DWVEBDMSBHBEBDS #30

säge

Von Gregor Szyndler

Pläne zur Gewinnung neuer Schönheits-OP-Kunden, löcherige Vereinskassen und ein verhängnisvoller Antrag von Hans Bissegger.

Huber setzt mit einer Google-Earth-Kamerafahrt ein, aus den Nebeln des Weltraums in die Sümpfe eines Festivals; allenthalben sieht man Schönheitschirurgen-Stände, sie fügen sich ein zwischen Verpflegungs-Buden, Merchandisern und Bars. An den Open-Air-Ständen des schönheitschirurgischen Dachverbands angeboten werden: ambulante Tattoo-Entfernungen, Botox, Offerten zwecks Aufwertung von im Laufe des Festivals als ungenügend erkannten Körperteilen. Geht es nach Huber, würden die Schönheitschirurgen daneben auch auf Partys, an den Barfüsserplatz und in die Steinen ausschwärmen, zivil, in geheimer Mission. Weitere Elemente seines Plans: Briefkastenwerbung, Bannerwerbung, Werbung in TV und Radio. Die ganze verluderte, gefühlsdusselig auf ihren Urwuchs sich besinnende Gesellschaft will Huber zurückführen an den Schragen: für jede Kundengruppe denkt er an ein Konzept, an mit für die Problematik sensibilisierenden Bildern verzierte Znüniboxen für Primarschüler, an animierende Flash-Spiele für alle gängigen Smartphones und an Newsletter für das Feld der Ü30er und U99er. Sogar davon träumt er, den berühmten Regisseur Reginald Browser auf einen PR-Clip anzusetzen; welch bessere Umgebung gibt es für Schönheits-OP-Werbungen, als das Kino, diese Tempel des Schönen-Überschönen, welches bessere Format gibt es für Schönheits-OP-Werbungen, als einen minutenlangen Vorfilm, in dem es sich über das Vorher und Nachher extemporieren, in dem sich die steile Treppe aufzeigen lässt zwischen fleischlich-verhangenem Boxerhund- und Killerblick, unter Auslassung allen Zwischendurchs, allen Narkotisierens, Aufschlitzens und Versteppens, wie Huber der Auflockerung halber anmerkt. Die Anwesenden akklamieren, feixen, grinsen, sind angezogen. Ein Feuerwerk ist Hubers Power-Point-Präsentation, ein Auf und Ab, Hin und Her und In- und Durcheinander von rollenden, fallenden, steigenden Balken, Kurven, Sätzen, Kennzahlen, Kuchendiagrammen und Animationsfilmen.

Huber lässt er die letzte Folie verwelken; unterlegt von Streicher-Musik, sieht man langsam ausgeblendete Schlangen von Operationswilligen sich neu modellierte Haxen in straff gesaugte Bäuche stehen. Es ist ein eindrückliches Widerbild seines Planes, den DV umzukrempeln und ins 21. Jahrhundert zu führen, eine Vision, dreist in der Vorwegnahme des Unwägbaren, dreister einzig noch durch die Chuzpe, mit der Huber auf das Primat des Bildes über alle Vernunft setzt. Der DV der Schönheitschirurgen, diese Sammlung von Anschauungsmaterial einer geriatrischen Abteilung, spricht prompt an darauf. Huber öffnet die Rollos und macht Licht. Er wartet das Verebben des Applauses ab, macht sich zu schaffen an dem Projektor.

Dann tut Huber das Unerwartete:

«Was halten Sie davon, Herr Bissegger?» – da fürchtet man sich Tage, Wochen, Monate, weil Ernst Fröhlich seinen Huber von der Leine lässt, und dann so etwas? Eine solche Frage, nach einer solchen Präsentation, nach einer solchen Einschwörung! Hubers Powerpoint-Furor, und jetzt das? Wie geht das zusammen: Ein Aufruf zur Revolte, direkt gefolgt von einer Frage nach der Haftpflichtversicherung?

Nicht zu fassen.

Hans Bissegger mustert Huber zwischen Zeige- und Mittelfinger hindurch, den Daumen an den Schläfen eingehakt, Kopf sanft abgestützt.

Bissegger schweigt.

Die Konten des Dachverbands sind leer; alles Geld ist abgezweigt. Bissegger und vor ihm der alte Heisenburg, sein nicht nur schönheitschirurgischer Mentor, haben es trefflich eingerichtet: wer eine solche Akkumulation von Ämtern und Macht, pflegte Heisenburg zu lachen, toleriere – das Einswerden von Präsident, Geschäftsführer, Buchhalter, Geschäftsberichter und controller – verdiene es nicht anders. Die Sache zu verschleieren war so lange kein Problem, wie sich die Leute, als seien sie Kleidungsstücke in der Änderungsschneiderei, Lippen, Titten, Falten, Schwänze richten liessen; denn so lange füllten sich die leeren Konten wieder wie von allein. Wer hätte schon damit rechnen können, dass sich nach Jahrzehnten rabiater Oberflächlichkeit gesellschaftsweit ein solches Innehalten, ein solches Sichbesinnen auf wahre Werte, ein solch abgründiger Zug in die Innerlichkeit breitmachen würde, eine solche Massenabwanderung stattfinden würde von Eiterbälgen, schlabberigen Fratzen und zerfurchten Stirnen aus dem Wartezimmer in geistbetonte Gefühlsdusseligkeit, wo ein hässlicher Zinken eine schützenswerte Nase und eine schlimme Zyste ein vollwertiges Familienmitglied war, wo ein krummer Pimmel nicht mehr gerade gemacht wurde, und wo selbst Falten Falten blieben.

Eine Zeitlang liessen sich die Lücken an den Aktienmärkten auffüllen, mit Geldesgeldern und Konstrukten; 2007, 2008 endete indes auch diese Seligkeit. Zwischenzeitlich stehen die Dinge so schlecht, dass nur schon der günstigste Teil von Hubers Plan die Mittel des DV übersteigt.

«Also? Was halten Sie denn nun von meinem Projekt, Herr Bissegger?», hakt Huber nach.

«Bravo, Huber!», ruft Bissegger, er weiss nicht warum, «Bravo!», insistiert er, ohne jeglichen Unterton. Er klatscht. «Lasst uns über Hubers Antrag abstimmen!»

Schauen Sie nächsten Mittwoch um 9 Uhr am Morgen wieder bei «Zeitnah: Kulturmagazin seit 2012» vorbei, wenn es weitergeht mit DWVEBDMSBHBEBDS!

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