Gib mir das Paradies – Dominik Riedo über «Der Blaue Kammerherr» von Wolf von Niebelschütz

Dominik Riedo stellt vor: «Der Blaue Kammerherr» von Wolf von Niebelschütz. Eine Wunderkreatur. Wortmusik, endlich erträgliches Moll. Das ist Literaturkritik aus Leidenschaft und Lektüre.

niebelschuetz

«Was tut man gegen Überdruss und Trauer,
wenn sie metaphysischer Herkunft sind?»

Eine ins Auge springende Parodie ist heute gar nicht mehr schreibbar. Selbst wenn man alles überzeichnete: Kaum ist das Buch geschrieben und gedruckt, man schaut kurz hinein und will loslachen … – so hat die Realität ringsum das Beschriebene schon längst eingeholt und die Tränen kommen einem darüber, welch Leben empfindsame Naturen hier fristen müssen.

Wolf von Niebelschütz (1913–1960) hat das von klein auf gespürt und seine Romanhandlungen in Welten verlegt, die unseren gar nicht mehr direkt gleichen, in denen alles ‹abgehoben› scheint und ‹anders›. Das sind protzige Worte. Doch das alte Klischee, dass ein wahres Kunstwerk den Schmerz der Welt aufheben solle, indem es eine bessere Welt als jene ausserhalb der Buchdeckel nicht (nur) zeigt, sondern sie als möglichst perfekt gefügte verwirklicht, ohne dass man dem Ergebnis die Mühe anmerkte – bei diesem Adelssohn aus gebildetem Haus ist es hier geheimnisvollerweise mehr als gelungen.

Denn ein handwerklich streng aufgebautes Buch wie «Ulysses», auch wenn es noch so gut ist …? Das ist als eifriger Schriftsteller durchaus erreichbar. Aber ein anscheinend ‹überirdisches› Werk wie Mahlers «Lied von der Erde» oder Mozarts ‹Feuer- und Wasserfuge›? – Keine Chance. Neidlos schaut man auf diese Wunderkreaturen der Kunst und ist einfach nur froh, sie im rezipierenden Nachvollzug geniessen zu dürfen.

Warum erwähne ich diese beiden Musikstücke? Nun, wenn alles gesagt ist, wenn alle möglichen Inhalte, die halt doch ‹aus der Welt gegriffen› sind, in allen möglichen Romanen durchgespielt sein werden … wird man endlich allgemein wissen, was alle Sprache zuletzt ist, ganz zuletzt –: Musik.

Musik in Worten. Und genau das hat Wolf von Niebelschütz im Roman «Der Blaue Kammerherr» so perfekt umgesetzt, dass es kaum noch einholbar scheint. Sieben Jahre lang, von 1942 bis 1949, komponierte er die vierbändige, im mythisch-barocken Mittelmeer-Raum zentrierte Zeus-Danae-Wortsymphonie. Die Symphonie ist dabei wörtlich zu nehmen: Die vier Bände entsprechen den vier Sätzen einer Symphonie, genauer der Zwitter-Form der mit obligatem Solo-Instrument besetzten «Sinfonia concertante». Dabei ist das Musikalische, das hinter all den Worten mitschwingt, dem Text nicht etwa mühsam aufgepfropft. Schon gar nicht handelt es sich um unscheinbare Melodielein, die einen nur nett anrühren. Nein, der Text spielt analog seiner Gross-Form gekonnt mit musikalischen Leitmotiven, die immer wieder dann auftauchen, wenn sie zwingend auftauchen müssen; die Figuren selbst entsprechen den Instrumenten, die ihre eigenen Farben und Klänge haben, und tanzen gewissermassen nach den Noten in der ihnen eigenen Welt; und die Geschwindigkeit, der Duktus harmonieren mit dem gerade Geschilderten, der Handlung: Da gibt es weitschweifige Passagen, disharmonische Durchgänge, jemand flüstert pianissimo, eine ‹Verbal-Note› gelangt an den Göttervater, das Glück strahlt in Dur, die Intrigen werden zur Fuge; es gibt Contre-Themen, Verdoppelungen, Intermezzi …; der zweite Band ist in Andante gehalten, der vierte prescht Allegro con brio; man pausiert mit dem Text gleichsam in einer Cadenza ad libitum – – – –; oder die zwei Hauptfiguren umspielen einander bei einem Menuett; und am Ende stürzt alles ins Finale.

Die perfekte Symbiose, die hier Inhalt und Form beziehungsweise Stil des Textes eingehen, hat mich damals – im Sommer 2004, als ich noch nichts wusste von der ungeheuren Konsequenz der Umsetzung dieser Worte in Musik – gleich bei der Ouverture sofort gepackt: sofort eingesogen, eingenommen. Sie, die das ‹General-Thema› anschlägt und den Schauplatz vor Augen führt, lässt bereits erahnen, dass hinter diesen wundervoll barockartigen Fronten der vier Sätze etwas wie Tröstung liegt: eine eigene Welt, eine mögliche Geistesverbundenheit, die ein ‹Jenseits› konstituiert mitten im Diesseits.

Dabei ist die Musik nicht einmal alles in diesem Roman. Diese Welt gibt dem Leser ein Panoptikum, in dem das Abendland nochmals zusammengefasst ist – vor aller Postmoderne und lange nach dem eigentlichen Barock: Die polyphon geschickt verwobenen Handlungsstränge greifen tief in die Geschichte aller Künste. Dazu kommt eine unglaublich leichte, leise Ironie. Nichts wirkt hier aufgesetzt oder patzig. Niebelschütz muss nicht den leibhaftigen Teufel auf die Bühne stellen. Was heute zugleich Bände spricht gegen Populismus und Rendite als letzte Kriterien der künstlerischen Wahrheit …

Also: mein Lieblingsbuch? – Zumindest der bestgeschriebene deutschsprachige Roman. Der einem in Tagen, an denen man in Moll stürzt, wieder aufhelfen kann, wenigstens das eigene Leben zu ertragen.

Eben: Wie er das ganz genau macht, der Dichter? – Ja, vieles der Konstruktion ist erklärbar; aber nicht alles. Oder können Sie mir wohl sagen, wie Niebelschütz das gemacht hat:

«Oder man geht in seinem Zimmer auf und ab, Mitternacht ist lange vorüber, aber man geht im Zimmer auf und ab und dichtet eine Ode auf die Menschheit. Ganz plötzlich ist es wie ein atmosphaerischer Schlag, ein lautloses Zucken, plötzlich brennt die Kerze nur noch ganz niedrig und klein, als ob ihr die Luft abgeschnürt wird, und dem, der die Menschheit und das Glück besingen wollte, zieht Gott, mitten in der glücklichen Trivialität, den Schleier fort vor dem Leben, er sieht die furchtbarsten Geheimnisse, sieht die verschimmelten Lügen in den Herzen der Guten und die tödlichen Wahrheiten in den Hirnen der Weisen, die so weise sind, das Tödliche zu verschweigen – das Alles sieht der Mann, dem die Welt eine Ode wert zu sein schien, und er kann es nun nicht mehr sagen, was er so schön hatte sagen wollen, die Feder entsinkt seiner Hand, er hat das Gefühl, dass die Erde, wie eine riesige Seifenblase, dünnwandig und schillernd, sich um lauter gähnendes Nichts wölbt, auf dieser schillernden Kugel aus Hauch und Glanz und süsser Täuschung spazieren die Menschen einher … und dann bebt die Erde.»


Dominik Riedo (*1974 in Luzern) lebt und arbeitet als Schriftsteller und Mitherausgeber von «Aufklärung und Kritik. Zeitschrift für freies Denken und humanistische Philosophie» in Bern. Dreizehn Buchveröffentlichungen. Von den Kulturschaffenden der Schweiz und der interessierten Bevölkerung direktdemokratisch zum Kulturminister der Schweiz ernannt (2007-2009). Präsident des DeutschSchweizer PEN-Zentrums von 2010-2012. – «Zeitnah: Kulturmagazin seit 2012» schätzt sich sehr glücklich, Dominik Riedo unter seinen regelmässigen Mitarbeitern zu wissen.


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