Dynamit unter der Brücke – Andy Strässle zu Hemingways «Fiesta. The Sun also rises»

Auf den ersten Blick ist alles da: Stierkampf, Fischerei, männliche Rivalität, Weltschmerz und Romantik. Mit seinem ersten Roman «Fiesta: The Sun also rises» landete Ernest Hemingway 1927 einen Bestseller. Auf den zweiten Blick jedoch ist nichts so, wie es scheint.

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Von Andy Strässle

Die Warnung kommt auf den ersten Seiten. Erzähler Jake Barnes sagt, sein Freund Robert Cohn – den er nie besonders gemocht hatte, der aber in Princeton Boxen gelernt hatte – habe «vielleicht die falschen Bücher gelesen». So bleibt es an Barnes hängen, ihm in einem Pariser Café  bei einem Schnaps zu erklären: Egal, wo man hinreise, sich selbst könne man nie entkommen. In «Fiesta: The Sun also rises» erklärt der Erzähler, der kurz einmal zwei Stunden in die Redaktion «hart arbeiten» geht, Cohn sei wohl nie verliebt gewesen und doch hätten ihn die Frauen immer im Griff gehabt. Es sei geradezu so gewesen, als habe Cohn nach einer ersten Scheidung, «an die Hand genommen werden wollen.»

Nach der «harten Arbeit» als sich Jake abermals einen Pernod gönnt («nichts für kleine Mädchen») trifft er auf die Prostituierte Georgette, mit der er Essen geht und schliesslich in einer «bal musette» im Panthéon-Quartier landet. Die Geste eine «Poule» an eine Party mitzuschleppen, weckt in Jake den Beschützerinstinkt, so dass er ihr an der Bar Geld hinterlässt– falls sie mit keinem Mann mitgeht – doch gleichzeitig ist er nicht nur von ihr angewidert, sondern auch abgestossen von denjenigen, die sie begehren.

Es ist Frühling in Paris und das Akkordeon ist laut, im Saal ist es heiss, Jake trinkt mehr, als gut für ihn ist, als Lady Brett Ashley an der Party auftaucht. Sie tritt in Begleitung eines fetten Grafen auf, der gute Manieren, einen guten Geschmack und viel Geld hat. Die Krankenschwester Brett hatte den Piloten Jake während des Ersten Weltkrieges – sehr wahrscheinlich nach einem Flugzeugabsturz – gepflegt.

Sie ist die Liebe seines Lebens. Eine Liebe, die sie erwidert, die jedoch nicht vollzogen werden kann, da er eine ominöse Verletzung erlitten hat. Zu Hause vor dem Spiegel zieht sich Jake aus: «Beim Ausziehen sah ich in den Spiegel der grossen Kommode neben dem Bett. Eine typisch französische Zimmereinrichtung. Von allen möglichen Arten verletzt zu werden. Ich vermutete, es war lustig.» Ein italienischer Colonel sagte ihm damals, wie sich der Verletzte erinnert, er habe mehr als sein Leben gegeben und bedauert, dass es ausgerechnet an einer solchen «Witzfront», wie der italienischen habe geschehen müssen.

Wahrscheinlich hätte es ihn nie gestört, er hätte einfach mitgespielt und sich mit seinem Schicksal abgefunden, denkt er sich als er mit seinen Stierkampf-Zeitschriften ihm Bett liegt. Aber als sie ihn zur Genesung nach England brachten, traf er Brett.  «Ich glaube, sie will einfach nur das, was sie nicht bekommen kann. Aber so sind Menschen eben. Zur Hölle mit den Menschen.»

Es wird in «Fiesta» nie ganz klar, was Jake im Spiegel nicht gesehen hat, gibt es doch eine Szene als Jake «einen Druck» im Kopf spürt, auf sein Zimmer geht, von Brett besucht wird und am Ende eine «Erleichterung» verspürt. Die Unmöglichkeit, die Frau die er liebt, voll und ganz zu besitzen, wenn es der Boxer und Jude Cohn kann und auf einem Ausflug an die spanische Riviera auch tut. Und sie unterdessen eine Affäre mit dem Grafen hat und gleichzeitig auf ihren dauerbetrunkenen Verlobten wartet, diese Unmöglichkeit, dieses Nichtgeschehnis ist der rote Faden von Fiesta. Vordergründig geht es um Fischen, eine Woche Stierkampf in Pamplona, um Eifersucht und einen männlich-würdevollen Umgang damit. Im Hintergrund geht es immer darum, was nicht geschieht, nicht geschehen kann: Die Unmöglichkeit der Vereinigung mit der Geliebten, die Unmöglichkeit die Liebe zu leben.

Die Engländerin Dff Twydsen war das Vorbild für Brett Ashley.

Die Engländerin Dff Twydsen war das Vorbild für Brett Ashley.

Ernest Hemingway hatte sich bis 1927, gerade mal 28-jährig, bereits das Image des Kriegshelden verpasst. Er boxte, fischte, erzählte den amerikanischen Zeitungen, er sei fast schon ein Ski-Profi und war auf dem besten Weg eine Legende zu werden. Nicht nur hatte er vollmundig der Welt einen neuen Prosa-Stil versprochen, als Schriftsteller gelang es ihm immer besser einen eigenen Stil zu finden.

Den Erfolg von «Fiesta» hat der New Yorker Kritiker Edmund Wilson so begründet: «Es war die Zeit der Höflichkeit bei gebrochenem Herzen, bitterer Worte und nonchalanter Konversation wie heroischer Zerstreuungen. Der Schlüsselsatz hiess: «Trink was!» und in den Bars von Paris und New York fingen die Leute an, wie die Gestalten von Hemingway zu reden.»

Hemingway hatte seine Stimme zu einem besonderen Augenblick der Geschichte erhoben: Das bürgerliche Leben war aus dem Gleichgewicht geraten, eine romantische Desillusionierung herrschte vor. F. Scott Fitzgerald hatte dieses Lebensgefühl am Ende von «This Side of Paradise» so beschrieben: «./. eine neue Generation wuchs heran, um die Armut noch mehr zu fürchten und den Erfolg noch mehr zu vergöttern als die letzte, sie erwachte, um alle Götter tot, alle Schlachten geschlagen und alles Vertrauen in die Menschlichkeit erschüttert vorzufinden.»

Hemingway selbst versuchte das Etikett der «verlorenen Generation», das «Fiesta» definierte möglichst wieder loszuwerden. Aber auch künstlerisch zweifelte er an seinem Roman, wie er an den Romancier Owen Wister schrieb: «Mit dem Schreiben wurde es besser, und ich kam so weit, dass ich gelegentlich mehrere Sätze verbinden konnte, anstatt sie einzeln hervorzustottern. Dann schrieb ich in sechs Wochen Fiesta … Mein Ziel war, in der Gestalt von Brett die Zerstörung eines Charakters darzustellen – darum ging es mir eigentlich, und es ist mir nicht gelungen …

«Der Pamplona-Teil gefiel mir nicht schlecht, und der Rahmen schien interessant und tragfähig genug, obwohl ich ihn für misslungen hielt und das Ganze nicht veröffentlicht hätte, wenn dies nicht die einzige Möglichkeit gewesen wäre, es hinter mich zu bringen. Wenn ich es vernichtet hätte, würde ich es am Ende womöglich für besser gehalten haben, als es war.»

Diese Worte stammen von jenem Schriftsteller, der an seinen Verleger Charles Scribner schrieb, um Turgenjew und de Maupassant zu schlagen, habe er vier Kurzgeschichten schreiben müssen, für Henry James habe es nur den «blossen Daumen» gebraucht. Hemingways Einschätzung von Henry James, den er wohl als grossen Vorgänger auch würdigen musste, ist ganz lustig: «Die Männer reden und denken ohne jede Ausnahme wie Schwuchteln, von ein paar Karikaturen von brutalen Aussenseitern vielleicht abgesehen.»

Ein Schelm, wem nun auffällt, der «entmannte» Jake Barnes, der dauerbetrunkene Verlobte von Brett Ashley, Michael, oder der unglücklich verliebte Robert Cohn aus «Fiesta» seien auch nicht gerade die «unschwuchteligsten» Protagonisten. Schliesslich werden sie am Ende alle vom 19-jährigen Torrero Romero ausgestochen. Aber Hemingway gelang es, – nicht zuletzt vor sich selbst –, zu verbergen, dass «Fiesta» die zutiefst verstörende und widersprüchliche Geschichte einer misslungenen Selbstfindung oder Selbsterkenntnis ist, die weit in seine eigene Vergangenheit hineinreichte. Ihm konnte es nur recht sein, dass Kritiker Conrad Aiken 1926 in der Herald Tribune schrieb: «Wenn man sich die Reizlosigkeit, um nicht zu sagen, die Unerquicklichkeit der Szenerie und die Ruchlosigkeit der Leute vor Augen hält, erstaunt man umso mehr darüber, welch bewegende Geschichte Mr. Hemingway daraus gemacht hat. Diese Leute existieren wirklich, punktum. Und wenn ihre Geschichte unerquicklich ist, so ist sie doch, kraft der Würde des Autors und seiner distanzierten Erzählweise, von erschütternder Tragik.»

Irgendwann in den Achtzigerjahren verstaubt auf einem Couchtisch in meinem WG-Zimmer eine Hermes Baby mit einem dicken Stapel Papier daneben und mein literarisches Schaffen beschränkte sich bis dahin auf das Schreiben von Zetteln an meine erste Liebe. Und auch die Zettel lagen schon einige Jahre zurück. Als Epoche waren die Achtzigerjahre vielleicht den späten Dreissigern gar nicht unähnlich. Die Schlachten waren buchstäblich geschlagen, schliesslich gab es «das Gleichgewicht des Schreckens», das den Frieden mit der Aussicht auf «die nukleare Nacht» sicherte. Mit Ronald Reagan in Amerika und Margaret Thatcher erhoben zwar Neo-Liberalismus und die Globalisierung allmählich ihr Haupt, doch schien die Gegenbewegungen noch nicht vollends entkräftet – überall wurden die grünen Bewegungen stärker und etablierten sich schliesslich als Parteien.

Als späte Ausläufer der Protestbewegungen der Sechziger gab es noch Jugendbewegungen, und gleichzeitig wurden Drogen, auch die harten, wie Kokain und Heroin endgültig zur massentauglichen Handelsware. Die Zeit wurde geprägt von einer schwerdefinierbaren Angst, die wiederum einen Hedonismus befeuerte, der sich in seiner Vergeblichkeit als Protest verstand.

So las ich als junger Mann «Fiesta» erstmals auch als das Werk eines desillusionierten Propheten, die Sache mit Jake Barnes Verletzung entging mir gar vollständig. Der seltsame Egoismus oder wie es strengere Kritiker sagen würden,die Nymphomanie von Brett Ashley fielen mir nicht auf.

Die unerfüllte Sehnsucht, die Vergeblichkeit allen Strebens, das schon im Titel und im vorangestellten Ecclesiastes-Zitat deutlich wird, erschienen aus dem Leben gegriffen. Mit 18, 19 kannte ich die Liebe schon ein bisschen, und bei aller Aufgeklärtheit, bei allem Sturm und Drang war es schwierig, eine passende Rolle zu finden. Einerseits schien die Zeit sagen zu wollen: Es ist alles vergeblich, andererseits muss man erst erforschen wer man ist. Während «Fiesta» das Orgiastische schildert und der Desillusionierung im jugendlichen Sturm und Drang entgegenkommt, liegt die Stärke des Buches darin, dass es die Fragen kennt, aber die Antworten schlicht weglässt. Auf einer tieferen Ebene spricht «Fiesta» von sexueller Repression, selbst bei aller Promiskuität. Schonungslos wird aufgezeigt, es kann unzählige Wahlmöglichkeiten geben, doch sind diese nicht notgedrungen befriedigend. Eine Ahnung oder Vorahnung, die wohl alle jungen Leute zu beunruhigen vermag. Was das Lesen von Hemingway damals gerade in einer WG lustig machte, unverzüglich begann die Macho-Diskussion.

Hem sei einfach ein Macker, hiess es, der habe nur rumgesoffen und sich immer wieder scheiden lassen. Aber ja, die Mädchen schrieben damals Diplomarbeiten über die Hexenverfolgung und empörten sich (natürlich zu recht) darüber, dass es im Mittelalter gereicht hatte, eine Frau zu sein, um auf dem Scheiterhaufen zu landen. Natürlich hatte Ernest Hemingway dieses Macho-Image mit viel Mühe selbst aufgebaut, dennoch bleibt es eine Ironie des Schicksals, denn angefangen mit «Fiesta» über «Farewell to Arms» bis hin zu «The Garden of Eden» kaum ein Schriftsteller hat so ein gespaltenes und verzweifeltes Verhältnis zu Liebe und Sexualität.

Man meint beinahe das Gepoltere von Papa Hemingway hören zu können, wenn er die Diskussionen um den Feminismus am WG-Küchentisch mitbekommen hätte. So sprachen wir damals doch tatsächlich über den Sinn und Unsinn der Penetration. Diskutierten, trotz aller bekannten Fakten, ob das Eindringen in eine Frau demütigend, unfeministisch, sei. Es war wohl nicht so, dass wir alle die Penetration nicht mochten, doch die Diskussion lag einfach in der Luft. In den Achtzigern glaubte man irgendwie über alles reden zu müssen, auch wenn man manchmal dazu high sein musste. «Was haben uns diese verdammten Lesben jetzt wieder eingebrockt», hätte Hemingway wohl gedonnert und so getan, als wäre er es, der es doch wissen müsste und doch, gerade in «Fiesta» erscheint gerade Erzähler Jake Barnes besonders ratlos.

Der Verlobte Michael ist zu betrunken ist, um Brett zu verstehen: «Sie ist einfach ein gesundes, herrliches Frauenzimmer», sagt er auch, wenn sie ihn hintergeht und Robert Cohn an seiner Liebe zu ihr verzweifelt, so bleibt für Barnes in seiner Passivität nicht viel übrig. Vordergründig ist es die ominöse Verletzung, eine Kastration oder die Angst davor, aber gleichzeitig ist Barnes nicht in der Lage etwas zu unternehmen, damit ihn Brett so annehmen könnte, wie er ist. Was die Dreissiger und die Achtziger verbindet, ist dass sich der Rausch der Möglichkeiten in Unmöglichkeit verwandelt.

Einen guten Schluck verträgt es wohl schon noch. Hemingway beim Stierkampf.

Einen guten Schluck verträgt es wohl schon noch. Hemingway beim Stierkampf.

Auf der Schreibmaschine am Fenster habe ich nie besonders viel geschrieben. Es war noch einige Jahre zu früh, als dass mehr als ein einzelner Satz rausgekommen wäre, von zusammenhängenden Sätzen einmal ganz zu schweigen. Aber immerhin las ich zum ersten Mal Hemingway.

Im ersten Teil von «Fiesta» stellt sich ein gewisses Unbehagen ein und als Jake und sein Kumpel Bill auf dem Weg zum Stierkampf, zur Fiesta nach Pamplona noch fischen gehen, wandelt sich der Roman zu einer geschmäcklerischen Kulturkritik und steigert sich in ein schlafloses, chaotisches Fieber als die Fiesta beginnt. Zu Anfang scheint Jake noch Begeisterung für die Stiere, den Stierkampf und die Fiesta zu empfinden. Hemingway beschreibt die Faszination mit einem Lächeln des Hotelbesitzers Montoya: «Er lächelte nochmals. Er lächelte immer so, als sei der Stierkampf ein spezielles Geheimnis zwischen uns beiden; ein recht schockierendes aber tiefes Geheimnis, das nur wir kannten. Er lächelte immer, als sei das Geheimnis etwas schmutziges für Aussenstehende, aber etwas das wir verstanden. Es würde nicht passen, es vor Aussenstehenden zu enthüllen.» Jake enthüllt, er sei Aficionado, jemand, der ein fast schon spirituelles Verhältnis zum Stierkampf hat.

Schritt für Schritt wird dieses religiöse Verhältnis von nun an entweiht. So gerät die Gesellschaft um Jake in einen ersten eifersüchtig-betrunkenen Streit um Brett. Als die Stiere in Pamplona eintreffen und vom Bahnhof durch die Stadt in den Ring getrieben werden, rennen Passanten vor ihnen her. Ein Betrunkener rutscht aus und wird von einem Bullen aufgespiesst. Hemingway lässt einen Kellner zum übernächtigten Jake Barnes sagen: «Schlimm aufgespiesst durch den Rücken …/… «Eine schlimme Hornverletzung, alles zum Spass. Nur zum Spass. Was soll man dazu sagen.» Vorangegangen sind ausführliche Beschreibungen, wie Ochsen die wütenden Bullen zur Herde zurückbringen – nur einzelne Bullen kämpfen – und wie sie dabei ebenfalls aufgespiesst werden.

Immer wieder wird Lady Brett Ashley darauf aufmerksam gemacht, dass sie wegsehen soll, wenn die Hörner eines Bullen den Bauch eines Pferdes aufschlitzen. Stierkampf sei eine «fabulöse Sache», doch die Sache mit den Pferden könnte ihr allenfalls zusetzen. Nicht nur wird Brett Ashley den Blick nicht von den Innereien in der Arena losreissen können, sie steht darüber hinaus auch dem Leiden der Männer um sie herum gleichgültig gegenüber. Hemingway-Biograf Kenneth Lynn nennt das Verhalten von Hemingways Helden «widerwärtig», einzig die Auftritte des 19-jährigen Toreros Romero seien moralisch aufbauend. Sicher ist, dass es im dritten Akt von «Fiesta» nur so von Phallus-Symbolen wimmelt, dass die Protagonisten immer den seltsamsten Impulsen folgen und es zwar viele der knappen Hemingway-Dialoge gibt, die von da an endgültig zu seinem Markenzeichen werden sollten, aber im Grunde werden ausser bei den Nebenfiguren Robert Cohn, der in Brett verliebt ist und bei ihrem Verlobten, der von sich sagt, er sei ein Betrunkener und ein Pleitier und wolle es bleiben, alle Begründungen oder Motivationen ausgespart.

Das könnte mit der Hintergründen zu «Fiesta» zu tun haben. In Paris hatte Hemingway die Engländerin Duff Twydsen kennengelernt, deren Trinkfestigkeit und Androgynität es ihm angetan hatten. Androgyn war allerdings vor allem «ihr zurückgekämmtes kurzes Haar», sonst hatte sie die «Kurven einer Rennyacht» gehabt, wie Jake Barnes im Roman findet. Der verheiratete Familienvater Hemingway gönnte es seinem Freund und Schriftstellerkollegen Harold Loeb nicht – dieser betrog seine Frau-, dass er es schaffte Twydsen auf eine Spanienreise zu begleiten und mit ihr ins Bett zu gehen. Twydsen, zweimal geschieden und mit ihrem Vetter liiert (verschuldet, immer betrunken), erklärte Loeb offen, sie sei wankelmütig, hatte sich dieser inzwischen in sie verliebt.

Es war nun Ernest Hemingway, der Tywdsen, Loeb und den Vetter nach Pamplona zur Fiesta einlud. Und es war Hemingway, der sich aus Eifersucht dort mit Loeb prügelte, obwohl dieser unter seiner Verliebtheit zu Twydsen und den dauernden betrunkenen Sprüchen des Vetters litt. Der Autor hatte im Grunde «Fiesta» im richtigen Leben inszeniert. Und vor allem Harold Loeb sollte sich von dem Roman sein Leben lang verfolgt fühlen. In Loebs Autobiografie schildert er, wie Hemingway offen mit Twydsen flirtet – bemüht natürlich, ihr, wie Jake Barnes bei Brett Ashley, – den Stierkampf zu erklären. Ungeklärt wird immer bleiben, woher Duff Twydsen ihr blaues Auge bekommen hatte. Sie sei gegen ein Geländer gestürzt, meinte Hemingway, ihr Vetter habe sie im Suff aus Eifersucht verprügelt, meinte Loeb.

Liebeswirren, Leidenschaft, der Rausch einer spanischen Fiesta mit Böllerschüssen, mit durch die staubigen Strassen rennenden Stieren und dem Kampf auf Leben und Tod in der Arena. Dazu Protagonisten, die der Erste Weltkrieg entweder impotent oder orientierungslos zurückgelassen hat. Welch eine Ausgangslage für ein grosses Melodrama, eine Parabel über die Zeit. Aber tatsächlich geht Hemingway einen anderen Weg, er deutet die Geschichte nur an, der grosse Bogen zerschellt immer wieder daran, dass es von keinem Protagonisten ein klares Bild gibt.

Hemingway in Paris vor Shakespeare & Co.

Hemingway in Paris vor Shakespeare & Co.

In «Fiesta» wird selbst der edle Torero Romero korrumpiert. Der 19-Jährige ist furchtlos und: «Er wusste schon alles, als er anfing. Die anderen können nicht lernen, womit er geboren wurde.» Dennoch fängt er eine Liebelei mit der 15 Jahre älteren Brett an und trinkt vor einem grossen Kampf. Er vermag zwar, nachdem ihn Cohn aus Liebeskummer mehrere Male niedergeschlagen hat, auch unter Schmerzen in der Arena zu überzeugen, doch ist es auch bei ihm nur eine Frage der Zeit, bis er wird wie die alten Toreros, die vor ihm kämpfen und sich allerlei Tricks bedienen, um in der Arena nicht zu nahe an einen Bullen heranzugeraten und sich in Gefahr zu bringen.

Die psychologische Spannung, die unter der Handlung von «Fiesta» dräut, wirkt wie eine Ladung Dynamit unter einer Brücke. Wenn auch bis heute, die Impotenz von Jake Barnes als die Impotenz einer Generation im Angesicht des grossen Krieges aufgefasst wird und man differenzierter davon ausgehen kann, dass «Fiesta» eine gesellschaftliche Betrachtung über die sexuelle Revolution der zwanziger Jahre war. Und auch wenn dies valable Ansätze sind, das Dynamit ist damit nicht zu erklären.

Vielmehr nehmen bei der Entstehung von «Fiesta» Hemingways innere Spannungen immer mehr zu. Es war ihm gelungen ist, sich als Kriegsheld in Szene zu setzen und als Schriftsteller zu gelten, der innerhalb der literarischen Szene Achtung geniesst, so ist er noch wenig publiziert. «Three Stories und ten poems» sind in Paris erschienen, «In our Time» bei Boni & Liveriright in New York (Harold Loeb stellte den Kontakt zum Verleger her, was ihm Hemingway wohl nie verzieh) und noch bei der Arbeit an «Fiesta» suchte der Autor einen Ausweg aus seinem ersten Vertrag. Die statirische Abrechnung «The Torrents of Spring» über Sherwood Andersons Buch «The Dark Laughter» zeigte aber auch deutlich, dass seine Ehe im Eimer war.

Von Schuldgefühlen zerfressen, hatte sich Hemingway noch in Paris mit Pauline Pfeiffer eingelassen. Die Beziehung zu Hadley Richardson von dessen Geld er in Paris gelebt hatte, war ihm zu kompliziert, vielleicht zu erwachsen geworden, obwohl Hadley sich nach Kräften bemühte, neben der Kinderbetreuung ihren Mann überallhin zu begleiten. Tapfer folgte sie ihm auf die Skitouren nach Schruns, besuchte in Paris mit ihm die Pferderennbahn. Hadley konnte wie alle Ehefrauen von Hemingway mit Schusswaffen umgehen und fischen. Alle vier Frauen lernten es von ihm, selbst wenn sie nicht alle begeistert davon waren.

Hadley Richardson muss eine ziemlich tolerante Frau gewesen sein. Sie hat Hemingways Eskapaden etwa mit Duff Twydsen oder auch mit Pauline Pfeiffer oder deren Schwester Jinny immer wieder hingenommen. Psychologisch überrascht es aber nicht, dass der unter Schuldgefühlen leidende Autor ausgerechnet sie für die Situation verantwortlich macht. Die Wut Hemingways auf seine Mutter, von der er glaubt, sie habe ihn nie akzeptiert, wie er ist, überträgt er nun auf Hadley. Tatsächlich ist Grace Hemingway in religiösen Belangen noch immer streng mit ihrem Sohn, der offen gegen jede Religion ist und von dem man sagt, er sei zu Lebzeiten nur zweimal in der Kirche gewesen. Tatsächlich mag Hemingways Mutter tyrannisch veranlagt gewesen sein, doch gelang es ihrem Sohn nie, seinen Zorn zu überwinden, oder sich von ihr zu lösen.

Hemingway selbst war mit «Fiesta» nie ganz zufrieden gewesen, er hatte sich auch immer widersprüchlich über die Aussage, die er hatte machen wollen, geäussert. So sagt er einmal: «Promiskuität ist keine Lösung», auf Brett Ashley anspielend, ein anderes Mal, schreibt er seinem Lektor Maxwell Perkins, es hätte eine «düstere Betrachtung des Lebens» werden sollen – ganz im Sinne des Ecclesiastes-Zitats am Anfang des Buches, in dem die Sonne aufgeht, nur um an ihren Ausgangspunkt zurückzukehren, und die Flüsse ins Meer fliessen, ohne es je zu füllen.

Im Grunde wird «Fiesta» immer das jugendliche Lebensgefühl treffen. Das Leben als widersprüchlicher Strudel, der nur wenige Antworten bereithält, in dem man sich aber gerne treiben lässt. Die konsequente Desillusionierung, die offenkundig der von den Eltern geschaffenen Welt die Maske herunterreisst, entspricht dem Bedürfnis der Jugend nach dem Neuen und nach eigenen Antworten. Und Hemingway gibt diese Antworten nicht mit Worten, sondern mit einem Gefühl.

Der Roman weist vielleicht noch einige Kinderkrankheiten auf, kippt etwa immer wieder ins Pathetische, wie, als Jake des nachts ins Bett klettert und denkt: «Es ist ganz leicht am Tag alles mögliche hartgesotten hinzunehmen, aber nachts ist es etwas ganz anderes.» Im Gegensatz zu den Schilderungen von Brett Ashley erlaubt sich der Autor bei Jake Barnes immer wieder das Aufblitzen sentimentalen Selbstmitleids. So dass am Ende die Anspielungen auf die Verletzung eher nerven als bewegen. Gleichzeitig setzt Hemingways Prosa radikal auf Dialoge und die Knappheit und Dichte der Sätze mit ihren Wiederholungen bringen tatsächlich frischen Wind in die Literatur.

Nach viel, viel Alkohol brennt Brett Ashley in Pamplona endlich mit den Torero durch und die Fiesta ist zu Ende. Ausgebrannt stellt Jake Barnes fest, er habe nun genug von Fiestas, darum reist er zur Erholung an die Küste von San Sebastián. Während er schwimmt, liest und weniger trinkt, bekommt er ein Telegramm von Brett, die pleite in Madrid gestrandet ist und die er nun retten muss. Denkwürdig ist vielleicht dieses Gespräch zwischen Brett, die eben den Torero verlassen hat und sich fragt, ob sie zu Mike zurückgehen soll, der ein «netter Taugenichts» sei, während Jake die weinende, ratlose Frau zu trösten versucht:

«Manche Leute haben Gott», sagte ich: «Ziemlich viele.»

«Das hat bei mir nie besonders gut funktioniert.»

«Wie wär’s mit einem Martini?»

Hartgesottenheit oder Hilflosigkeit? Hemingway war zwischen zwei Büchern, «Torrents of Spring» und «Fiesta», zwischen zwei Frauen, Hadley Richardson und Pauline Pfeifer und befolgte den eigenen Rat. Legendär bleiben seine Vertragsverhandlungen in New York bei seinem Verlag Scribner, von denen er selbst schreibt, er habe «eine Höllenschar von Leuten» getroffen und sei nach der Vertragsunterzeichnung fast nur noch «besoffen» gewesen. Seine Gefühlswelt lag in Trümmern.

Am Ende gibt es keine Antworten, ziellos fahren Brett und Jake durch Madrid. Brett sagt: «Wir hätten zusammen eine so verdammt gute Zeit haben können.»

Vor uns hielt ein berittener Polizist in Khaki, der den Verkehr regelte. Er hob seinen Stab. Das Auto stoppte plötzlich und warf Brett eng an mich. «Ja», sagte ich. «Ganz schön das zu denken, nicht wahr.»

Grosse Bücher brauchen grosse Interpretationen: Während sich die Deutung von «Fiesta» als das Bild einer Generation, die den Krieg impotent gemacht hat, bis heute hält, ist sie wohl falsch. Ebenso ist es dem Autor nicht gelungen, die Vergeblichkeit des Daseins und die Frage nach dem «warum» zu stellen. Man kann sich nur schwer vorstellen, dass sich die schillernde Brett fragt, warum das Meer nicht voll wird, wenn doch alle Flüsse im Meer enden. Ebenso ist Jake Barnes als Erzähler zu sehr mit sich und seinem Selbstmitleid beschäftigt, um sich gross Gedanken zu machen, warum die Sonne immer wieder an ihren Ausgangspunkt zurückkehrt. Die Antwort ist wohl vielschichtiger: Die Antwort ist Hemingway selbst. Zwar hatte er den Mut, seine Konflikte – was Frauen anging – darzustellen, doch fürchtete er sich davor, sich blosszustellen, allenfalls Angst zu zeigen. So bleiben für Brett und Jake als Porträt des Autors nur mangelnde Selbsterkenntnis übrig und für den «verliebten Narren», Robert Cohn, nur Verachtung.

Aber wie man es auch dreht und wendet, «Fiesta» ist kein grosses Buch, aber ein verstörendes.

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