Universiphil1 #8: Kinderspiel

Von Tante Étudiante

In ihrer neuen Kolumne setzt sich Tante Étudiante mit dem Begriff Literatur auseinander. Von Kinderliteratur über Fantasyliteratur bis hin zu Romanen im Comicformat wird vieles an der Uni unterrichtet, was früher als «Schund» verpönt war, heute aber beispielsweise komplexen Theorien ein neues Gesicht geben kann.

Der Kanon der heutigen Weltliteratur umfasst viel mehr als nur Klassiker. zVg

Der Kanon der heutigen Weltliteratur umfasst viel mehr als nur Klassiker. zVg

So ziemlich jede/r Studierende der Literaturwissenschaft wird zu Beginn des Studiums mit der Frage konfrontiert, was denn überhaupt als Literatur (im Englischen schön mit «literature with a capital ‹L›», also «Literature», ausgedrückt) gilt, respektive gelten darf. Die Diskussionen, die daraus resultieren – zumindest meiner Erfahrung nach – bestehen dann meist aus einer Mischung von mässig überzeugenden Aussagen von «Ja, halt Klassiker» über «Was sich über die Jahre als wertvoll herauskristallisiert hat» bis hin zu «Was in den Kanon aufgenommen wurde und auch an der Uni (resp. im Unterricht allgemein) diskutiert wird». Und genau hier befinde ich mich in einer Zwickmühle – ohne selber eine bessere (geschweige denn definitive) Antwort zu haben, kann ich keiner der obigen Aussagen zustimmen. Und eigentlich möchte ich mich auch gar nicht mit der Frage beschäftigen, was als «Literatur» gilt, sondern die Bücher – sowohl in der Uni wie auch in der Freizeit – so nehmen und lesen, wie sie kommen.

Und trotzdem ist mir in den letzten Semestern an der Uni so etwas wie eine Veränderung bezüglich des Literaturbegriffes aufgefallen: Kurse über Fantasy- oder Kinderliteratur oder Prüfungsthemen wie der skandinavische Krimi, Steampunk-Literatur oder gar Graphic Novels (einfach ausgedrückt, Romane im Comic-Format) sind durchaus möglich und werden weder schief noch von oben herab angeschaut und belächelt. Im Gegenteil – man merkt, wie genau diese neueren «Literaturen» sich grossen Interesses und Neugierde erfreuen. Was noch vor ein paar Jahren als «einfache», «wenig intellektuelle» oder gar Schund-Literatur abgetan wurde, gewinnt nun auch im akademischen Umfeld zunehmend an Popularität.

Besonders spannend ist jedoch, dass dieser «Trend» eigentlich gar nicht neu ist. In Skandinavien zum Beispiel ist die Gattung der Krimi-Literatur schon längst ein etabliertes Genre und wird genauso ernst genommen wie Belletristik. Ebenso bei der Kinderliteratur: Auch hier darf sich der Norden in einer Vorreiterposition wähnen. Literatur, die speziell für das Kind als Publikum geschrieben wird, hat sich schon seit ca. Mitte des 19. Jahrhunderts etabliert. Dass diese Art von «einfacher» Literatur alles andere als uninteressant ist, zeigt ein Beispiel aus dem aktuellen Semester: Literaturtheorie wird anhand von (britischen) Kinderbüchern erklärt. Komplexe Theorien an leicht verständlichen Büchern veranschaulicht – und plötzlich macht sogar Foucault Sinn!

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