Deine Box, meine Box. Die Box ist für alle da – Romana Ganzoni über Sexboxen, die «Schweizer Illustrierte» und Foucault

Von Romana Ganzoni

Was man in den neu geschaffenen Sexboxen sonst noch alles so treiben kann, vom Austarieren des Triebhaushaltes  abgesehen, skizziert Romana Ganzoni in diesem wunderbar subjektiven und ironischen Text. Empfohlene Begleitlektüre: die «Schweizer Illustrierte».

Znünibox

«Sexbox. Jack in the Box. Ein Springteufel. Box wie Büx. Die Büxe, die Pyxis der Pandora. Pandora, die Allbegabte, die erste Frau. Eine Büx, sagte mein Vater, ist eine Nutte. Jedem seine Box, jedem seine Büx» (Foto: Wikimedia Commons).

Wie jedem normal empfindenden Menschen gefällt auch mir die «Schweizer Illustrierte», und wie jeder andere behaupte auch ich stets: Ich lese sie nur beim Coiffeur. In Wahrheit, jetzt seid mal ehrlich, gopfertori, ist es die einzige Publikation, die interessieren kann: Schaumbäder und Scheidungen. Aber die Wahrheit hat es heute schwer. Früher war es etwas besser, minim, aber immerhin, zum Beispiel in der frühen Neuzeit, als die Städte begannen, Ordnung zu schaffen. Sonst sähe es da noch heute aus wie auf dem Land. Rückständig, meterhoher Schweinedreck auf allen Gassen. Weder Zucht noch Sitte. Null Solarien. Letztlich keine Demokratie. Nichts.

In einer kalten Winternacht vor dreissig Jahren kippte mich die VW-Golf-Fahrerin, mit der ich in Zernez, Unterengadin, im Ausgang gewesen war, in Lavin, Unterengadin, aus ihrem Auto. Ich hatte nicht zum Jägerball gewollt nach Nauders, Österreich. Sie war erbost, wir stritten uns. Da stand ich am Bahnhof, das Wartezimmer offen, beleuchtet und ruhig. Mobile gab es nicht, sonst hätte ich natürlich getwittert und wäre glücklich gewesen. Stattdessen dachte ich an die Grossstadt, an Zürich, dort, gleich über den beiden Bergen und dann geradeaus, hatte es pro Strasse mindestens eine Diskothek, dort war etwas los, dort war Welt, Freiheit. Aber ich konnte ja nicht einmal richtig Deutsch. Und Deutsch sollte man schon können, wenn man in der Schweiz lebt. Der Stachel der Sehnsucht steckte in meinem jungen Fleisch, etwa auf Kniehöhe; die Meniskusoperation war noch nicht lange her.

Auf der Bank des Wartezimmers lagen ein paar Fotokopien. Sie mussten vom einzigen Intellektuellen des Tals stammen, einem Zürcher, kein Arzt und doch ein Doktor, wer sonst würde freiwillig einen Franzosen lesen und das Ganze selber übersetzen. Der Aufsatz handelte von Heterotopien [«Orte, an denen von der herrschenden Norm abweichendes Verhalten ritualisiert und lokalisiert wird», Wikipedia], er gefiel, ich war schliesslich in der Pubertät. Michel Foucault spricht von «eigenen Gegenräumen», von «realen Orten jenseits aller Orte». Irrenanstalten, Bordelle, Gefängnisse, Altersheime, Sanatorien. Abweichungsheterotopien, Orte an den Rändern der Gesellschaft. Klassisch: der Bahnhof in Lavin. Nicht so die «Schweizer Illustrierte», jeder will darin sein. Ich wusste: Wenn du gross bist, wirst du die Berge auf der einen Seite besteigen, auf der anderen Seite wirst du hinab wandern, leichten Herzens, lachend, ein Mensch, die «Schweizer Illustrierte» unter dem Arm, dann wirst du geradeaus gehen, im Leib die Gier nach vielen Diskotheken, aber vor allem nach deiner persönlichen Heterotopie, immer geradeaus bis zum Industriequartier. Mitten im städtischen Brachland wird sie auf dich warten, deine persönliche Heterotopie, bereit, bald von den Furchen des Pflugs durchrissen, nützlich und fruchtbar zu werden. Bezahlen wirst du in Schweizer Franken.

Ende August 2013 ist es nun so weit, a dream come true, lang ersehnt, wird sie aus der Taufe gehoben: die Sexbox. Sie steht mit neun weiteren in Zürich. Und das ist hoffentlich nur der Anfang.

Mir, dem Provinzpifmpf, fällt zu Sexbox Znünibox ein. Nahrung. Zwischenmahlzeit. Eine Viertelstunde des Vergnügens. Vollkorn natürlich. Vor dreissig Jahren gab es Schwarzbrot und Bergkäse, aber keine Znünibox, mein Brot war in Metzgerpapier eingewickelt. Sexbox. Jack in the Box. Ein Springteufel. Box wie Büx. Die Büxe, die Pyxis der Pandora. Pandora, die Allbegabte, die erste Frau. Eine Büx, sagte mein Vater, ist eine Nutte. Jedem seine Box, jedem seine Büx. Die Büx in der Box. Das ist Demokratie. Hier herrscht Ordnung, wie früher. Vor vierhundert Jahren. Vor dreissig Jahren gab es Ravioli aus der Büx oder Erbsli, jeder normal empfindende Mensch liebte Ravioli, auch Triangoli und Erbsli; sie verbanden alle Landesteile, Ravioli und Erbsli waren der Garant für dezentrale Werte. Wie die «Schweizer Illustrierte».

Heute schauen alle nach Zürich. Ich sage: schauen. Ich schaue ja nur, als Geschöpf aus «subvenziuns» und von Zürcher Gnaden halte ich die Klappe. Weiss doch alles. Wurde mir oft gesagt. Das jährliche Fresspaket, die Kleider, Schulbücher, ein Kugelschreiber der Zürcher Kantonalbank, Zahnspangen aus dem Unterland; die Gaben haben mich gross und stark werden lassen, mein Lachen ist nicht mehr auffallend schief – und jetzt motzen statt danke sagen? Geht nicht. Ich sage ja nichts, die heterotopischen Begehren sind trotzdem da. Sie sind lebensgeschichtlich begründet. Ich erwähnte es. Sie brechen aus mir heraus, unanständig, wild, zu trotzen allen Winternächten in den Wartesälen dieser Welt.

Die Sexbox ist auf dem Strichplatz. Wir hatten früher Kreide und malten Strichmännchen auf den Pausenplatz und Quadrate, wir spielten Himmel und Hölle. Gummitwist haben wir gespielt. Erinnert sich jemand an Gummitwist? Wir hatten Träume.

Die Sexbox muss sein, der Strichplatz, klar, das Stimmvolk irrt nie. Aber es denkt nicht immer zu Ende. Warum nicht jedem seine Box, dem normal empfindenden und dem anderen gleich auch? Deine Box auf Zeit im Ödland, am Rand. Meine Box. Eine Mietbox für Bündnerinnen. Kleiner Aufschlag, voll in Ordnung. Ich könnte meine Einkäufe zwischenlagern, die Reifen meines Subarus wechseln, die «Schweizer Illustrierte» in geschütztem Rahmen lesen, ohne Coiffeurlüge leben, alle könnten die «Schweizer Illustrierte» lesen, ungehemmt, schamlos und Freundinnen zum Bridge empfangen, ohne angepöbelt zu werden. Der Doktor könnte in Ruhe Foucault lesen, auf einem Klappstuhl oder stehend. Den Seitenspringern, den Behinderten, den Feministinnen ihre Box, den Marxisten, den Wandersleuten, Asylbewerbern, Hundehaltern. Denen, die mit dem ÖV kommen. Den Velofahrern ihre Box und den Rothaarigen. Wo ist die Box für die Rothaarigen? Gerechtigkeit, Gleichheit, Verständnis für alle Bedürfnisse, für alle Minderheiten, so krumm sie auch sein mögen, es ist nicht an uns zu urteilen, es ist nicht an der Politik, es ist nicht an anderen, krumm zu sagen oder zu denken. Aber dann, die Gedanken sind frei, sagte man früher. Bringen wir es auf einen Nenner: Jeder hätte seine Box und wäre von Zeit zu Zeit weg von der Strasse, er oder sie würde ein paar Stunden niemanden stören.

Sexbox. Okay. Blackbox. Warum nicht einfach Box. Hier ist deine Box, die dir ab Geburt zusteht, sagen wir: einmal pro Woche sechs Stunden am Stück. Niemand soll sehen, was dort geschieht, ob sexuelle Dienstleistungen erbracht oder die Reifen gewechselt werden, ob jemand eine Waschmaschine oder eine Sitzgruppe aufstellt, eine Wohnwand, wir mögen das bieder finden, aber ist es an uns, eine Wohnwand zu kommentieren? Gehen Sie in sich! Die Antwort ist: nein. Ist es als Bündnerin an mir, solches zu verlangen? Nein. Natürlich nicht. Ich müsste schweigen, hätte ich nicht diese grandiose Vision, wäre ich es dem Raum hinter den Bergen nicht schuldig. Und deshalb empfehle ich ein Buch. Eine leichte Sommerlektüre, für alle, die die Box wollen:

Michel Foucault. Die Heterotopien. Der utopische Körper. Zwei Radiovorträge, Suhrkamp 2013.

Romana Ganzoni, geboren vor dem Zvieri. Es war ein Dienstag. Es war April und Scuol. 1967. Der Kopf zwetschgenblau. Später Matura in Ftan et cetera. Fährt Subaru Justy (Grau Metallic). Seit letztem Sommer arbeitet sie an ihrem Roman. Erzählungen gibt es schon.

 

4 Gedanken zu “Deine Box, meine Box. Die Box ist für alle da – Romana Ganzoni über Sexboxen, die «Schweizer Illustrierte» und Foucault

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