DWVEBDMSBHBEBDS #39

säge

Von Gregor Szyndler

Hans Bissegger schaut ins Schneegestöber und –gewühl, träumt und schläft endlich wieder ein.

Das Unwahrscheinliche-; von vorne! das Unmögliche, besser: die Unmöglichkeit, dass ein Nichtspieler, dass Hans Bissegger, mit einem Lotterieschein, der nicht seiner ist, und der doch ihm gehört, einen Jackpot knackt, hält ihn schlaflos, sich wälzend, unauslotbarer Müdigkeit voll, zu präsent zum Schlafen, ein Phantom, seines Selbsts fremd-vertraut, leer-und-doch-nicht-leer.

Hans Bisseggers erster Freigang: Vor die Wahl gestellt, entweder eine halbe Stunde im Hof oder dreissig Minuten im Internet zu verbringen, entscheidet sich Hans Bissegger für den PC. Mit zitterigen Händen wählt er sich in sein Konto ein. Es zeigt auch weiterhin ein ohne das Unmögliche unmögliches Plus an.

Danach liegt Hans Bissegger lange Tage, liegt Hans Bissegger nächtelang im Bett. Heimwehvoll prangt der Mond irgendwo, ein Loch, in unbestimmter Höhe. Die Rollläden schneiden den Raum in breite dunkle und schmale helle Streifen. Schneefall setzt ein, es fällt aus allen Wolken, rieselt leise torkelnd, sacht, torkelt leise rieselnd; flüstert. Hans Bissegger kurbelt die Rollläden hoch und öffnet das Fenster. Seine Finger frieren ums Haar an den Gitterstäben fest. Tief schneidet die Winterluft ein in die Lungen; ein bellendes Husten entweicht seiner Kehle. Eine Katze, die kaum sichtbar ist vor lauter Nacht, huscht draussen irgendwo an dem Gefängnis vorbei; sie aktiviert einen Bewegungssensor. Honiggelb flammt ein Scheinwerfer auf, Schäferhundbellen nähert sich. Hans Bissegger massiert sich die Augen, alles zerfieselt ihm, verflirrt und verflärrt. In lauter kleine Punkte löst sich alles auf, seine ganze Sicht, alles steigt und fällt, fällt und steigt, steigt, fällt, rieselt, torkelt, flüstert. Die Geometrie des Winters lagert sich klirrend auf dem Fenstersims ab.

Hans Bissegger denkt an Bäume, an Wälder, die sich erstrecken, so weit das Auge reicht. Die Nacht spannt ein eigentümliches Zelt über ihm; das Fallen, Rieseln, Torkeln lullt ihn ein. In seinen Ohren pfeift, morst, drückt es. Langsam gewöhnen sich seine Augen an das Anthrazit der Nacht, nach und nach an das Fest des grauenden Morgens. Der Schneefall verdichtet sich und mit ihm der Augenblick, alles ist ungeheuer Jetzt und Eins, ein launisches Dickicht aus Torkeln und Tanz. Überall wuselt und wirbelt es. Er folgt den Flocken bis an ihren Ursprung, bis zu den gewaltigen Bänken, die sich drückend auf Stadt und Land legen, auf Berge, Senken, Meere, Flüsse, Kontinente. Die Welt schwebt ihm vor Augen. Die Kälte blendet. Der Blick bricht in dem stiebenden Gewühl. Hans Bissegger schliesst das Fenster. Als er aufwacht, hat er von Banknoten geträumt, von Blockhütten, Grizzlybären, Seen, Flüssen, Ahorn, Bergen, Tälern.

Schauen Sie nächsten Mittwoch um 9 Uhr am Morgen wieder bei «Zeitnah: Kulturmagazin seit 2012» vorbei, wenn es weitergeht mit DWVEBDMSBHBEBDS!

Stempel_KORR_Klein

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