gesichtet #52: Porno, Poulet und Poetry Slam – über den Wandel am Burgfelderplatz

Von Michel Schultheiss

Beim Burgfelderplatz wurde schon mal zu nächtlicher Stunde ein Mann tot aufgefunden. Hardy war der Name des Ärmsten. Es war der Kommissär, der – etwas angetrunken aus seinem Lieblingslokal stapfend – den schrecklichen Fund machte. So ist es zumindest in Hansjörg Schneiders Roman «Hunkeler macht Sachen» aus dem Jahr 2004 zu lesen. Dem «Platz» fällt in den Hunkeler-Krimis allgemein eine wichtige Rolle zu, befindet sich dort ja mit dem «Milchhüsli» die Stammbeiz des Kommissärs. Zudem ist die Atmosphäre des Ortes passend für einen Kriminalroman, schliesslich sieht die Gegend um den Burgfelderplatz oft ein wenig eigenartig aus: Das Dreieck Missions- und Hegenheimerstrasse/Spalenring ist als Porno- und Imbisshochburg bekannt. Das Sex-Kino «Corso», welches seit über zwei Jahren nicht mehr in Betrieb ist, wird so auch bei Hunkeler mehrmals erwähnt: Der ehemalige Fremdenlegionär Richard – eine Nebenfigur im Roman, die vermutlich an ein bekanntes Basler Stadtoriginal angelehnt ist – späht von dort aus nach Hardys mutmasslichem Mörder.

Milchhüsli

Einst kehrte hier Kommissär Hunkeler bei der Wirtin Milena ein. Danach stand es rund ein Jahr lang leer. Bald aber wird dem Lokal mit dem «Caffè Bologna» neues Leben eingehaucht werden (Foto: smi).

Die Zeiten haben sich geändert: Das «Milchhüsli» wie auch das «Corso» sind bereits Geschichte. Daher macht die Gegend um das Gebäude oft einen etwas verlassenen und heruntergekommenen Eindruck. Zur Mittagszeit ist das aber anders. Dann riecht es beim Spalenring nach Thai-Curry, gebratenen Nudeln und Kokosmilch. Eine Schlange formiert sich jeweils vor dem «Asien Supermarket», einem kambodschanischen Imbiss- und Lebensmittelladen. Eine Portion mit Reis oder Teigwaren, Poulet und Gemüse für sechs Franken fünfzig will sich dann so mancher nicht entgehen lassen. Gleich daneben wirbt eine Kung-Fu-Schule mit der Aufschrift «Selbstverteidigung für Jedermann/Frau, bis ins hohe Alter». Bis vor Kurzem war dort auch noch der Hinweis «Keine hohe Tritte und Würfe» zu lesen. Dieser wurde aber mittlerweile entfernt. In der gleichen Häuserzeile befindet sich auch eine Brockenstube, die allerlei Gegenstände wie Aschenbecher, Micky Mouse-Figuren oder Kitschbilder vor dem Laden ausstellt.

Keine hohe Tritte und Würfe

Das Schild der Kung-Fu-Schule am Spalenring wurde mittlerweile entfernt (Foto: smi).

Gleich um die Ecke, an der Hegenheimerstrasse, ist ein weiteres spezielles Geschäft zu finden: «Erica’s Erotikshop». Nach 15 Jahren steht der kleine Laden, welcher mit roten Herzen, Latexwäsche und High Heels im Schaufenster wirbt, vor dem Aus. Ein Total-Ausverkauf steht bevor. Vorher befand sich der Laden gleich neben dem Kino Corso. Wie aber Erica Schoenauer, welche das Geschäft im Alleingang führt, betont, war ihre Kundschaft nicht identisch mit derjenigen der Erwachsenen-Lichtspiele. Mittlerweile sind nicht nur Sex-Kinos, sondern auch DVDs, Vibratoren, Spielzeuge, Lederwaren und Puppen aus Ericas Sortiment nicht mehr so gefragt wie auch schon. «Die alte Kundschaft stirbt weg, die junge Generation interessiert sich nicht mehr dafür», meint Erica. Die Konkurrenz komme dabei aus dem Netz: «Das Internet macht alles kaputt», meint sie. Künftig werde sie daher auch ihre Ware nur noch online anbieten. Allgemein kommt bei Erica eine branchenspezifische Nostalgie auf: Früher hätten Pornofilme wenigstens noch eine Handlung und eine gehörige Prise Humor gehabt, heute sei nicht mehr viel davon übrig.

Erica's Eroticshop

Filme, Vibratoren und Latex-Kleider: Der kleine Laden hat einen schweren Stand mit dieser Ware (Foto: smi).

Auch sonst war es nicht immer einfach für den kleinen Laden gegenüber von Hunkelers Stammlokal: Bisweilen werde sie von unbekannten «Sekten-Leuten» beschimpft, erzählt Erica – und dies obschon sie darauf achte, im Schaufenster keine Vibratoren oder dergleichen auszustellen, was man von grösseren Erotikgeschäften nicht behaupten könne. Es habe auch schon Reklamationen wegen ihrer völlig harmlosen Herzchen-Flagge gegeben, die eine Zeit lang den Laden schmückte. Erica, sichtlich enttäuscht von der fehlenden Kundschaft und der schwierigen Lokalität, bezeichnet das Quartier als «furchtbar leer».

Ausverkauf Erotikshop

Einen Ausverkauf im Sex-Shop sieht man nicht alle Tage (Foto: smi).

Bald könnte sich dieser Missstand ein wenig ändern, wenn auch für ein etwas anderes Klientel: Gleich auf der anderen Strassenseite wird Kommissär Hunkelers «Milchhüsli» neues Leben eingehaucht. Mit dem «Caffè Bologna» öffnet ein von Studenten lanciertes Lokal seine Türen. Dass es ausgerechnet die umstrittene Uni-Reform geschafft hat, Namensträger für einen Ort für Kaffee, Kuchen und Kultur zu werden, hat einen Grund: «Der Name ist in der Tat mit einem gewissen Augenzwinkern zu verstehen», meint der Projektleiter Marc Stöckli. Noch muss dem Caffè (und nicht etwa dem Café – auf die italienische Espresso-Kultur legen die Macher wert) der letzte Schliff verpasst werden. Es wird weiterhin gemalt und gestrichen, doch ein Pre-Opening steht bevor und zwar genau heute, am 22. November: Passend zum fiktiven Stammgast Hunkeler wird das Lokal mit einem Impro-Krimi eröffnet. Weitere kulturelle Aktivitäten wie Poetry Slam, Kurzfilme und Nintendo-Turniere stehen auf dem Programm.

Ob sich die neu aufgemischte «Liga der aussergewöhnlichen Läden» beim Burgfelderplatz auch künftig für eine Krimi-Kulisse eignen wird, ist ungewiss. Während die eine Seite der Häuserzeile im Zeichen asiatischer Köstlichkeiten steht, wird der Teil an der Missionsstrasse ebenfalls für Leute aus der nahe gelegenen Uni attraktiv werden. Statt Sexkinos, Erotik-Shops und Kneipen werden Cappuccinos, Kuchen und Kleinkunst den Ort prägen. Ob sich auch Hunkeler und der Fremdenlegionär Richard überreden lassen, sich dort auf einen Espresso einzufinden, bleibt abzuwarten.

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