Der Himmel brennt – Kurzgeschichte von Romana Ganzoni

Wo  Feuer im Dach ist, brennt  der Himmel, und Geburtstag hat man einmal im Jahr, der Möglichkeit nach um Weihnachten. – Kurzgeschichte von Romana Ganzoni, begleitend zu ihrem «Zeitnah»-Fragebuch.

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«Sie schaut nach oben. Der Himmel brennt. Ihr Himmel brennt immer, der Himmel hebt die Faust mit dem Feuerkeil, sie schaut weg.»

Von Romana Ganzoni

Beim Gehen fährt er mit seiner Hand über ihren Rücken. Sie berührt ihn auch am Rücken. Sie gehen im Takt, den ein Rauswurf aus der Reithalle diktiert. Die Reithalle ist ein Restaurant. In der Reithalle reitet niemand, aber alle sprechen davon. Endstation ist ein Glas Primitivo und fünftausend Bierideen.

Halte mir den Steigbügel, mein Freund. Wir gehen. Wir gehen im Takt der Nacht.

Sie würde gerne liegen bleiben im Rossgeschirr oder an der Longe gehen, aber was denken die Leute? Lass uns lieber darüber reden, wie viele Stunden Schlaf wir brauchen pro Nacht. Durchschnittlich. Früher lasen wir. Sie las neun Stunden Gedichte. Was las er? Er sagt nur, ich las die ganze Nacht. Als ich noch jung war.

Früher lasen sie. Sie lasen die ganze Nacht. Sie waren jung.

Jetzt verlassen sie das Restaurant Reithalle. Polizeistunde, sagte der Kellner, der tamilische Koch habe Geburtstag. Der Kellner hielt einen Stuhl in der Hand.

Polizeistunde klingt wie Feierabend klingt wie Feuer im Dach klingt wie Geisterstunde. Dabei ist gar nicht Polizeistunde, die guten Geister schlafen seit Jahr und Tag, sie haben uns gar nicht verlassen, sie sind faul und feige wie wir, sie sind da, gleich um die Ecke, aber sie schlafen, nicht nur vor dem Morgengrauen, sie schlafen immer.

Es ist kurz vor ein Uhr morgens, der tamilische Koch hat Geburtstag.

Sie gratuliert dem, der vor dem Restaurant steht. Denn in der Nacht sind alle Köche, sind alle Tamilen. Es ist nicht der tamilische Koch, der da steht, es ist ein anderer, er nimmt ihre Hand, seine Hand ist warm. Wenn eine andere Hand warm ist, summt es in ihr durch die Arme, und sie wird abwechselnd glücklich und traurig.

Der, der neben ihr geht, berührt sie am Rücken, sie fährt mit ihrer Hand über seinen Rücken, er berührt ihr Haar, sie gehen im Takt Richtung Feuer im Dach ein Haus weiter. Und dann noch ein Haus, und so gehen sie eine ganze Weile. Durch einen Wald und über Felder.

Sie gehen ein Haus weiter, das Haus steht in der Stadt, am Fluss, nahe den Geleisen, sie denkt an die warme Hand dessen, der nicht Geburtstag hatte, die meisten haben nicht Geburtstag heute, der, der vor der Reithalle steht und nicht Geburtstag hat, ist nicht allein, sie hat auch selten Geburtstag, fast nie, nur etwa einmal im Jahr, ach, nein, das ist Weihnachten. Sie hat einmal im Jahr Weihnachten. Meistens an einem 22. Der 22. ist ihr Glücksdatum. An ihrem Glücksdatum gibt ihr einer die Hand, und die ist so warm, dass es lange summt durch die Arme, die in die Schlüsselbeine führen, mit den Schlüsselbeinen kann sie den Glaspalast aufschliessen, und dort zucken dann Blitze.

Sie schaut nach oben. Der Himmel brennt. Ihr Himmel brennt immer, der Himmel hebt die Faust mit dem Feuerkeil, sie schaut weg. Auf die Pflastersteine schaut sie, sie wackelt ein wenig, sie trägt Schuhe mit Absatz. Sie denkt, er hat meinen Rücken berührt, mein Haar, sie denkt, was mag das bedeuten? Nichts. Du solltest nicht immer darüber nachdenken, was etwas bedeutet. Du solltest einfach ein Haus weiter gehen und nicht nach oben schauen.

Heute ist nicht der 22., die letzten Monate haben den 22. übersprungen. Nach dem 21. folgte der 23. Sie dachte, was mag das bedeuten? Nichts. Sie sollte nicht immer darüber nachdenken, was etwas bedeutet.

Setz dich jetzt auf den eckigen Hocker, auf die geschliffene Fläche, die sieht aus wie Lapislazuli. Ist das Lapislazuli? Ja, was denn sonst? Natürlich ist das edler Stein. Sitzt du gewöhnlich auf Holz? Machst Scherze. Natürlich sitzt du gewöhnlich nicht auf Holz.

Was willst du?

Er sitzt neben ihr, die Jahre vergehen. Er erzählt von seiner Fahrerflucht, sie erzählt nichts von ihrer Fahrerflucht, die eine Beifahrerflucht ist. Der Wald zieht vorüber, Felder, der Barhocker nimmt Fahrt auf. Es dröhnt. Sie rasen gerade an Paris vorbei, der Eiffelturm ist weg, er fragt, bist du ein rohes Ei, sie sagt, ja, ich bin ein rohes Ei, sie sagt das, als sie an Paris vorbeirasen, sie nimmt einen Schluck Rotwein, er trinkt Bier, Wälder, hinter dem Stoppelfeld an der Wand sitzt ein Paar in der Dämmerung, das Paar küsst seit gut fünf Jahren. Nonstop.

Wo ist die Polizei zu dieser Stunde, wo ist die Polizei, wenn man sie braucht? Dieses Paar gehört des Feldes verwiesen, ausgewiesen. Der Himmel brennt umsonst, wissen die das nicht? Das weiss doch jeder Idiot. Warum küssen die, als gebe es Feuer im Dach und keine Polizeistunde? Hey, wir sind hier nicht in der Reithalle, und die Reithalle heisst übrigens nur Reithalle, ein Name, Schall und Rauch, da reitet kein Mensch, und ihr solltest das auch nicht tun, die Reithalle ist ein Restaurant und zu wegen eines Geburtstags, ich kann es bezeugen. Aufhören! Sofort aufhören. Ich sitze nicht in der Loge auf Edelstein, um mir den 22. dieser Kriminellen anzusehen. Küssen auf offenem Feld ist verboten. Feiert woanders! Gesindel.

Die beiden sind der tamilische Koch und alle seine Geburtstage, sie sind alle Köche der Welt, sie sind alle Pfannen, alle Stiele, alle duftenden Eintöpfe mit Curry, Kräutern und Ladyfingers und Joghurt mit Pfefferminze und Erbsen und weiches Lamm und zarte Armen. Vollreifer Mango zum Dessert. Sie sind eine einzige Schweinerei.

Was will ich so spät?

Er berührt ihren Arm und ihren Nacken, sie gibt ihm einen Kuss zum Abschied, sie trinkt Rotwein und denkt nichts. Gut, sie denkt etwas, ein Bild, eine Lichterkette, die baumelt über ihr, die baumelt über allen, bunte Blumen von Lilli Tulipan, wunderschön, sie sagt, Kitsch, viel Kitsch, sie muss das sagen, damit die Kirche im Dorf bleibt. Sie sieht ein riesiges Skelett, das lacht von der Kuppel auf die Leute runter, sein Lachen knistert wie Papier, morgen bist du tot, sie sieht die Mutter Gottes in allen Farben und Jagdtrophäen und Bildschirme mit schlängelnden Mustern und Che, und da führt eine Treppe in den oberen Stock, warum hat sie das nicht gleich gesehen?

Das ist keine Bar, das ist die Bar. Sie ist in einem gottverdammten Saloon gelandet. Wer ist sie hier? Ein Cowboy natürlich, sie ist ein harter Kerl; sie lässt sich nichts anmerken. Saukitsch, diese Lampen, zuviel Tanin im Wein, ein Skelett, wie banal, die Madonna, ein Fake, Jagdtrophäen, morbid, Che, für romantische Überschätzer, sie sitzt nicht auf Lapis, sondern auf Holz, kein Scherz, denn es ist der 20. Oktober, und ob dieser tamilische Koch wirklich Geburtstag hatte, das weiss niemand. Und die zwei da hinten, sollen sie doch küssen, die kommen dann schon noch auf die Welt. Gesindel.

Sie geht im Takt des 20. Oktober, den Fluss entlang, auf Pflastersteinen, sie wackelt ein wenig, sie trägt Schuhe mit Absatz. Sie denkt, was mag das bedeuten? Nichts. Sie schaut hoch. Der Himmel brennt. Ihr Himmel brennt immer. Feuer im Dach und Lichter löschen. Sie braucht neun Stunden Schlaf.

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