Wir sind die anderen #2: Über das Gehen – Betrachtungen eines Rollstuhlfahrers

Von Walter Beutler

Wenn man wie ich fast sein ganzes Leben im Rollstuhl verbracht hat, schaut man oft verwundert, manchmal auch etwas befremdet auf das, was Fussgänger auszeichnet: das Gehen. Die Verwunderung ist nicht weniger gross als bei den Fussgängern, wenn sie einen Rollifahrer sehen. Sie hat bestimmt nichts Abschätziges – weder beim Fussgänger noch beim Rollifahrer. Trotzdem ist der Fussgänger froh, dass er nicht im Rollstuhl sitzen muss, und mancher Rollifahrer ist froh, dass er nicht …

Rollstuhl

«Und nun vergleichen Sie das mit dem majestätischen Dahingleiten eines Rollstuhlfahrers. Kein Geräusch ist zu hören, die Bewegungen der Arme geben einen wirklichen Sinn» (Bild: Wheelchair dreams von Ano Lobb via flickr, CC-Lizenz).

Lassen Sie mich das erklären: Haben Sie schon einmal genau hingeschaut, wenn ein Fussgänger schreitet, läuft, schlendert oder von mir aus auch flaniert? Sieht das nicht so aus, wie wenn eine unsichtbare Hand eine Marionette durch die Gegend führen würde – oder gar einen Hampelmann? Die Beine werden abwechselnd nach vorne geschleudert, die Arme baumeln unbeteiligt oder im Gegenrhythmus. Und der Kopf wippt lustig dazu. Dabei sind die Blicke der Fussgänger meist starr auf ein vorgestelltes Ziel gerichtet, als ginge jeder durch seinen eigenen Tunnel – oder als fehlte es der unsichtbaren Hand an Kunstfertigkeit. Begleitet ist dieser doch recht komische Auftritt von einem langweiligen Schlurfen oder einem aufdringlichen «Tack, tack, tack, tack». Richtig komisch wird es, wenn die Fussgänger – unter uns manchmal etwas abschätzig Fussis genannt – rennen, und geradezu unerträglich, wenn sie marschieren.

Und nun vergleichen Sie das mit dem majestätischen Dahingleiten eines Rollstuhlfahrers. Kein Geräusch ist zu hören, die Bewegungen der Arme geben einen wirklichen Sinn. Und es ist kaum vorstellbar, dass der Rollstuhlfahrer von einem unsichtbaren Marionettenspieler gelenkt sein könnte. Als Hampelmann ist er völlig ungeeignet, einfach nicht zu gebrauchen. Auch der Gleichschritt ist dem Rollifahrer völlig fremd. Oder haben Sie ihn schon marschieren gesehen? Auch fortrennen kann er nicht. Er muss der Wirklichkeit in die Augen schauen. Er kann nicht fliehen und von hinten erschossen werden. Ist das nicht Ausdruck einer gewissen Würde, vielleicht auch einer Ästhetik, die einem Fussgänger völlig abgeht?

Nein, ich möchte nicht tauschen, um nichts in der Welt.

 

Walter B. lebt in der Region Basel und schreibt auf seinem Blog Walter Bs Textereien regelmässig zu aktuellen Zeitthemen und als Rollstuhlfahrer natürlich auch zum Thema Behinderung. Sein Blog versammelt «Poetisches und Nüchternes, Persönliches und Globales, Philosophisches und Banales. Sprachliches und Bildliches, Sammelsurium und Besonderes, alles und nichts …»

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