Wiederauferstandene Mondsehnsucht – Sibylle Lewitscharoffs «Pong redivivus»

Am Ende des 1998 erschienenen Buches «Pong» springt der titelgebende Held vom Dach dem Mond entgegen – und nun, fünfzehn Jahre später, lesen wir in Sibylle Lewitscharoffs Fortsetzung «Pong redivivus», was nach diesem Sprung geschehen ist.

Von Daniel Lüthi

Kurz gesagt: Pong hat seinen Sturz vom Dach überlebt und liegt mit einem gebrochenen Bein im Krankenhaus. Doch Pong wäre nicht Pong, wenn da in der Langeweile der Genesung keine Gedankenspiele und Tagträumereien wären. Ob das Aussehen der Krankenschwestern oder sein fernes Zuhause, alles erdenkt und bearbeitet er sich von seinem Bett aus, zieht die Dinge zu sich heran oder schiebt sie ganz weit weg. Pong schafft sich seine eigene kleine Welt aus seinen Gedanken, spinnt sie sich zurecht. Manche von Friedrich Mecksepers Illustrationen, die Lewitscharoffs Geschichte ergänzen, wirken daher wie Verbildlichungen von Pongs Gedankengängen.

Stellenweise liest sich «Pong redivivus» wie ein Schelmenroman, dessen Held sich (wegen offensichtlichen Gründen) kaum von der Stelle bewegt – Erinnerungen an Grass‘ Oskar Matzerath in der Irrenanstalt kommen auf. Doch Pongs Leben ist unmittelbarer und nicht ironisch distanziert: Jede Konfrontation, sei es mit Ärzten, Putzpersonal oder – die schlimmste Vorstellung – Zimmergenossen, wird von Pong sofort kommentiert und muss gleich im Alltag eingeordnet werden. Natürlich sind Überraschungen trotzdem vorprogrammiert.

Verrückte Tagträume

In vielen Kritiken wurde Pong – oder Herr Pönsgen, wie er sich selbst nie nennt – nach Erscheinen des ersten Bandes als Verrückter bezeichnet. Liebenswert und meist harmlos, aber auch verrückt. Diese Verallgemeinerung vernachlässigt jedoch besonders in «Pong redivivus» die andere Seite der Figur. Pong ist nicht bloss verrückt, sondern vielmehr von einem unerschöpflichen Einfallsreichtum getrieben. Seine Ideen umfassen zwar Verschwörungstheorien und machen Menschen stellenweise zu Monstern, aber in erster Linie springt Pong in seinen Gedanken hin und her, verknüpft Assoziationen mit Fakten und hängt Tagträumen nach… wie jeder Mensch, der schon mal einen längeren Aufenthalt im Krankenhaus verbringen musste. Ein bisschen Verrücktsein schadet da nicht, sondern schlägt die Zeit kreativ tot.

Nicht nur der Einband, sondern auch der Protagonist haben zum Mond eine besondere Verbundenheit. zVg

Nicht nur der Einband, sondern auch der Protagonist haben zum Mond eine besondere Verbundenheit. zVg

Krise in der Mondromantik

Würde man das vorliegende Buch nach seinem Einband beurteilen und ein anderes bezeichnendes Wort für Pong suchen, wäre mondsüchtig eine mögliche Alternative. Wie schon im Vorgänger spielt der Mond eine besondere Rolle in Pongs Leben. Hier ist er beinahe schon Lebenselixier: Genau in der Mitte des Bandes sieht Pong seinen alten Bekannten wieder durch das Krankenzimmerfenster scheinen und fühlt sich anschliessend erfrischt. Am nächsten Morgen folgen Pongs glücklichste und ausgewogenste Momente, ehe er wieder zwischen überschwänglicher Freude und tiefster Enttäuschung hin- und herschwankt. Denn nebst Verrücktheit, Mondsucht und Erfindungsreichtum ist Pong auch ein empfindlicher Romantiker, dessen Sehnsüchte ebenso schnell erfüllt wie zerstört werden können.

«Pong redivivus» bricht abrupt und mitten in einer Krise des Protagonisten ab. Dieses Ende hinterlässt ein kleines Fragezeichen, bietet aber wieder die ideale Ausgangslage für eine Fortsetzung. Und es spricht für Lewitscharoff, dass sie den Krankenhausaufenthalt nicht unnötig in die Länge zieht. Bleibt zu hoffen, dass das nächste Kapitel in Pongs Leben erstens bald und zweitens mit gesundem Bein aufgeschlagen wird.

«Pong redivivus»
Von Sibylle Lewitscharoff und Friedrich Meckseper
Insel Verlag
109 Seiten
ca. CHF 21.90
ISBN: 978-3-458-19383-9

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