Dinge und Undinge – Spike Jonze‘ «Her»

In der nahen Zukunft. Theodore (Joaquín Phoenix) steht vor der Scheidung. Doch er ist eigentlich noch lange nicht bereit für diesen grossen Schritt. Seine Frau Catherine (Rooney Mara) ist ungeduldig, ebenso sein Anwalt. Da lernt Theodore, der handgeschriebene Briefe auf dem Computer entwirft, jemanden kennen: sein neues Betriebssystem (Scarlett Johansson). Zwischen dem Mensch und der Maschine entwickelt sich eine grosse Liebe… und zum ersten Mal seit vielen Monaten kann Theodore sich vorstellen, die Scheidungspapiere zu unterzeichnen.

Mit «Her» legt Spike Jonze seinen ersten Film vor, der auch auf einem eigenen Drehbuch basiert. Es ist eine Geschichte aus unserer Zeit: Ängste und Hoffnungen halten sich die Waage in einer Geschichte, die von der Liebe in digitalen Zeiten erzählt. Gewidmet hat Spike Jonze den Film James Gandolfini, Harris Savides, Maurice Sendak und Adam Yauch von den Beastie Boys. Es ist vielleicht nicht sein bester Film; er ist aber in vielem mindestens so abgründig und komplex wie «Being John Malkovich, so spielerisch wie «Adaptation.» und so überraschend wie die Sendak-Verfilmung «Where the Wild Things Are».

Mensch (Phoenix) trifft Maschine. (Bild: zVg)

Mensch (Phoenix) trifft Maschine. (Bild: zVg)

Verglichen mit seinen anderen Filmen ist «Her» dabei natürlich ein ziemlich unfilmischer Stoff: schliesslich geht es um die Undinge, die uns beherrschen – und ein Betriebssystem gibt eben nun mal in visueller Hinsicht nicht sonderlich viel her. Deshalb wird in «Her» viel geredet – was aber auch so sein muss. Was natürlich nicht heisst, dass «Her» in schauspielerischer und visueller Hinsicht wenig zu bieten hat. Scarlett Johansson ist nur als Stimme präsent, ihr sehr menschlicher Charme kommt aber doch sehr zum Tragen. Und der Film ist trotz allem durchaus hoffnungsvoll – und gibt uns Menschen die Hoffnung, uns auf uns selber zu konzentrieren. Die körperlosen Undinge – in ihnen kann nicht die Zukunft des Menschen liegen, da der Mensch selber ohne Körper undenkbar ist. Spike Jonze verortet die Identität ganz klar im Körperlichen. Die künstliche Intelligenz mag den Menschen überrunden, sie kann ihn aber nicht ersetzen. Oder doch? In «Her» gibt es keine Blade Runners (welche die künstlichen Intelligenzen terminieren, umbringen bzw. aus dem Verkehr ziehen), denn es sind die Menschen selbst, die sich in die Obhut der künstlichen Intelligenz werfen. Schliesslich erscheinen hier die künstlichen Intelligenzen nicht in anthropomorpher Form (wie bei Philip K. Dick bzw. Ridley Scott, in «Blade Runner»), sondern sind körperlose, unmenschliche Undinge frei nach Vilém Flusser.

«Her». USA 2013. Regie: Spike Jonze.  Mit Joaquin Phoenix, Rooney Mara, Scarlett Johansson, Amy Adams, Olivia Wilde u.a. Deutschschweizer Kinostart: 27.3.2014.


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