Alle zehn Jahre

Von Daniel Lüthi

Zum heutigen Texttag präsentiert «Zeitnah: Kulturmagazin seit 2012» eine Geschichte von Daniel Lüthi. «Alle zehn Jahre» trifft sich eine Familie, um alte Streitereien und Intrigen aufzufrischen. Doch etwas ist seltsam an diesen Treffen, genauso wie der Grund, weshalb kaum jemand das alte Anwesen noch betreten will …

«Zeitnah: Kulturmagazin seit 2012» präsentiert eine weitere Geschichte von Daniel Lüthi. zVg

«Zeitnah: Kulturmagazin seit 2012» präsentiert eine weitere Geschichte von Daniel Lüthi. zVg

Die Kerzen waren fast ganz heruntergebrannt und sahen wie kleine entwurzelte Baumstümpfe aus, auf denen die Flämmchen noch schwach flackerten. Am Tisch war es still geworden, die Gespräche wechselten in Flüstertönen hin und her, so als ob jedes laute Wort das letzte gedimmte Licht vertreiben könnte. Die Morgendämmerung draussen bemerkte niemand, dicke Vorhänge aus dunklem Velours verdeckten die Fenster bis auf jene grosse Glasfront, die zum Hofgarten hinausführte. In klaren Nächten schlich dort das Mondlicht vorbei und glänzte auf den blanken Marmorbänken, doch jetzt lag alles im Dunkeln. Lydia wandte den Blick vom Garten ab und versuchte, ein frohes Gesicht zu machen, soweit es das wächserne Kerzenlicht noch zuliess. Verstohlene Gesprächsfetzen huschten über den Tisch.

«… solltest du ihn persönlich fragen…»
«Wer sagt sowas? »
«… sah auch schon besser aus.»
«Grauenhaft!»
«Wenigstens die Hälfte, eigentlich…»
«… mit dem Kindermädchen, ja.»
«… sie mussten alles verpfänden.»

Das helle Klingen eines leeren Weinglases übertönte das Getuschel, bis alle verstummt waren und zum Ende des Tisches sahen. Lord Amforth legte das Buttermesser zur Seite und beugte sich vor.
«Da unser Abend nun schon fast vorüber ist, will ich noch einmal kurz das Wort ergreifen», sagte er mit seiner leisen, klaren Stimme.
«Es ist beinahe Morgen», unterbrach ihn William. «Eine letzte Runde Sherry wäre wohl angebrachter.»
«Richtig. Ein paar schmutzigen Geheimnissen muss noch die Zunge gelockert werden», ergänzte Richard mit einem kecken Seitenblick auf die errötende Ellen.
«Immer noch Bedarf, deine eigenen damit zu übertünchen? », fragte Lydia.
«Lass ihn, Liebes», sagte Brynn besänftigend. «Vater, was wolltest du sagen?»
«Es ist vielleicht unpassend, euch dies jetzt noch zu eröffnen», begann Lord Amforth langsam, «doch ihr mögt auf dem Nachhauseweg darüber nachdenken. Nebst anderen Dingen, hoffe ich.»
«Oh. Gut, dass niemand eingeladen ist, den wir mögen», bemerkte Richard trocken.
«Ich liebe euch alle», fuhr Lord Amforth fort. «Immer noch. Was ihr untereinander ausheckt und in welche Streitereien ihr verwickelt seid, hat nichts daran geändert. Ihr seid meine Kinder, und ich liebe euch.»
«Du hast dein Testament aufgesetzt, nicht wahr?», sagte Peter, der den ganzen Abend fast nur zugehört und geschwiegen hatte. «Allein letzten Monat sollst du viermal in der Kanzlei gewesen sein, hat mir mein Verleger erzählt.»
Lord Amforth lächelte.
«Peter hat Recht. Und ich denke, ich habe eine Lösung gefunden, die für alle gerecht sein wird.»
Schweigen. Richard stand auf und ging zu den Spirituosen.
«Lieblingskinder bitte vor», sagte er schulterzuckend und warf Eiswürfel in ein Glas. Peter seufzte.
«Du wirst uns nichts darüber verraten, oder?», fragte Ellen.
«Erst nach meinem Tod. Bis dahin müsst ihr euch gedulden.»
«Ich nehme an, eine Kopie des Testaments ist oben in deinem Safe», sagte William. Lord Amforth schüttelte den Kopf.
«Mr. Gilphes verwahrt sämtliche Papiere. Ich möchte nicht, dass du ihn deswegen belästigst, William.»
«Und ich möchte nicht, dass jemand von uns durch eine mögliche rechtliche Lücke schlüpfen könnte, Vater.»
«Womit er indirekt mich meint», sagte Richard, der sich mit einem Glas Cognac wieder setzte. «Eigentlich schmeichelhaft.»
Eine Kerze ging aus, und Lydia zuckte zusammen. Sie wünschte, die Sonne würde endlich aufgehen.

«Was ist mit den Ländereien in Übersee?», fragte Brynn. «Wie hast du das geregelt?»
«Ihr werdet sehen. Ich habe an alles gedacht.»
«Dann ist das also unser letztes Treffen, oder nicht? Nach dreimal zehn Jahren hast du dich endlich entschieden, wen von uns du am meisten liebst und dies schwarz auf weiss besiegeln lassen?»
«Richard, halt endlich dein dummes Maul.»
«Habe ich vor, weil ich das nächste Mal nicht mehr hier antanzen werde. Vorausgesetzt, Vater le –»
«Untersteh dich!» Lydia knallte die Faust auf den Tisch. «Vater, warum bezahlst du diesem… Kerl überhaupt noch die Schulden?»
«Weil ich ihn genauso liebe wie dich, Lydia. Anders hätte ich euch nicht grossziehen können… obwohl ich euch manchmal am liebsten in sechs verschiedene Internate gesteckt und erst als Volljährige wieder abgeholt hätte. Himmel, was ihr euch schon als Kinder gestritten habt!»
Lord Amforth lachte, laut und wie immer völlig unpassend zu seiner ruhigen Stimme. Ellen, Brynn und Richard grinsten einander an, und auch Lydia und Peter konnten sich ein Lächeln nicht verkneifen. Nur William blieb ernst.
«Warum hast du es geschrieben?», fragte er, nachdem das Lachen verklungen war. «Warum ausgerechnet jetzt?»
Lord Amforth machte ein abwesendes Gesicht, lächelte dann still.
«Ich könnte es euch sagen. Eigentlich hat es mit dem Testament überhaupt nichts zu tun.»
«Das verstehe ich nicht», sagte Brynn. «Wenn du keinen Grund hattest –»
«Ich hatte einen Grund. Ich musste euch schützen.»
Ein weiterer Kerzenstummel erlosch. Im Halbdunkel sah man jetzt fast nur noch die Augen blitzen.
«Ich habe es die letzten zwei Jahre vor euch verborgen, so gut es ging. Ellen war von euch allen am nahesten dran, es herauszufinden.»
«Ich?!»
«Schmutzige Geheimnisse, wie ich schon sagte», meinte Richard.
«Nichts daran ist schmutzig», sagte Lord Amforth. «Ellen, erinnerst du dich an deinen Besuch vor einem halben Jahr?»
«Natürlich. Du wolltest mir die neuen Pferde zeigen.»
«Weisst du noch, wer damals mit dabei war?»
«Mrs Hawke? Eine recht freundliche ältere… Peter, warum lachst du?»
«Sag bloss, du willst wieder heiraten, Vater.»
«So ist es.»

«Oh, verdammt», brummte William und stand auf, um sich ebenfalls einen Drink zu machen.
«Deswegen die vielen Besuche in der Kanzlei», folgerte Peter weiter. «Nicht bloss für ein Testament, sondern auch für eine Ehe.»
«Aber wozu dann das Testament?», wollte Ellen wissen. «Traust du der armen Frau etwa nicht?»
«Mrs Hawke besitzt die Eastern Railroad Company. Ich möchte nicht, dass unser Land irgendwann einer Eisenbahnlinie weichen muss. Deshalb habe ich das im Testament mitvermerkt. Der Rest liegt dann an euch.»
«Das tönt aber nicht so freundlich, wie Ellen behauptet», sagte Richard. «Bist du sicher, dass du die Dame heiraten willst? »
«Sie hat mich vor drei Jahren gewarnt, dass der Vorstand der Railroad Company schon länger auf unser Land spekuliert. Alles andere ergab sich von selbst.»
«Die müssten sich ziemlich anstrengen, um dieses Stück Sumpf urbar zu machen», meinte Brynn.
«Und wann soll die Hochzeit stattfinden?», fragte William nach einem grossen Schluck Gin.
«Nächstes Jahr», sagte Lord Amforth. «Jetzt, da wir beide rechtlich abgesichert sind, können wir mit der Planung beginnen. Es sollte eigentlich eine Überraschung für alle werden.»
Lydia sah wieder in den Garten.
«Es ist dir also ernst», stellte William fest. Lord Amforth nickte.
«Hat sie Kinder?», fragte Ellen.
«Zwei erwachsene Söhne. Einer ist Ingenieur, der andere Anwalt. Ihr Vater soll gewissermassen beides gewesen sein, wurde mir erzählt. Anders hätte er die Eisenbahnlinie wohl kaum so erfolgreich ausbauen können.»
«Und seine Kinder eifern ihm nach, nehme ich an», bemerkte Richard.
«Sie haben die Gesellschaft vor fünf Jahren übernommen. Den Ingenieur habe ich bereits kennengelernt. Ein kräftiger Mann, wirkte sehr entschlossen. Ganz wie sein Vater, hat mir Mildred gesagt.»
«Mildred?»
«Mrs Hawke», sagte Lord Amforth lächelnd. «Ich hoffe –»

Doch er sagte nichts mehr, denn Licht drang durchs Fenster und erhellte sein Gesicht, machte es bleich und müde. Sonnenstrahlen schienen zwischen den auf einmal löchrigen Vorhängen hindurch in den Esssaal, über den Tisch und spiegelte sich in den Gläsern, die ihren Glanz verloren und matt wurden. Ein unhörbares Seufzen entrang sich ihnen allen, Lord Amforth, Ellen, William, Lydia, Brynn, Richard und Peter, während sie sich langsam im Morgennebel auflösten, der durch die verkohlten Fensterrahmen ins Haus kam. Besteck, Geschirr, Tischtuch, selbst die Kerzen verblassten in den Sonnenstrahlen, Garten und Gänge klarten auf. Der Nebel kroch in langen Schwaden zur Eingangshalle, weiter die Treppe hinauf in den Westflügel und durch die Galerie an spröden Ahnenbildern vorüber, jedes der sieben verbliebenen Gemälde gewann an Farbe und Frische, bis die Schwaden sich im Licht des frühen Morgens verflüchtigt hatten. Alle Geister waren fort. Die Ruine von Amforth Manor stand still, fast friedlich in der Heidelandschaft. Niemand, der mit dem Zug daran vorbei raste, hätte angenommen, dass es ein verwunschener oder gar verhexter Ort sein könnte. In den umliegenden Städtchen munkelte man von Moorlichtern in der Nacht und seltsamen Schatten am Tag, mehrere Vorschläge zum Abriss der Ruine und der Trockenlegung des Landes waren aufgekommen und wieder verschwunden, und es schien fast so, als ob es den Leuten insgeheim Angst bereitete, Amforth Manor zu betreten. Eine der Geschichten, die immer wieder in den Zeitungen auftauchten, erzählte von Gelächter und Kerzenlicht im Innern des ausgebrannten Hauses, was aber nur sehr selten zu beobachten sei, alle zehn Jahre oder so. «Familientreffen unter Geistern» oder «Dinner im Moor» lauteten die Schlagzeilen dann etwa. Ein paar der älteren Dorfbewohner behaupteten sogar, der letzte Lord Amforth persönlich habe diese Tradition begonnen und führe sie fort, nunmehr seit über einhundertdreissig Jahren. Nur den Brand von damals konnten auch sie nicht erklären.

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