Jeannine’s Dream – Woody Allens «Blue Jasmine»

Jasmine (Blanchett) hat es geschafft. Sie hat einen reichen Mann (Baldwin) – ein grosser Erfolg für die Frau aus der Unterschicht. Doch das Glück ist nicht von Dauer: Hal, so der Name ihres Ehemanns, ist nämlich nur deshalb so reich, weil er über eine nicht zu unterschätzende kriminelle Energie verfügt. Bald schon ist alles Geld weg und Jasmine – die eigentlich Jeannine heisst – wird zur Bittstellerin bei ihrer Schwester Ginger (Hawkins), die immer noch arm ist. Jasmine hat Mühe, sich auf das neue Leben einzulassen – trotzdem nimmt sie einen Job als Sekretärin bei einem Zahnarzt (Stuhlbarg) an. Doch eigentlich will sie das Leben als ganz normale Angestellte hinter sich lassen, sie besucht Computerkurse und lernt schliesslich an einer Party einen attraktiven Diplomaten kennen…

Sally Hawkins und Cate Blanchett als ungleiche Schwestern. (Bild: zVg)

Sally Hawkins und Cate Blanchett als ungleiche Schwestern. (Bild: zVg)

Nach «Midnight in Paris» und «To Rome with Love» widmet sich Woody Allen wieder – zum ersten Mal nach «Match Point» und «Cassandra’s Dream» – dem Drama. Zwar wird in «Blue Jasmine» ab und zu gelacht, schliesslich sind mit Andrew Dice Clay und Louis C.K. zwei bekannte US-amerikanische Komiker mit von der Partie. Das Thema von «Blue Jasmine» ist dabei eins, das er in «Match Point» und «Cassandra’s Dream» behandelt hat, aber auch in zahlreichen Komödien wie «Scoop» oder «Small Time Crooks» eine Rolle spielt: das des sozialen Aufstiegs. Der Graben zwischen Unter- und Oberschicht ist einer, der Woody Allen – der ja selber sicherlich nicht aus der Oberschicht stammt – immer wieder beschäftigt. In Filmen wie «Small Time Crooks» oder «Scoop» bietet das reichlich Gelegenheit für Komik. In «Blue Jasmine kann man zwar auch über Andrew Dice Clay als Proll, wie er im Buche steht, lachen. Aber in Wirklichkeit ist es Ehemann Bill, der hier lächerlich wirkt. Und Jasmine selber, die ja eigentlich Jeannine heisst, versucht zwar, ihre Wurzeln zu verleugnen, aber gerade dies führt direkt in den Abgrund. In «Small Time Crooks» hingegen sind Woody Allen und Tracey Ullman am Schluss zwar wieder arm, aber dafür glücklich. Der militante freudianische Atheist Allen misstraut dem Glück. Er misstraut dem Aufstieg. Da verwundert es auch nicht, wenn Aufsteiger Chris Wilton in «Match Point» am Schluss zwar den Aufstieg in die Upper Class geschafft hat – sich aber trotzdem allein fühlt. Woody Allen, ein Konservativer, in dessen Weltbild der Arme arm bleiben muss und der Reiche reich bleiben muss? Vielleicht kommt hier mehr noch Woody Allens Zuneigung zum Underdog zum Ausdruck. Auch wenn er sich nämlich – z.B. in seinem Meisterwerk «Annie Hall» – durchaus auch lustig macht über die weniger Begüterten, seine eigene Familie imaginiert er immer auch als Working Class, z.B. in «Annie Hall» oder «Radio Days». Jeannines Scheitern in «Blue Jasmine» ist deshalb auch ihr Unvermögen, sich mit ihren eigenen Wurzeln zu versöhnen. Kurz und gut: Woody Allen überrascht ein weiteres Mal und versöhnt dabei ganz nebenbei (und nicht zum ersten Mal) grosse Tragik mit Komik.

«Blue Jasmine»  USA 2013. Regie: Woody Allen. Mit Cate Blanchett, Alec Baldwin, Sally Hawkins, Andrew Dice Clay, Bobby Cannavale, Louis C.K., Peter Sarsgard, Michael Stuhlbarg u.a.  Deutschschweizer Kinostart: 21.11.2013.


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