Das «Lexikon der Angst» – Rezension von Julia Stephan

Auf eigene Weise zwischen Erzählung und fast wissenschaftlicher Prosa schwebt Annette Pehnts in alphabetischen Lexikoneinträgen organisiertes neues Werk «Lexikon der Angst». Es ist weit mehr als ein von A-bis-Z-Bringen der Angst. Es wirft Fragen auf zum Wesen der Prosa zwischen klinischer Beschreibung und lyrischer Verknappung.

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Von Julia Stephan

Sie ist ein Chamäleon, diese Angst. Mal schleicht sie sich als diffuses Unbehagen ins Leben, mal stellt sie sich einem grosskotzig in den Weg – als Phobie, Panikattacke, Ekel oder Schock. Manchmal bemerkt ihr Opfer nicht einmal mehr, dass sie sein Leben bestimmt – und endet als psychisches Wrack, das zwischen realen und irrealen Bedrohungen irrlichtert, wie es uns Roman Polanski in seinem Filmmeisterwerk «Der Mieter» von 1976 zeigte. Oft hat die Angst eine Ursache, öfter ist sie grundlos da. Wer ihr zu viel Raum lässt, verpasst das halbe Leben.

Mit wissenschaftlicher Systematik

Die deutsche Autorin Annette Pehnt hat dieses vielgestaltige Gefühl mit ihrem «Lexikon der Angst» in 46 Miniaturen eingekreist. Mit wissenschaftlicher Systematik von A bis Z, aber mit eigenem Rhythmus, und ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Auch von der prosaischen Härte wissenschaftlicher Klassifikationen sind ihre Lexikoneinträge weit entfernt. Sie heissen A wie Anwesenheit, S wie Spargelspitze, W wie Warten, Z wie Zirpen – und verfehlen ihr Thema trotzdem nicht. Denn das ist ja gerade das Tückische an der Angst, dass sie sich an den harmlosesten Dingen festsetzen kann.

Solothurner Literaturpreisträgerin

2012 erhielt Pehnt, die auch Kinderbücher schreibt, für ihre «hoch sensible Prosa» den Solothurner Literaturpreis. Ihre von der Jury gewürdigte Begabung, «gesellschaftliches und familiäres Zusammenleben mit grosser Genauigkeit bis in seine feinsten Verästelungen» auszuloten, hat die Literaturwissenschafterin, die auch eine John-Steinbeck-Monografie geschrieben hat, schon oft bewiesen. Ihre bisher veröffentlichten Romane könnte man zu einem «Gefühlsbündel» zusammenschnüren. «Ich muss los» (2001) konfrontiert einen Stadtführer mit den Folgen chronischer Selbstverleugnung, in «Insel 34», das am Bachmann-Wettlesen 2002 die Jury verzückte, entdeckt ein Mädchen die Sehnsucht für sich. 2006 und 2007 beschäftigte sich Pehnt auch mit aktuellen emotionalen Minenfeldern: Die heikle Zone «Altersheim» wurde im «Haus der Schildkröten» Ziel der Pehnt’schen Milieustudien, in «Mobbing» die intrigante Arbeitswelt. Ihre «Chronik der Nähe» (2012) schliesslich untersucht Mutter-Töchter-Konflikte.

Die Miniaturen aus dem «Lexikon der Angst» sind selten über vier Seiten lang und erzählen im anonymen Personalstil von ängstlichen Frauen, Männern und Kindern.

Die Texte könnten als psychologische Fachliteratur durchgehen, hätte Pehnt nicht die Gabe, diese Psychodynamiken statt im Erklärstil mit lyrischer Verknappung auf den Punkt zu bringen. Grosse Ängste passen bei Pehnt in einen Satz. Deshalb haben viele Lexikoneinträge Einstiege mit wuchtiger Wirkung: Mit «Seit sie sich ein weisses Kaninchen gekauft hat, bangt sie um seine Gesundheit», wird der Eintrag «Freigang» eröffnet. Darin fühlt sich eine Frau von der Verantwortung für ihr Tier erdrückt. Als das Tier eines Tages ausbüxt und sie ihm hinterherrennt, stolpert die Frau über seinen «weichen Körper» und zerquetscht – so die komische Pointe – das flauschige Wesen gleich selbst. Die Last der Verantwortung wird sie so los – ihre Angst auch.

Aus der Dringlichkeit solcher Nöte könnte man einen Roman bauen. Macht Pehnt aber nicht. Stattdessen skizziert sie die Ängste so, wie sie von ihren Figuren erlebt werden. Als feine Schattierung, die dem Leben etwas von seiner Strahlkraft nehmen, ohne dass sie es wirklich bemerken. Mühelos sensibilisiert Pehnt den Leser für diese – oft absurden – Konsequenzen verschatteter Daseinsformen.

Da ist die Perfektionistin, die alles im Griff hat, und doch immer an die Herdplatte zu Hause denken muss. Einem kleinen Jungen begegnete die Angst in Gestalt eines Engels, der ihn zum Friedensstifter erklärt. Um nicht zu scheitern, setzt er sich im Leben nicht mehr zur Wehr – und landet auf der Verliererseite. In «Schleim» fürchtet ein Mann, sich nach einer Lungenentzündung für seine Wochenendbeziehung «disqualifiziert zu haben». Bisher hatte diese nur aus dem Teilen der schönen Dinge bestanden, aus «Nächten, Ausflügen, Sonntagsbrunch». Krankheit passte nicht in dieses Lebenskonzept.

Manchmal steigert sich Pehnt auch ins Gleichnishafte: Wenn ein Mann im Leben auf der Strasse alle Schattenseiten meidet und im ältlichen Gesicht der schattenlosen, aber ziemlich langweiligen Rosa so etwas findet wie Glück.

Die Angst vor der Angst

Manche von Pehnts Figuren treibt die Angst auch voran: zu Höchstleistungen den Spieler, den die Angst vorm Verlieren anstachelt; den Lehrer mit Flugangst zu klaren Lebensentscheidungen. Dem Angstfreien bleibt immer noch die Angst vor der Angst. Oder wie es Pehnt in ihrem persönlichsten letzten Eintrag beschreibt, der ins Lyrische hinübergleitet: Manchmal ist Angst auch «zittern, einfach so».

Annette Pehnt Lexikon der Angst. Piper 2013. 176 S., Fr. 27.90.


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