Wir sind die anderen #1: Jeder Topf hat einen Deckel – wo ist meiner?

Von Max Fieser

In der neuen Kolumne «Wir sind die anderen» schreibt der 21-jährige Rollstuhlfahrer Max Fieser über das liebe Leben.

Ich frage mich wirklich, wieso das so ist. Ich frage mich, wieso trauen sich so wenige gesunde Menschen, mit Behinderten eine Beziehung einzugehen und umgekehrt. Vielleicht  liegt es daran, dass eine Frau denkt, dass man den armen Beeinträchtigten nicht wieder alleine lassen kann. Also dann lieber gar keine Beziehung eingehen. Wahrscheinlich siehst du es, aber ich möchte zu verstehen geben, dass auch ich nur ein Mensch bin. Klar haben «Behinderte» auch Macken, ja wir sind eingeschränkt, aber wir haben Lust auf neue Erfahrungen und wenn es sein muss,  dann stecken wir auch die Niederlagen weg. Man kann lernen mit dem  «Anderssein»  umzugehen. Ich kann es nicht verstehen, wieso es die meisten nicht mal versuchen wollen. Vielleicht kann ich  den Menschen diese Angst wegnehmen. Von was hat man denn eigentlich Schiss? Es könnte nämlich sein, dass auch du  im Verlauf deines Lebens eine Einschränkung bekommst. Spätestens im hohen Alter wirst auch du auf Hilfe angewiesen sein. Man kann sich ruhig trauen, sich neben einem Rollstuhlfahrer  zu setzen und ihn oder sie anzusprechen, im Supermarkt, während der Tramfahrt oder an der Bar, wieso denn eigentlich nicht. Wir sitzen in diesem rollenden Stuhl, sind aber keine «armen Sieche». Auch ich möchte jemanden finden, der den Zug des Lebens mitzieht. Ich habe Hunger nach einer Beziehung und kann nicht satt werden. Was wir Menschen wohl machen müssen, um diese Barrieren zu durchbrechen? Wenn es eine Chance gibt, dann möchte ich sie nutzen, auch wenn es Jahre dauert – ich kann warten. Aber wenn mich eine Frau früher nimmt, dann hat sie mehr von meinem Leben und ich mehr von ihrem.

Max Fieser Foto

«Es könnte sein, dass auch du im Verlauf deines Lebens eine Einschränkung bekommst. Spätestens im hohen Alter wirst auch du auf Hilfe angewiesen sein»: Max Fieser (Foto: zVg).

Schon länger suche ich nach einer passenden Wohnung in Basel. Es braucht viel Organisationstalent um etwas Passendes zu finden. Ist die Wohnung höher gelegen, brauche ich einen Lift, mein Zuhause darf auch nicht eine Anhäufung von Sackgassen sein, jeder will sich in seinem Heim auch drehen können. Ich bin nicht der Typ, der gerne alleine wohnen möchte. Ich stelle mir eine gemischte WG mit jungen Männern und Frauen vor, eben einen bunten Mix aus behinderten und nichtbehinderten Menschen. Die Normalität und mein Alltag könnten auch so aussehen. Keinesfalls muss ich alles alleine erfinden, gerne wäre ich auch Teil eines bestehenden Wohnprojektes.

Egal wie und was, Hauptsache, man ist unter Menschen. Es wird langweilig, wenn man immer am gleichen Ort  bleibt – irgendwann soll jeder in seinem Leben eine abenteuerliche Reise wagen. Ich möchte es auf jeden Fall tun.

Der Text von Max Fieser wurde in Zusammenarbeit mit Ana Vujic verfasst. Der Autor nimmt gerne auch Rückmeldungen von Leserinnen und Lesern entgegen: maxfieser@bluewin.ch