Nicht Schuld, nicht Sünde – medienkritischer Essay von Romana Ganzoni

Der Freitod  zweier hochrangiger Wirtschaftsvertreter beschäftigt die Schweizer Medien. Ob ein solcher Akt privatester Verzweiflung indes breit in den Medien thematisiert werden muss, steht offen – einerlei, wie hoch der gesellschaftliche Rang der Verstorbenen war.

Von Romana Ganzoni

«Privat ist der Tod insofern, als er der Weg ist, auf dem uns keiner folgt; öffentlich, weil jeder Tod zugleich Weltuntergang ist.»

Hermann Burger: «Tractatus logico-suicidalis» (1988).

Diesen Sommer haben sich innerhalb eines Monats zwei Schweizer Spitzenmanager das Leben genommen, im Juli Swisscom-Chef Carsten Schloter, im August Pierre Wauthier, Finanzchef der Zürich-Versicherungen. Als Grund wurde reflexartig Arbeitsüberlastung vermutet. Das System. Burnout. Zuviel Druck («undue pressure»). Ruppiger Umgang.

Im Fall Carsten Schloter schwenkte die Spekulation rasch ins Private. Freundin auf Weltreise, Schuldgefühle eines Pflichtmenschen, der seine drei kleinen Kinder verlassen habe, Einsamkeit, Gefühle des Versagens, die Ehefrau klagte während der Abdankung an (was wir prompt erfuhren), dann wieder ein Schwenker zu Präsident Loosli, eine Fehde?

Im Fall Wauthier ging es nicht so sehr um den Selbstmörder, um Leistung oder Innenleben, vielmehr um den prominenten Abgang des VR-Präsidenten Josef Ackermann, der scheinbar im Abschiedsbrief der Mitschuld bezichtigt wird. Ackermann gehe, denn er wolle gemocht werden, qualifiziert die «Süddeutsche». Ein Freitod mit vielen Folgen, titelt die NZZ und meint vor allem den Ackermann-Abgang und dessen Folgen, die Konsequenz für Konzern und Börse.

Einer macht sich auf den Weg, seine Welt geht unter, einsam, vor meinen Augen, ich weiss: Jede Welt wird untergehen, und ich habe keine Ahnung weshalb. Eine Gemütslage, undefiniert, flirrende Gedanken, keine Ahnung haben, das macht sich schlecht; eine Ahnung haben noch schlechter. Deshalb stellen die Beobachter wie ein intellektuelles Care-Team die rhetorische Frage: Warum? Sie beantworten die Warum-Frage je nach Lage oder Gerücht neu, im besten Fall wird sie relativiert. Aber kein Medium hat den Mut, sie nicht zu stellen und sich und mich ohne tröstliche Erzählung vor dem Undeutbaren stehen zu lassen.

Weder Leistungsdruck noch Privatleben erklären einen Suizid, jeder Suizid ist einmalig, also unergründlich, letztlich auch der im Warschauer Ghetto. Sehr ergiebig ist das nicht, eindeutig schon gar nicht.

Die Warum-Frage lehnt sich auf gegen den Verdacht, keine Ahnung zu haben und damit zu operieren. Die Frage lügt, indem sie suggeriert, es gebe eine Antwort. Die Antwort wird zu Thema und Plot, führt weg von den Klippen. Für die Komplexität des Diffusen, für das Umkreisen, auch wenn das Phänomen es verlangte, fühlen sich tagesjournalistische Texte nicht zuständig, das wird ins belächelte Feuilleton spediert, ins Reich der Schachtelsätze, der Schönschreiberei und Nullaussagen.

Die Frage nach den Gründen eines Suizids und die Antwort darauf ist gekoppelt an die Frage der Schuld. Ist die Schuld geortet im System, ist die Geschichte nach ein wenig Protest zu Ende. Ist sie geortet beim Sündenbock, geht sie allenfalls noch ein paar Tage weiter. Bis sich das Kollektiv daran erinnert, dass es ja weder Schuld noch Sünde gibt. Was für eine Erleichterung!

Indem uns der Journalismus den Schrecken des Einmaligen nimmt, erspart er uns die Wirklichkeit. Soll er das? Muss er das? Wollen wir das?

Romana Ganzoni ist Schriftstellerin und Journalistin. Sie schreibt  für «Zeitnah» und weitere Medien. Dieser Text erschien auch auf den Seiten von www.medienspiegel.ch.

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