Opfer des Krieges – James Marshs «Shadow Dancer»
Belfast, Nordirland, 90er-Jahre: Collette ist Mutter, Witwe – und wie ihre ganze Familie ist sie in IRA-Aktivitäten involviert. Nach einem gescheiterten Attentat wird Collette (Andrea Riseborough) vom MI5 rekrutiert. Mac (Clive Owen) gibt ihr keine Wahl – entweder wird sie zur Informantin – oder sie sieht ihren Sohn nie mehr.
Der Regisseur des preisgekrönten Dokumentarfilms «Man on a Wire» legt mit «Shadow Dancer» einen spannenden Politthriller vor, der auf einem Roman von Tom Bradby basiert. Von Bradby stammt auch das Drehbuch des Films. Die bedrohliche Atmosphäre wird dabei aber nie plakativ gezeichnet, sondern immer subtil, was die Gefahr noch viel stärker erlebbar macht. Die ersten Opfer eines Krieges sind immer die Frauen. Collette ist hin- und hergerissen zwischen der Loyalität zu ihrer Familie – allen voran ihren Brüdern – und der Liebe zu ihrem Sohn.
Im Hintergrund wirkt dabei ein Trauma, das der Film bereits zu Beginn darstellt. Die Religion kommt dabei kaum zur Sprache – was richtig ist, denn in Wirklichkeit geht es in Nordirland nicht um Religion, sondern um einen kolonialen Konflikt. «Give Ireland back to the Irish», hat Paul McCartney denn auch gefordert. Geholfen hat es nicht. Vielleicht ist es auch naiv, anzunehmen, dass ein vereinigtes Irland den kolonialen Konflikt lösen würde – gerade auch deshalb, weil die protestantische Bevölkerung ja auch aus Einheimischen besteht und nicht aus Neuankömmlingen.
Mac will Collette dabei wirklich helfen – doch seine Vorgesetzten beim MI5 haben gerade daran kein Interesse. Für sie heiligt der Zweck jedes Mittel. Collette wiederum ist im Grunde genommen zu wenig überzeugt von ihrer terroristischen Mission – eigentlich würde sie am liebsten wohl einfach ein ganz normales Leben führen (wie die meisten Menschen). Vielleicht ist die Mutter als unwillige Terroristin, bzw. die Frau als unwillige Terroristin auch ein Klischee. Zugleich ist es klar, dass sie andere Prioritäten setzen muss als ihre Brüder, die offenbar allein für die Politik leben und keine eigenen Kinder haben. Regisseur James Marsh legt mit «Shadow Dancer» auf jeden Fall einen unvergesslichen, perfekt gemachten Thriller vor.
«Shadow Dancer». UK/Irland 2012. Regie: James Marsh. Mit Andrea Riseborough, Clive Owen, Gillian Anderson, Barry Barnes, Brid Brennan u.a. Deutschschweizer Kinostart: 8.8.2013.

