Intransparente Privatisierung des Wissens

Von Tanja Hammel

Studierende und AkademikerInnen kommen kaum um JSTOR herum. Sie verwenden diese und andere Onlinearchive tagtäglich, ohne deren Politik zu verstehen und zu reflektieren. Hinter ALUKA, JSTOR und ITHAKA steht die amerikanische Andrew W. Mellon Stiftung. ALUKA war ein Projekt, das in einer digitalen Bibliothek Ressourcen für die Forschung aus und über Afrika zusammenbrachte und von 2003 bis 2008 frei zur Verfügung stellte. 2008 wurde ALUKA aber Teil von JSTOR und die Quellen waren nur noch für Leute zugänglich, die dank einer Lizenz Zugriff hatten.

Screenshot openscience.com

«Die Privatisierung des Wissens ist höchst problematisch. Mellon selektiert nicht nur seine Leserschaft, sondern auch das vermittelte und zugänglichgemachte Wissen extrem» (Bild: Screenshot openscience.com).

Die African Plant Initiative, die an einem Kongress in Äthiopien im September 2003 initiiert wurde, animierte Herbarien weltweit, ihre Typenbelege afrikanischer Pflanzen zu scannen und diese dann auf ALUKA der interessierten Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. Mellon finanzierte dieses Projekt grosszügig. 2008 wurden die Photographien in höchster Auflösung dann Teil von JSTOR Plant Science und waren nur noch für JSTOR zugänglich. Im Mai 2013 wurde JSTOR Plant Science in Global Plants umbenannt. Mit diesem Wechsel änderte sich nur das Interface, das plötzlich nicht mehr so user-freundlich war, sondern auch der Zugang. Von einem Tag auf den anderen konnten JSTOR-Kunden die Photographien in hoher Auflösung nur noch klein betrachten und hatten nicht mehr zu allem Zugang. Die Dokumente waren nur noch einer beschränkten Anzahl von Forschern zugänglich. Die 308 Partnerinstitutionen in 75 Ländern, die seit 2003 ihre Herbarbelege scannten, erhielten im Oktober eine Nachricht. In dieser wurde ihnen mitgeteilt, dass innert 80 Tagen ihre Lizenz auslaufe und sie von nun an bis zu 3000 $ jährlich für den Zugang zahlen müssten, was für kleinere Herbarien, die nur knappe finanzielle Ressourcen zur Verfügung haben, ein großes Problem ist und außerdem als äußerst unfair empfunden wird, haben die Partner doch ihre Daten zur Verfügung gestellt, ohne die JSTOR Global Plants nicht möglich gewesen wäre. Der Grund für diese Änderung scheint die Einstellung des Naturschutz und Umwelt Programms der Mellon Stiftung per Ende Jahr zu sein, weshalb JSTOR Geld akquirieren muss. Auf ihrer Homepage berichtet Mellon über die erfolgreiche Kooperation mit südafrikanischen Institutionen, amerikanisch-südafrikanischen Forschungsgruppen und Universitätskooperationen sowie 2.5 Millionen Bilder und 450’000 Artikel, die die Global Plants Initiative seit 2006 zusammengebracht hat. Diese Entwicklung ist besonders alarmierend, handelt es sich beim derzeitigen Leiter der Stiftung doch um den Sozialhistoriker Earl Lewis, der sich der problematischen Archivierungspraktiken, die seine Stiftung anstiftet, bewusst sein müsste.

Dass der beschränkte Zugang zum Database den Elfenbeinturm wiedererrichtet, hat uns der amerikanische Internetaktivist Aaron Swartz in den letzten Jahren gezeigt. Er hat sich 2010 mit einem Laptop ins MIT Netzwerk eingeloggt und 4.8 Millionen akademische Zeitschriftenartikel von JSTOR runtergeladen, um diese frei im Internet zugänglich anzubieten. 2011 wurde er von MIT angezeigt, JSTOR hielt sich zurück. Er musste mit 35 Jahren Gefängnis und einer Million Dollar Busse rechnen. JSTOR nutzte diese Ereignisse um vorzugeben, sie würden den Zugang erleichtern, profitierten aber finanziell von ihren Liberalisierungsprojekten. Register & Read wurde im März 2012 vorgestellt und erlaubte Besuchern, die keine Lizenz hatten, alle zwei Wochen drei Artikel vom JSTOR Archiv anzusehen (kein Download). Damit erhoffte man sich aus neugierigen Browsern zahlende Kunden zu generieren. Swartz entschied sich am Freitag 11. Januar 2013 für den Freitod. Am Montag 14. Januar reagierte JSTOR mit dem Aaron Swartz Memorial JSTOR Liberator, der es Kunden erlaubte einen Artikel freizugeben. Im September dieses Jahres stellte JSTOR den JPASS vor, ein neues Programm, das individuellen Usern aus 1’500 Zeitschriften jeden Monat zehn Downloads für einen jährlichen Betrag von 199 Dollars erlaubt.

Screeshot tjm.org

Nach dem Freitod von Aaron Swartz des Aktivisten reagierte JSTOR mit dem Aaron Swartz Memorial JSTOR Liberator, der es Kunden erlaubte einen Artikel freizugeben (Bild: Screenshot tjm.org).

Diese Privatisierung des Wissens ist höchst problematisch. Mellon selektiert nicht nur seine Leserschaft, sondern auch das vermittelte und zugänglichgemachte Wissen extrem. Außerdem fördert Mellon eine Amerikanisierung der Wissenschaften und des Wissens, indem es die Position von amerikanischen Institutionen zusätzlich verstärkt. Abgesehen von Mellon ist besonders in der Botanik eine Amerikanisierung zu beobachten, wo neben JSTOR Global Plants, auch der Index Herbariorum vom New York Botanical Garden, und der Biodiversity Heritage Library, die uneingeschränkten Zugang zu wichtigen botanischen Werken aus der Geschichte der Disziplin bietet, die vom Smithsonian Institution Washington und dem Missouri Botanical Garden ausgeht. Zudem wird der Royal Botanic Gardens Kew London in seiner führenden Rolle bestärkt. Diese Institution scannt dann – nicht überraschend – ihre Direktorenbriefe als erstes und reproduziert so das koloniale Archiv, anstatt historische Quellen aus anderen Orten der Welt zugänglich zu machen. So werden erneut historische Akteure außerhalb der Metropolen zum Schweigen gebracht und Teile der Geschichte verleugnet. Kommt Afrika in Artikeln auf dem JSTOR Plants Blog vor, dann nur um die Dichotomie zwischen der imperialen westlichen Wissenschaft und des lokalen traditionellen Wissen  zu verstärken. Man denkt dabei an Mahatma Gandhi der überzeugt konstatierte: «Die Geschichte lehrt die Menschen, dass die Geschichte die Menschen nichts lehrt».

Das in San Francisco lokalisierte Open-access-Projekt archive.org zeigt, dass es durchaus möglich ist allen freien Zugang zu Wissen zu verschaffen. Auf der Plattform finden wir beispielsweise Swartz’ Guerilla Open Access Manifesto von 2008, in welchem er uns auffordert: «Those with access to these resources — students, librarians, scientists — you have been given a privilege. You get to feed at this banquet of knowledge while the rest of the world is locked out. But you need not — indeed, morally, you cannot — keep this privilege for yourselves. You have a duty to share it with the world».

Es reicht nicht kritisch über diese Entwicklungen nachzudenken. Wir müssen handeln. Ein erster Schritt ist die Aufklärung über Mellons extreme intransparente Finanzierungspolitik und die daraus resultierende Privatisierung des Wissens. Darauf sollten Aktionen folgen, die Mellon zwingt andere Maßnahmen zu ergreifen.

 

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