Der Gletscher

Von Jacob Savaller

Zum heutigen Texttag veröffentlicht «Zeitnah: Kulturmagazin seit 2012» die Geschichte «Der Gletscher» von Jacob Savaller. Die Bergtour ist geschafft, der Gipfel der Jungfrau wurde erfolgreich bestiegen, doch auf dem Rückweg zur SAC-Hütte erwarten den Bergsteiger nach einem Unfall merkwürdige Erscheinungen…

«Zeitnah: Kulturmagazin seit 2012» schätzt sich glücklich, Ihnen an diesem Texttag die Geschichte «Der Gletscher» von Jacob Savaller präsentieren zu dürfen. zVg

«Zeitnah: Kulturmagazin seit 2012» schätzt sich glücklich, Ihnen an diesem Texttag die Geschichte «Der Gletscher» von Jacob Savaller präsentieren zu dürfen. zVg

Wenn du auf knapp 3800 Metern über Meer am Rotbettgrat der Jungfrau halb schneeblind den Hang hinunterstapfst und dir die Lungen mit jedem Atemzug kälter schmerzen, so ist das Letzte, was du erwartest, eine Hütte in der Ferne, die nicht auf der Karte verzeichnet ist.

Ich kannte die Strecke in- und auswendig. Hier war keine Hütte, und ich konnte mich unmöglich verirrt haben, nicht auf einem Berghang. Ich kniff die Augen zu und versuchte, auf der Karte doch noch etwas zu erkennen, doch das giftige Licht der Nachmittagssonne stach mir wie Nadeln in die Augen. Meine Schneebrille war fort, zerschellt irgendwo im Enthusiasmus nach dem Gipfelabstieg. Ein blöder Amateurfehler, und ich war fast froh, alleine unterwegs zu sein. Beim Sturz hatte ich mir nichts gebrochen, zum Glück, nicht mal etwas gestaucht, nur Schürfungen, doch die Hälfte meiner Ausrüstung hatte sich aus dem zerrissenen Rucksack talwärts verabschiedet. Und jetzt die Hütte. Ich wusste, dass ich noch mindestens sechs Stunden bis zur Silberhornhütte haben würde. Ich verschnaufte, während Tränen auf den Schnee tropften, und blinzelte zur Hütte hin, die nicht da sein sollte. Gehen wir sie mal anschauen, dachte ich mir und stieg übers gröbste Geröll.

Das Holz war alt, stellte ich fest und fing mir prompt eine Sprisse ein, als ich mich daran aufstützte und die Schnürsenkel lockerte. Ich ging herum zur Schattenseite. Die Tür war dort, Gott sei Dank, und sie war nicht verschlossen. Kindheitsgeruch schlug mir entgegen, als ich den Kopf ins Innere der Hütte steckte. Im Vorräumlein war eine Sitzbank. Ich setzte mich darauf und schloss die Augen, lehnte mich an die Wand zurück, welche leise knarrte. Gott sei Dank, dachte ich erneut. Ich wäre blind unten beim Silberhorn angekommen, wenn überhaupt. Mein aufgeschürftes Schienbein schmerzte zum ersten Mal seit einer Stunde. Das musste die trockene Luft hier drin sein. Es roch nach sonnengewärmtem Holz und Hanfseilen, nach Spiritusbrennern und alten Matratzen.

Ich musste eingenickt sein, denn als ich meine Augen wieder öffnete, war das Licht viel goldener geworden. Ein Butzenfensterli war in der Türe, die zum Hauptraum der Hütte führte, und fahler Spätnachmittagsschimmer schien schwach hindurch. Ich rieb mir die Augen und stand auf, öffnete die Tür, welche ebenso unverschlossen war und schritt in den Sammelraum. Links und rechts von einem langen Gang hatte es Zimmertüren, wo die Schlafräume sein mussten, geradeaus sah ich eine Panoramafensterfront. An den Wänden hingen alte Bilder, vielleicht Anker oder Carigiet, aber keinerlei Hausordnungen des SAC oder sonstwem. Probeweise öffnete ich eine der Zimmertüren und blickte in ein Kajütenzimmer mit schön gefalteten Decken auf den Matratzen, doch auch hier kein Zeichen von irgendwas Offiziellem.

Ich ging zurück in den Hauptgang und schritt langsam weiter. Rechts vorne kam eine kleine Küche in Sicht, nicht mehr als ein Waschbecken auf einer breiten Kommode und Chuchichäschtli darüber, zur Linken gestapelte Stühle auf zwei Tischen. Die Fensterfront zeigte auf den Mönch und den Aletschgletscher hinaus. Ich wollte zur Kommode gehen, um nachzuschauen, ob ich Ersatz für meine verlorene Ausrüstung fand – zuallererst eine Gletscherbrille – als ich auf einmal stockte und zur Fensterfront zurückblickte. Etwas stimmte nicht. Ich rieb mir erneut die Augen und blickte wieder zum Mönch hinüber. Warum war der bis ins Tal hinab voller Schnee? Es war doch Sommer! Aber der Gletscher… der Gletscher bewegte sich. Nein, er rutschte, floss förmlich talwärts! Ich sah, wie die Eismassen brachen und sich aufbäumten, wie ein gefrorenes Meer strömte und flutete der Aletsch durch die Talmulde in Richtung Brig. Es konnte nicht sein. Ich musste vollends schneeblind geworden sein, wahnsinnig sogar, und trotzdem klammerte ich mich ans Fensterbrett und starrte weiter ins Tal hinunter. Ich stellte mir vor, wie der Gletscher sich weiter ausbreitete, Städte und Strassen überflutete und eine kleine private Eiszeit einläutete, nur für die Schweiz. Oder geschah dies mit allen Gletschern auf der gesamten Welt? War dies der Anfang und die Rache dafür, dass wir die Gletscher mit Treibhausgasen bis an ihre Mündungen zurückgetrieben hatten? Kalter Schweiss trat mir auf die Stirn, unter meinen Händen knirschte das Holz vom Fensterbrett, ich verlor den Halt und fiel rückwärts mit dem Kopf auf den Boden. Das Letzte, was ich fühlte, war die eisige Luft, welche von draussen hereinkam…

«Herrgottstüri, was isch passiert?»

Arme fingen mich auf, und ich realisierte, dass ich immer noch am Laufen war, Schritt für Schritt, obwohl längst Nacht war und ich nichts mehr sah. Ich sackte in den Armen zusammen und schnupperte warme Hüttenluft, den Geruch von Älplermagronen und hörte weitere Stimmen.

«Isch dä dr ganz Wäg abeglüffe? Ohni Brüe?»

«Ine mit em! Houet s’Notfauköfferli!»

Ich fühlte, wie ich wieder in Ohnmacht fiel, und das Letzte, was ich diesmal sah, war der Gletscher, der Gletscher, wie er immer weiter floss…

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