…too blissy, flickering, you knohow…but it may be that…if I think about it…I feel about you…eventually like a helping angel…disguised as that French actor…you knohow…but no one should make out with a helping angel. I think, if I think about it. I don’t watch a lot of French films.»

Shoshanna begann mit ihren Fingernägel über den Bierrand zu fahren, aber das Glas war zu dick. Es brachte keinen Ton hervor. «Maybe I should visit another bar from time to time…you knohow, while drinking white wine…one…especially I…one feels like a musician…and everytime you drink, the sound will change…oh…that seems almost philosophical, don’t you think so…I’m sorry…after all, really sorry, it has been much for you today. It seems you’re just a man, so it’s a lot. Or has to be a lot. You knohow…I’m quite sure, that you mean a lot to me, but I have to head off. Right now…might be, that we see us soon or tonight.» Shoshanna formte einen Schmollmund, küsste Luft als wäre sie nichts. Ihre Handtasche hat sie nicht wirklich gepackt, ihre Jacke schweifte in einer Acht durch die Tür. Das Paddington Bear’s wartet auf Kundschaft, die sich noch an die Kinderbücher erinnert.

Shoshanna hüpfte. Als schwänge die Tür zum Saloon auf. Das Pferd hätte sie an die Tränke geschnallt. Tennent trüge Pomade. Auch sein Schnurrbart wäre gescheitelt. Der Sattel von Shoshannas Gaul wird von einem blassrosa Papierblumenkranz verziert. Eingebrannt ist das Signet seiner Zucht: «Vespa». Aber da war kein Pferd und vor dem Paddington Bear’s – dort wo die Tränke sein sollte – standen zwei Abfallcontainer. Als müsste sie Klapperschlangen vertreiben setzte sie an: «Eventually I’ll move to Rotterdam. Don’t know whether you’ve seen that coming. I have not, because I didn’t knew anything about Rotterdam before, but it seems that I can participate in a real competition. You knohow my boy, that I’m interested in creative stuff and things and so on. After all I’ve seen something like a real competition, a design competition on the worldwide web. Maybe I can study there after all…you knohow. So you knohow, that you may visit me if you mind.»

Tennent befand sich in Hörweite, gebeugt über den Durchlaufkühler des Biers. Schon wieder schäumt das Kühlwasser. Die Bierschläuche waren nicht dicht. Tennent zahlte dem Paddington Bear’s proaktiv ein Fass Carlsberg, als er zum ersten Mal in gekühltem Bierwasser trat. Er wollte nicht, dass an seinem Anstellungsgrad wegen mangelhaftem Handwerksgeschick geschraubt wurde. Shoshanna konnte ihn noch nicht gesehen haben. Tennent stand auf. Senkrecht hinter der Bar. Konzentriert unberührt. Als wäre Shoshanna ein Pistolero, dessen Reittier nicht Papierblumen zieren. Die Handlung entfernte sich von dem Randfiguren-Feelgoodmovie, bei dem er gerne die Hauptrolle gespielt hätte. Ohne Gage, dafür mit einem «Tips»-Glas beim Einlass. Anscheinend hatten sich die Produzenten verkalkuliert. Das konnte nicht nur am verschwendeten Fass gelegen haben. Steven Soderbergh gab keine Anweisungen. Tennent hatte nie ein Improvisationstraining absolviert. Klassische Monologe lallten seine Kunden gewöhnlich später. Diese Lebensentscheidungsstimmung von Arthur Miller-Figuren hatte er recht passiv aufgenommen: «So…yeah…» «Oh…please, you knohow how I think about odd feelings: No odd feelings, but I like odd sounds…after all.» «Yeah, it’s just that…» «We may get stronger by distance – You know that I’m through with fried stuff.» Auch Shoshanna hätte jemanden gebraucht, der an ihrer Haltung arbeitet. Die Lippen schürzten nochmals Luft: «May I use the toilet a very last time?»

Benjamin von Wyl stammt aus Beinwil am See (Böju). Er studiert in Basel. Beteiligung bei der studentischen Theatergruppe «manzeigtbein». Literarische Veröffentlichungen u.a. im «Narr» und «Bierglaslyrik» et cetera.


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