Vom Domestizieren des Begehrens – Nicole Holofcener «Enough Said»
Die Masseurin Eva (Julia Louis-Dreyfus) und der TV-Archivar Albert (James Gandolfini) lernen sich an einem Fest kennen. Bald schon lernen sich die zwei auch etwas intimer kennen. Und nur allzu bald erfährt Eva, dass ihre Kundin und Freundin Marianne (Catherine Keener), eine preisgekrönte Dichterin, Alberts Ex-Frau ist. Diese weiss natürlich jede Menge interessante Dinge zu berichten über ihren Ex-Mann…
«Enough Said» ist nicht nur sehenswert, weil es sich um einen der letzten Filme des verstorbenen James Gandolfini handelt. Regisseurin und Drehbuchautorin Nicole Holofcener legt mit ihrem neuen Film auch eine romantische Komödie vor, die durch witzige Dialoge, viel Situationskomik und eine gute Besetzung brilliert. Julia Louis-Dreyfus, Toni Collette und Catherine Keener sind alle grossartig in ihren Rollen, und auch die weiteren Nebenrollen sind alle perfekt besetzt. In ihren besten Momenten kann man sich auch gut vorstellen, dass Holofcener – die unter anderem auch fürs Fernsehen arbeitet («Sex and the City», «Six Feet Under», «Gilmore Girls») – die Stieftochter von Woody-Allen-Produzent Charles Joffe ist.
Albert ist TV-Archivar, insofern ein typischer Geek, der wenig Wert auf Feng Shui legt. Dafür umso mehr Wert auf kalorienreiche Ernährung. Gandolfini wirkt in dieser Rolle ebenso authentisch wie als Tony Soprano oder als Bauarbeiter in John Turturros «Romance and Cigarettes». Sinnig auch, dass TV-Star Gandolfini hier gerade in einem TV-Archiv arbeitet.
Diese Gender-Verteilung – hier die Masseurin, dort der Couch Potato – ist die Grundlage der Komik von Holofceners Film. Natürlich sind diese Klischees aber im Alltag vieler Menschen wohl durchaus präsent: wir erkennen uns in ihnen wieder. Weniger einfach ist es, sich in der Dichterin Marianne wiederzuerkennen; sie ist es auch, die Eva von ihren Pfad abbringt, indem sie alle negativen Seiten Alberts ausplaudert. Eva, die erste Frau, muss zufrieden sein mit ihrem Fat Albert, wie Helen Hunt mit Jack Nicholson in «As Good as It Gets».
Die romantische Komödie ist so – genau wie «The Lady and the Tramp» (in deutschsprachigen Gefilden besser bekannt als «Susi und Strolch»), über den in Whit Stillmans «The Last Days of Disco» diskutiert wird – ein kulturelles Produkt, das Romantik überhaupt erst ermöglichen soll und so das Weiterexistieren der menschlichen Spezies. Mit dem Unterschied natürlich, dass in «Enough Said», einem Film, der sich an ein doch eher reiferes Publikum richtet, das Ziel eher das Kreieren einer neuen Patchwork-Familie ist. Kinder haben Albert und Eva ja bereits. «Enough Said» ist auch ein Film über das Loslassen, über das Leben ohne die Kinder in der Nähe. Und zusammen wird dies Eva und Albert sicher besser gelingen als alleine.
Letztlich geht es aber hier wie in anderen romantischen Komödien darum, das Funktionieren der Familie – auf welche Art auch immer – zu gewährleisten. Zudem wird das Begehren domestiziert, und wie in «The Lady and the Tramp» und «As Good as It Gets» muss die Frau Kompromisse eingehen. Während aber ein Film wie «The Lady and the Tramp» noch behauptet, der Strolch habe sich gebessert, so ist davon in Holofceners Film keine Rede mehr. Vielmehr muss sich Albert eben nicht wandeln, da er – entgegen Mariannes Forderungen – auch so ein wertvoller Mensch ist. «Warts and all…» – auch mit allen seinen Fehlern also. Wobei es sich aus Alberts Perspektive ja wohl gar nicht um Fehler handelt.
«Enough Said». USA 2013. Regie: Nicole Holofcener. Mit Julia Louis-Dreyfus, James Gandolfini, Toni Collette, Catherine Keener, Tracey Fairaway u.a. Basler Premiere am 6.2.2014.
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