Kreide – Kurzgeschichte von Daniel Lüthi

Zum heutigen Texttag erscheint bei «Zeitnah» eine weitere Kurzgeschichte von Daniel Lüthi. In «Kreide» zwängen wir uns durch einen kleinen, engen Bücherladen, wo selbst ein Flüstern schon zu laut sein kann. Und dann sind da noch die Zeichen auf dem Boden…

«Zeitnah» präsentiert eine weitere Geschichte von Daniel Lüthi. zVg

«Zeitnah» präsentiert eine weitere Geschichte von Daniel Lüthi. zVg

«Erstausgabe?»

Erin nickte und steckte die Nase erneut zwischen die Seiten, atmete tief ein. Irgendwo hinter ihnen räusperte sich der Buchhändler respektvoll. Sie ignorierte es.

«Ich geh nochmals zu den Krimis», flüsterte Pete und drehte sich vorsichtig um. Der Buchladen war winzig, kaum grösser als eine Garage, doch bis unter die Decke mit Büchern vollgestopft. Wörtlich. Was nicht mehr in den Regalen Platz hatte, stapelte sich zu waghalsigen Türmen oder mauerte die Fenstersimse zu. Pete schlich seitwärts zwischen Bündeln von Zeitschriften hindurch, das Kinn nur Millimeter von bösen Papierschnitten entfernt. Die Lampe über ihm flackerte, als er endlich in den hinteren Bereich des Ladens schlüpfte. Ein Nieser bahnte sich an. Er zählte seine Schritte und hielt den Kopf zurück – eins, zwei, noch einen, gleich – und klemmte sich schnell den Ärmel unter die Nase, bevor er prustete. Die Stille danach war ihm suspekt. Er wartete auf ein erneutes Hüsteln, noch respektvoller dieses Mal, doch es blieb aus. Schön. Pete sah auf und blickte dann nochmals zurück auf den Boden.

HIER ENTLANG

stand in grossen Lettern auf den Beton geschrieben. Rosa Kreide, dachte Pete. Wieso ausgerechnet Rosa? Und wozu Richtungsangaben? Um sich in diesem Buchladen zu verirren, wären komplexe Berechnungen nötig gewesen. Pete holte Luft, um Erin zu rufen, als er sich an das Räuspern erinnerte. Besser nicht. Ein weiterer Nieser kitzelte irgendwo entfernt hinter seiner Nase, und er wollte nichts riskieren. Ein Pfeil fehlte auf dem Boden, also folgte Pete der Schrift in Schreibrichtung. Der Geruch nach altem Tee wurde stärker.

Nach einem umgefallenen Stapel Reader’s Digest war der Boden blank, doch ein kleines Stückchen Kreide lag neben einem Regalfuss. Es war weiss.

Pete kniete nieder. Sein Blick schweifte über eine Ausgabe von Puschkins Gedichten auf Französisch, einem Kochbuch für ein Gerät namens «Küchenkralle» sowie zehn Bände Leinenphilosophie und blieb an einem dünnen Streifen in Kalkweiss haften. Pete schritt kauernd um das Regal herum.

BITTE NICHT ERSCHRECKEN

Pete runzelte die Stirn und sah sich erneut um. Falls dies überhaupt möglich war, wirkte die Buchhandlung noch langweiliger und staubiger. Der letzte Strich des Ns zog sich wie ein Faden über den Boden, krakelte um die nächste Ecke. Und wenn ich dort ankomme, springt Erin hervor und macht Buh! Oder schlimmer noch, der Inhaber und sein Hüsteln. Oder beides. Pete seufzte und streifte langsam an den Regalen vorbei, trat mit dem Schuh die Linie des Kreidestrichs nach.

Er roch Kerzenwachs. Seine Ohren knackten, und das Jucken in seiner Nase verschwand endgültig. Jemand stellte etwas auf einen Tisch. Das Echo stimmte nicht. Es sollte überhaupt keins da sein. Pete lehnte sich hinter dem Regal hervor und stellte fest, dass er auf einmal Holz anstatt Metall anfasste. Dass das Regal höher war und sich bis unter eine geschwungene Decke voller Kandelaber erstreckte. Dass mehrere Leute an Tischen sassen und geschäftig in dicken Büchern kritzelten, während weit, weit hinter ihnen ein angelehntes Tor Abenddämmerung hereinliess.

Pete griff automatisch ins Regal und holte ein Buch hervor. «Beschwörung und Verschwörung: Eine kurze Geschichte der Hexenkriege», lautete der Titel. Pete öffnete das Buch und las auf dem Titelblatt, dass dieser Band im 217. Kaiserjahr in den Druckereien zu Harkraten in der Stadt der Namen produziert wurde und jegliche Versuche, magisches oder sonstiges Kapital aus seinem Inhalt zu schlagen, mit einer Anzeige beim Konzil der Dreizehn geahndet werden würde. «Uneigennütziges Eigentum der ehemals Kaiserlichen Bibliothek», stand in Stempelschrift kleiner darunter.

Pete klappte das Buch zu und merkte erst jetzt, wie alt es eigentlich war. Der Staub kitzelte in seiner Nase, und ein kleiner Nieser echote durch die Halle. Einer der Schreiber blickte auf und sah ihn streng an, während ein grösserer, noch grösserer Niesreiz sich anbahnte.

«Gesundheit!», meinte Erin, als Pete die Augen wieder öffnete. Oh. Kein Wunder, dass seine Ohren wieder geknackt hatten. Der Buchladen schien noch kleiner als zuvor. Und wie auf Kommando war da wieder das Räuspern, sehr respektvoll dieses Mal.

«Zahlen wir?», fragte Pete verwirrt. Erin nickte. Dann zeigte sie auf das Buch in seiner Hand.

«Erstausgabe?»

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