Aktenzeichen XY: Die ausgepresste Generation

Von Tara Hill

Was mich an der gegenwärtigen Diskussion über die zunehmend auseinanderdriftende Einkommensverteilung irritiert, ist das stets zu hörende Totschlagargument «jeder kann es schaffen, wenn er will: der Schlüssel ist Bildung und harte Arbeit» (der klassische «amerikanische Traum»). Meine beiden Grossväter selig hatten keinen grösseren Wunsch als zu studieren – beiden war es aus Gründen ihrer familiären Herkunft aus armen Verhältnissen und der damit verbundenen Biographie nicht möglich – dem einen, weil er im Krieg verletzt wurde, dem anderen, weil er fürs erste Kind in die Fabrik arbeiten gehen musste. Meine Eltern wiederum haben ihr Leben lang hart gearbeitet (u.a. auf dem Bau oder im Detailhandel), um finanziell durchzukommen und ihren Kindern damit eine gute Ausbildung zu ermöglichen.

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Der Saft ist weg: «Vielleicht wär’s wieder mal Zeit für einen Generalstreik – diesmal allerdings für einen Streik des Prekariats» (Foto: smi).

Wir, ihre Kinder, haben nun diese gute Ausbildung – wir, die Generation y, sind sogar die wohl bestausgebildete Generation aller Zeiten. Wir haben als Werkstudenten, Temporärjobber und Freelancer gearbeitet, einen oder mehrere Abschlüsse und Weiterbildungen gemacht, zig un- oder tiefbezahlte Praktika absolviert. Und wo stehen wir nun, mit unserer guten Ausbildung und unserer Gratis-Arbeitserfahrung? Anfang 30 halten sich die meisten noch immer mit Tieflohn- und Teilzeitjobs über Wasser, sind immer noch auf die Eltern angewiesen, um grössere Anschaffungen zu machen oder unvorhergesehene Rechnungen zu bezahlen oder akkumulieren Kredite und Schulden, ohne Hoffnung in nützlicher Frist aus der Schuldenfalle herauszufinden.

Während unsere Eltern in unserem Alter für die Zukunft oder grössere Investitionen was auf die Seite legen konnten, kämpft sich ein Grossteil dieser Generation immer noch von Monat zu Monat durch und hofft auf bessere Zeiten. Aber es wird nicht besser, sondern von Jahr zu Jahr schwieriger, genauso wie die Hoffnung, dank harter Arbeit und guter Bildung irgendwann zu einem sicheren Einkommen zu finden, von Jahr zu Jahr schwindet. Der Traum vom sozialen Aufstieg wird sich für einen Grossteil dieser Generation offenbar kaum noch erfüllen.

Was ist die Antwort der Wirtschaftsführer, Politiker oder Chefbeamten darauf? «Ihr seid halt verwöhnt, ihr arbeitet nicht hart genug». Bullshit! Ich kenne kaum jemanden aus der Generation unserer Eltern, welche/r für eine mies bezahlte Teilzeitstelle regelmässig abende- und wochenende-lang gratis Überstunden geleistet hat, als Freelancer für unglaublich tiefe Honorare und ohne Spesenentschädigung geackert hat, um ein Nachfolge-Projekt oder zumindest einen kleinen Folge-Auftrag zu ergattern, oder mit Anfang 30 das x-te unbezahlte Praktikum oder ehrenamtliche Engagement absolviert hat, in der Hoffnung dereinst im anschluss zumindest überhaupt einen schlecht bezahlten Teilzeitjob zu finden.

10 bis 15 Jahre Arbeit unter wert zu leisten, ohne mehr als nur von der Hand in den Mund leben zu können führt früher oder später zu Resignation, Frust, Aggression, liebe Politiker, Beamte und Wirtschaftsführer. mehr noch: Es ist eine Zeitbombe und damit eigentlich ein klassischer Bumerang. Dies, wohlgemerkt, zu einer Zeit, wo die ‚Rekordgewinne‘ grosser Unternehmen weltweit Jahr für Jahr unverdrossen ansteigen, wo gewisse Manager trotz Misserfolg sechsstellige Boni einfahren, und manche Familien mit geerbtem Reichtum ausschliesslich von Dividenden leben (können). Hier in Europa, dem reichsten Kontinent der Welt, läuft doch irgendetwas verdammt falsch, wenn sich Uni-Absolventen (oft sogar als Wirtschaftsmigranten in einem anderen Land) an der Kasse von Discountern oder Fastfoodschuppen verdingen müssen, während die Wirtschaftsführer in einem der reichsten Länder der Welt behaupten, dass ein Lohnverhältnis von maximal 1:12 aus Sicht der ARBEITENDEN BEVÖLKERUNG überrissen und realitätsfern ist.

Vielleicht wär’s wieder mal Zeit für einen Generalstreik – diesmal allerdings für einen Streik des Prekariats – also all derjenigen, die gut ausgebildet sind und hart arbeiten, die mit ihren Ideen und ihrem Einsatz zur Innovation und Weiterentwicklung dieser Gesellschaft beitragen, aber nicht wissen, wie sie ende Monat ihre Miete UND Krankenkasse bezahlen sollen. Dies, weil man ihre verzweifelte Hoffnung auf eine sichere Stelle zunehmend gnadenlos dazu benutzt, als Freelancer, ehrenamtliche Berater, Praktikanten oder Teilzeit- und Temporärarbeiter das letzte Quäntchen Kreativität aus ihnen herauszupressen – für ein Butterbrot notabene, während die Erlöse dieser Arbeiten einzig und allein der Chefetage zugute kommen.

Eine Gesellschaft, die ihren Kindern – also: ihrer Zukunft – kein sicheres Einkommen ermöglicht, weil sie für sich selber noch vor der Rente so viel wie möglich auf die Seite schaffen will, schafft ein zum Scheitern verurteiltes Schneeballsystem, das früher oder später implodieren wird. Dann heisst es: zurück auf Feld 1, allerdings nicht für sie selbst, sondern für ihre Töchter und Söhne. Schöne neue Welt.

 

Tara Hill (*1982) ist seit einem Jahrzehnt als Kulturjournalistin für diverse deutschsprachige Printmedien, Radiostationen, Online-Portale, Blogs und Musikmagazine tätig, zuletzt hauptberuflich als Kulturredaktorin des Schweizer Online-/Magazin-Hybrids TagesWoche.

Nach dem (mit einer Arbeit über Widerstandsfiguren bei Foucault und Deleuze) abgeschlossenen Studium der Soziologie, Medienwissenschaft und Gender Studies (lic. phil., s.c.l.) und einer kurzen Laufbahn als Doktorandin an der Universität Basel arbeitet sie zurzeit an der Wiederaufnahme ihrer Dissertation zu zeitgenösssischen Ekstase-Kulturen am Beispiel der internationalen Techno-Szene.

http://lifemagicallyis.wordpress.com

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