Niña, niña
Von Rojo Córdova
Übersetzung aus dem Spanischen: Jessica Ogaz
Der mexikanische Poetry Slammer Rojo Córdova widmet sich in seinem Gedicht dem umstrittenen Kult um die Figur Santa Muerte. Er verleiht jedoch der magisch-religiösen Skelettfrau eine eigenwillige Bedeutung.

«Und wenn es seine Äuglein schliesst, gib ihm deine Knöchelchen»: Ein Altar zu Ehren von Santa Muerte in Mexiko-Stadt (Foto: smi)
Niña, niña
Niña,
Niña, heiligster Tod,
halt‘ die Augen derjenigen einen Augenblick zu,
die sich um die Mädchen kümmern
und nimm sie beim Rennen Hand in Hand mit,
besorge dir eine Reihe von ADOs im Ostbusbahnhof
und schnell, Niña, bringe sie alle zu ihren Dörfern zurück.
Kerzen trösten auf dem Weg
mögen sie ruhig kurz schlafen, Niña
Sag’ ihnen, dass sie dich rufen,
wenn die Pachucos sie nochmal verliebt machen wollen,
dass du ihnen helfen wirst
(sag’ ihnen, dass du ja sie liebst, Niña, sag’s ihnen)
Lass‘ sie erneut vertrauen, alphabetisier’ sie,
unterrichte sie in einem Kampfsport-Workshop, schenke ihnen Kameras,
unterrichte sie in einem Filmemacher-Workshop,
(damit sie ihre Geschichte erzählen, Niña. Du hast noch nicht deinen eigenen Fernsehkanal).
Leg das Ohr auf den Boden ihrer Dörfer.
Höre nur wie dieses Land den ganzen Tag weint.
Unterrichte das Land ihrer Völker auch in einem Workshop.
Öffne deine Arme und sei sein Mantel, lass‘ dieses Land sich selbst wieder lieben
und dass es nochmal seine Mädchen ernähren will, obwohl sie keine Jungs sind
Höre alles, was dieses Land dir erzählen muss
Höre nicht auf, es in den Schlaf zu wiegen
Und wenn es seine kleinen Äuglein schließt, gib‘ ihm deine Knöchelchen mit Brühe und kleine Tortillas zum Essen
Hilf ihm, damit es wieder aufstehen kann
Zeig ihm wieder zu gehen
Schmeichle seine großen roten Wangen
(hilf ihm wieder zu lächeln)
Flechte ihr Zöpfe
Und veranstalte ihren 15. Geburtstagsfest
(da ihre Eltern sie je bezahlen konnten)
Sei ihre Patentante und backe ihr Mole und ihren Kuchen
Stelle jedes Atom deines Patenkindes einem guten Mann vor
Damit er alle küsst
Und sie glücklich darüber macht, als Frau geboren zu sein
Und eines Nachts
verabschiede dich von allen deiner Patenkinder im Dorf
Aber lass‘ sie mit einem Beruf
und mit ihren AK-47-Waffen
und mit guten LKWs, Frachten und Kontakten
damit sie klüger und unternehmungslustig werden und damit sie nicht wieder gestohlen werden können,
Niña
Gib’ jeder von ihnen einen Küsschen auf der Stirn
Und dann erhebe dich
mit deiner ganzen Reihe von ADOs,
öffne deine Flügel und
fliege weiter
verwandelt in Gewitterwolken weisser Raketen
Rette mehr Mädchen aus La Merced und Central de Abastos, Niña
Niña
Rojo Córdova (Mexiko-Stadt, 1986) studierte Hispanistik an der UNAM (Nationale Autonome Universität von Mexiko). Derzeit ist er einer der wichtigen Bekanntmacher des Spoken Word , laute Dichtkunst und Poetry Slam in seinem Land. Mehr Infos über seine Arbeit unter http://rojoquerojo.blogspot.com
Jessica Ogaz (Mexiko-Stadt, 1987) ist Absolventin der Germanistik an der UNAM (Nationale Autonome Universität von Mexiko). Derzeit arbeitet sie als selbständige Übersetzerin. Sie hat Interesse an der Spielkulturentwicklung, Sprachforschung und Science-Fiction-Literatur im deutschsprachigen Raum. Kontaktinfo: jessica.ogaz@gmail.com
Worterklärungen:
ADO (Autobusse des Ostens A.G.): Eine mexikanische First-class-Busgesellschaft.
Pachucos: Vertreter einer Chicano-Jugendkultur im Süden der USA, insbesondere in den 40er- und 50er-Jahren.
Mole: Bezeichnung für mehrere Typen mexikanischer Saucen auf der Basis einer Vielzahl von Chilis und Gewürzen.
La Merced: Viertel in der Nähe des Zentrums von Mexiko-Stadt, welches bekannt ist für seinen traditionellen Markt und das Rotlichtmilieu.
Central de Abasto: Grösster Lebensmittel-Markt in Mexiko-Stadt.
Spanische Originalversion:
Niña, niña
Niña,
niña, Santísima Muerte,
tápales los ojos un ratito a los que las cuidan
y llévatelas corriendo de la mano,
consíguete una hilera de ADO’s en la Tapo
y rápido, niña, llévatelas de regreso a sus pueblos.
Velas consolando en el camino
que duerman tranquilitas aunque sea un ratito, niña.
Diles que si las quieren volver a enamorar los pachucos esos, te echen un grito,
Y que tú les haces el paro
(diles que tú sí las quieres, niña, pero diles)
Haz que vuelvan a tener confianza, alfabetízalas
impárteles un taller de artes marciales, regálales unas cámaras,
impárteles un taller de realización cinematográfica
(que cuenten su historia, niña. Tú todavía no tienes tu canal de televisión)
Pega la oreja al suelo de sus pueblos
escucha nomás como llora esa tierra todo el día
Impártele también un taller a la tierra de sus pueblos,
Abre tus brazos y sé su abrigo, haz que esa tierra se vuelva a querer
y quiera volverle a dar de comer a sus niñas aunque no sean niños
Escucha todo lo que esa tierra te tenga que contar
No dejes de arrullarla
Y en cuanto cierre sus ojitos dale tus huesitos con caldito y tortillitas de comer,
Ayúdala a que se pueda volver a levantar,
enséñale otra vez a caminar,
Chuléale sus chapotas
(ayúdala a reírse otra vez)
Hazle sus trenzas
y organízale sus Quince Años
(porque sus papás nunca se los pudieron pagar)
Sé su madrina y cocínale su mole y su pastel
Preséntale cada átomo de tu ahijada a un hombre bueno
Pa‘ que los bese todos y cada uno
y la haga estar feliz de haber nacido mujer
y una noche
Despídete de todas tus ahijadas en el pueblo
Pero déjalas ya con carrera
y con sus AK-47s
y con sus buenos trailers, cargamentos y contactos
pa‘ que se vuelvan más listas, emprendedoras y ya no se las puedan volver robar, niña
dales un besito en la frente a todas
y entonces vete elevando
con todo y tu hilerota de ADO’s,
abre tus alas y
vete volando
transformada en nubarrones de cuetes blancos
vete a rescatar más niñas de la Merced y la Central de Abastos, Niña
niña.
