Held und Antiheld – ein Rückblick auf Mike Mignolas «Hellboy»

Mit der Ankündigung eines Neubeginns der «Hellboy»-Filmreihe für 2018 lohnt es sich nach zahlreichen Büchern und nicht zuletzt den beiden Verfilmungen von Guillermo del Toro mit Ron Perlman in der Hauptrolle, ganz zum Anfang von Mike Mignolas modernem Comic-Klassiker zurückzukehren.

Ein ungewöhnlicher Protagonist: Mike Mignolas «Hellboy» ist weitaus menschlicher, als er aussieht. zVg

Von Daniel Lüthi

In den 1990ern unterlief das Comic-Genre einem fundamentalem Wandel: Mit Büchern wie «The Death of Superman» und «Knightfall» verloren die beiden klassischen Superhelden Superman und Batman ihre Unverwundbarkeit. Gleichzeitig wurden von jungen Autorinnen und Autoren neue Helden kreiert, die alles andere als tugendhaft waren: Deadpool, Wynonna Earp, Preacher… statt klaren moralischen Vorgaben zu folgen waren diese Figuren oft chaotisch, unkonventionell und ebenso zerstörerisch wie ihre Widersacher. Auch Mike Mignolas «Hellboy» entstammt dieser Generation von Antihelden, die mittlerweile auf Netflix und in Filmen populär geworden sind.

In «Hellboy: Saat der Zerstörung», dem ersten (mittlerweile leider vergriffenen) Band der Comic-Reihe, beginnt alles im Jahr 1944, wo der russische Magier Rasputin in England für die Nazis eine geheime Beschwörung vollzieht. Er öffnet ein Tor zur Hölle, durch das eine Kreatur von der anderen Seite in unsere Welt gelangt. Der kleine Dämon fällt jedoch glücklicherweise in die Arme der Alliierten und wächst unter ihrer Obhut zu einem riesenhaften, aber gutmütigen Mitglied der Behörde zur Untersuchung und Abwehr paranormaler Erscheinungen (B.U.A.P.) heran.

Fast 50 Jahre später wird Hellboy mit seiner Vergangenheit konfrontiert. Die Spur einer seltsamen Froschplage führt ihn nach Cavendish Hall, dem Anwesen einer traditionsreichen Familie von Seefahrern. Ein uralter Fluch soll auf dem Land und dem See liegen, wo das Haus einst gebaut wurde. Zusammen mit seinen zwei Mitstreitern Elizabeth Sherman und Abraham Sapien ergründet Hellboy die Geheimnisse jenes abgelegenen Ortes, welcher immer tiefer im Wasser zu versinken scheint…

Keine Identitätskrise

Was sich in dieser kurzen Zusammenfassung vielleicht ein wenig unausgegoren anhört, fügt sich im Verlauf der Handlung erstaunlich schlüssig zusammen. Dies liegt insbesondere daran, dass Hellboy kein Held wie Superman oder Spiderman ist, die sich mit zwei Identitäten herumplagen müssen. Hellboy ist Hellboy – ein Investigator mit Teufelsfüssen und abgeschliffenen Hörnern, der sich vor niemandem verbirgt und sein Aussehen nicht an die grosse Glocke hängen will. Zwar sind seine übermenschlichen Fähigkeiten äusserst nützlich, doch seine menschliche Seite ist ihm mindestens ebenso wichtig.

Hellboy benötigt keine zweite Identität, hinter der er sich verstecken muss. zVg

Solche Abgebrühtheit der Hauptfigur erinnert an Hard-Boiled-Detektive wie Sam Spade und Philip Marlowe, und die trockenen Kommentare und Gedankengänge Hellboys tun ein Übriges, um diesen Eindruck zu verstärken. Daneben lockern sie immer wieder die Atmosphäre auf. Es ist erfrischend, wenn Hellboy die stellenweise recht absurde Handlung ironisch untergräbt, indem er etwa ein Froschmonster als Kermit bezeichnet oder Rasputins dunkle Beschwörungen mit einem lapidaren «Sag bloss» beantwortet. Dennoch ist der Grundton des Comics düster, was nicht zuletzt am stark ausgeprägten Stil liegt.

Erbe des deutschen Expressionismus

Man hat die Ästhetik von Mignolas Zeichenstil mittlerweile schon oft als expressionistisch bezeichnet, und es trifft weitestgehend zu. Licht und Schatten stehen in scharfem Kontrast zueinander, Personen und Umgebung wirken dadurch teils wie aus Stein gemeisselt. Figuren sind entweder sehr breit oder sehr lang gezeichnet, Details werden an passender Stelle ausgelassen oder nur angedeutet. Hierdurch werden die Vorbilder von «Hellboy» sehr deutlich – die künstlerische Verwandtschaft zu Kino und Malerei der 1910er- und 1920er-Jahre wird auf jeder Seite zelebriert.

Karg und ausdrucksstark: Mignolas Illustrationsstil sucht im Comic-Genre seinesgleichen. zVg

Summa summarum ist «Hellboy: Saat der Zerstörung» sowohl im Stil als auch in der Handlung ein dunkles Kunstwerk mit einem sympathischen (Anti-)Helden, das sich selbst nicht zu ernst nimmt und dennoch eine spannende Geschichte erzählt. Guillermo del Toro setzte diesen Balanceakt zwischen Düsternis und Witz in den Filmen «Hellboy» (2004) und «Hellboy II: The Golden Army» (2008) kongenial um. Ob die für 2018 geplante Neuverfilmung unter der Regie von Neil Marshall ähnlich wird oder stattdessen wie Christopher Nolans «Batman»-Trilogie oder Zack Snyders «Man of Steel» verstärkt auf die finsteren Aspekte der Vorlage setzt, bleibt abzuwarten. Die Comic-Reihe ist auf jeden Fall längst ein moderner Klassiker.

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