Das Experiment – Ein Erfahrungsbericht von Linda Mülli

Experimente sind dazu da, erlebt und durchlebt zu werden. Selbst dann, wenn man am Ende kaum weiss, um was es denn nun eigentlich genau ging, schaut doch vielleicht ein Kaffee dabei heraus, oder Kleingeld zum Bezahlen der UB-Mahngebühren.

Von Linda Mülli

Man hat mir die Nummer 28 zugeteilt, nun sitze ich vor einem weissen Bildschirm. «Please wait for the experiment to start», steht da. Gut, ich warte. Der Computer, Marke Fujitsu, summt leise. Sonst ist es still, bis einer laut gähnt. Ein besonders motivierter Teilnehmer, denke ich und stelle mir vor, wie meine Mit-ProbandInnen, auf jeden Rappen geile (Austausch-)StudentInnen, ebenso auf den Bildschirm starren, in der Hoffnung, endlich der Wissenschaft dienen zu dürfen.

Was erforscht wird, weiss man selbstverständlich nicht, nur, dass Geld zu verdienen ist und dass durch einen Klick hier, ein Kreuzchen da, einen wichtigen Beitrag zu zukünftigen wissenschaftlichen Erkenntnissen geliefert wird. Da heisst es dann: «Wissenschaftler der Oxford University haben herausgefunden, dass 18 Prozent und so weiter und so fort», und dann werden daraus allgemeingültige Glaubenssätze hinsichtlich der menschlichen Psyche in Zement gegossen. Es ist ja wissenschaftlich fundiert! Doch kann dabei erfasst werden, was sich in den Köpfen der Experiment-TeilnehmerInnen abspielt? Ich wollte wissen, wie quantitative Daten gewonnen werden. Es ist einfacher, Studis in ein Labor zu bitten, als rauszugehen, zu beobachten und Eindrücke zu sammeln, die nicht ganz so künstlich sind.

Während des Wartens überlege ich mir, was meine Klicks und Kreuzchen wohl für Konsequenzen haben werden. Doch, da! Es tut sich endlich was auf dem Bildschirm: Vor dem tatsächlichen Experiment würde erst ein Tutorial durchgeführt, lese ich. Schliesslich soll sichergestellt werden, dass auch der Hinterletzte und Letzte die Abläufe verstanden hat. Bei Fragen: «Please, raise your hand. Raise your hands, when you want to let it go! Tatataaaa!» Egal, offenbar haben es alle kapiert, oder wollen das Ganze einfach möglichst schnell hinter sich bringen, denn es meldet sich niemand.

Wir (ich gehe davon aus, dass auf allen Bildschirmen dasselbe zu lesen war), erfahren also, dass wir das Experimentverhalten eines unbekannten Dritten beurteilen sollen. Dieser hatte im Rahmen eines Wett-Experiments die Aufgabe, die Erträge am Ende zwischen sich und einem Konkurrenten desselben Experiments zu verteilen. Er konnte die Variante 50:50 wählen, sich bevorteilen oder grosszügig sein. Wie moralisch es ist, alle Anteile für sich zu beanspruchen, oder eben nicht, sollte ich in der Folge beurteilen. Mein Urteil sollte sich an der «allgemeingültigen Meinung der Gesellschaft» orientieren. Ausserdem solle ich nicht vergessen, wird noch einmal betont, dass meine monetäre Belohnung davon abhinge, wie sehr meine Einschätzung mit dem tatsächlichen Ergebnissen übereinstimmte.

Gut, verstanden. Es ging also letztendlich darum, wie viel Raubtier im Menschen steckt. Raise your hands, and you want to let a feeling show! Doch wie soll ich mich denn verhalten? Generös wird allgemein als positiv gewertet und ich gehe davon aus, dass ich mich vor meinen Mitmenschen nicht zu fürchten brauche, von ihnen aber auch nichts geschenkt erhalte. Doch wie ehrlich waren diese unbekannten Probanden? Haben sie nicht einfach den Hauptteil für sich beansprucht und damit riskiert, sehr viel oder sehr wenig zu gewinnen (denn die Höhe des Endgewinns, des allgemeinen Lockmittels in der Welt der Experimente, hing von weiteren Konditionen ab)? Hat dieser dritte Proband die Anweisungen ehrlich befolgt oder nicht? Und die weiteren Mit-Probanden? Ich merke, ich misstraue nicht meinen fiktiven Mitmenschen, sondern dem Experiment als solches und insbesondere seinen Möglichkeiten.

Doch in der Minute X galt es sich zu entscheiden. Da es mein Ziel war, möglichst viel Geld zu verdienen (und ich erachte dies als die Hauptmotivation einer Person, die an einem Experiment teilnimmt), ging ich von einem habgierigen Menschen aus und habe mich, wie oben erkenntlich, grob verschätzt: Mein imaginärer Mitmensch war sehr gerecht und hat halbe-halbe mit seinem Konkurrenten geteilt (und so das kleinstmögliche Risiko gewählt). Aber bitte!, denke ich empört. Ist das real? Auch schon wer gerecht handelt, verliert. Reine Heuchelei! Schaut euch um, beim Parteien-Gezänk, wenn es um Arbeitsplätze geht, beim Aufteilen des Znünis im Kindergarten, beim Anstehen an der Kasse im Supermarkt. Es wird immer auf den eigenen Vorteil geachtet. Wieso, glaubt ihr, haben wir an diesem Experiment teilgenommen? Alles nur edle Motive, grosses Ehrenwort!

Vielleicht ist mein unbekannter Dritter ein gerechter Mensch, vielleicht hatte er gerade einen guten Tag gehabt, vorher zu viel Schokolade gegessen, was weiss ich! Vielleicht scheut er aber auch nur das Risiko. Aber wie hätte er oder sie, dasselbe Individuum, in einer echten Situation gehandelt? Wenn es für ihn echte Konsequenzen gehabt hätte und nicht nur ein oder fünf Franken mehr oder weniger bedeutet? Ich hoffe, das wird dort, in Oxford, berücksichtig. Doch man lehrt auch immer wieder etwas über sich selbst: Mit der Empathie ist das so eine Sache. Und: Viel Denken lohnt sich (zumindest finanziell gesehen) nicht. Die nach einer Stunde Experiment verdienten zehn Franken habe ich sogleich in Mahngebühren der Bibliothek und einen Coffee to go investiert.

Vielleicht sollte ich es mal mit Medikamente schlucken probieren…

Linda Martina Mülli studiert in Basel Vergangenes bis Zeitgenössisches, hat ein Faible für Lateinamerika, ist freischaffende Redaktorin und aktuell Teilzeit-Bohémienne in Wien.

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