Die Pressestelle – Prosa von Romana Ganzoni

Romana Ganzoni lässt in ihrem Text Schlaf, Tod, Leben und Spiel aufeinandertreffen. Es geht um alles oder nichts, und um die Antwort auf die Frage: «Schlafes Bruder, warum stirbst du Spielverderber nicht endlich?»

Von Romana Ganzoni

Darf ich mich vorstellen: Ich bin der Schlaf, der kleine Bruder der Ewigkeit, ich bin die Absenz. Alle kommen sie zu mir, obwohl ich nichts weiss, ich kann nicht denken, das macht mein Sekretariat, das Traumwesen. Ich schlafe, melde mich nie zu Wort, keine Zeit, aus diesem Grunde spricht hier mein Pressesprecher, Herr Lüchinger. Würde ich aufwachen, wäre ich verschlafen, mein Aufwachen bliebe unbemerkt, es gälte als Schlafphase. Der Schlafende kennt mich nicht, ich umfasse ihn. Ich muss das tun. Es ist mein Job. Nicht immer ein Vergnügen. Mich gibt es als Beobachteter, als Erblickter, nicht als Erfahrener. Schläft der Mensch, weiss er beim Aufwachen nur, was er beim Anblick anderer Schlafender erfahren hat, und so denkt er, er habe geschlafen, als er nicht da war. Eine ganze Weile, sagt die Uhr, das Wetter, die Dämmerung, der Spiegel, die Ehefrau.

Darf ich mich vorstellen: Lüchinger, Franz, des Schlafes Pressesprecher, ich wahre die Rechte des Schlafes, daher rede ich nicht lange um den Brei, ich komme gleich auf den Punkt und beklage, dass mein Klient an einen Bruder gebunden wird, doch dieser sogenannte Bruder ist kein Bruder. Des Schlafes grosse Schwester ist die Ewigkeit, allerdings hat sie nie Zeit, sein Vater Chronos gilt seit langem als verschollen. Sein Sekretariat, das Traumwesen, ist seine kleine Ersatzfamilie, die ihm beisteht, rund um die Uhr. Ich danke dem Traumwesen an dieser Stelle.

Wer führt eigentlich Protokoll? Ah, Sie schon wieder.

Aber sonst gibt es keinen Anhang, ich betone, es gibt keinen Bruder, weder einen Zwilling, einen jüngeren, noch einen älteren Bruder, es gibt keinen Halbbruder, es gibt nichts Brüderliches, in keiner Form, zu keiner Zeit. Was machen Sie jetzt wieder hier, Schlaf? Sie wandeln? Übermannen Sie sich, ich regle alles, ich habe die Causa des falschen Bruders öffentlich gemacht. Alles ordentlich protokolliert. Situation unter Kontrolle. Ich werde dafür bezahlt. Der Mensch lebt nicht vom goldenen Traum allein. – Und wer sind Sie?

Darf ich mich vorstellen: Ich bin der Tod, des Schlafes Bruder. Ich bin hier aus Betroffenheit.

Gehen Sie mir vom Hals! Ich wünsche keinen Tod in meinem Haus. Sie sind nicht des Schlafes Bruder, ich kläre das Missverständnis auf. Nehmen Sie doch Platz. Nein, um Gottes Willen, nehmen Sie nicht Platz, gehen Sie, da ist die Tür!

Herrgott, was schauen Sie jetzt wieder so? Schreiben Sie Ihr Protokoll!

Wollen Sie noch etwas Letztes sagen, Tod?

Der Tod sagt nichts, er schweigt, namen-, geruchlos, er spricht nie, er denkt nicht nach, er handelt, er nimmt. Andere nannten mich des Schlafes Bruder, um mich einzubinden. Ich wollte dazugehören, ich fand es schön, wärmend, ein Bruder zu sein. In meiner Wahrnehmung war ich lange ein Bruder, und ich wäre es lange geblieben, hätte ich nicht die Absage an meine Brüderlichkeit gehört, hätte ich nicht hinter der Tür gestanden und gelauscht. Ich wollte ein guter Bruder sein. Für immer. Denn der Tod ist nicht endlich, und er kann auch nicht endlich sterben, denn Sterben verhält sich zum Tod wie Geburt zum Leben, beides ist Werden, das eine unendlich, das andere endlich. Der endliche Tod, das ist der Schlaf, Herr Lüchinger. Ihr Klient. Er stirbt beim Aufwachen. Der Tod aber steht an der Tür und lauscht bis zum letzten Tag und darüber hinaus. Denn nach dem letzten Tag kommt der überletzte. Aber das übersteigt das menschliche Denken, ich will nicht persönlich werden, Sie gewiss nicht quälen, Herr Lüchinger. Sie scheinen vernünftig, erfahren, Ihre Dienste zahlbar, wie hätte sonst ein Hungerleider wie der Schlaf Sie engagieren können. Mein Portemonnaie ist wesentlich dicker, obwohl ich bis heute einer der Brüder war, die niemand an sein Familiefest einlädt, ab und an zum letzten Tanz, die Partnerin todmüde, kein Walzer, nur ein Ausatmen, null Rhythmus mehr im Blut. Und dann kommen Sie, ein Pressesprecher, sicher studiert, MBA, und sagen, ich sei kein Bruder. Das schmerzt. Ich drohe nicht, Herr Lüchinger. Ich frage Sie, ohne meine Hand nach Ihnen auszustrecken: Musste das sein?

Ich verstehe Ihre Empörung. Aber Sie sind nun einmal nicht des Schlafes Bruder. Der Schlaf ist dem Leben untergeordnet, es gibt keinen Schlaf ohne Leben. Leben und Tod sind Bruder und Schwester – jetzt kommen Sie doch noch zu einer Familie – der Tod kann nicht der Bruder des Schlafes sein, er ist sein Onkel. Als Tod, der ein Machttyp ist, betrübt Sie das Onkeldasein, das nach Trottel klingt. Der böse Onkel, der reiche Onkel aus Amerika, den alle bewirten, weil er der Erbonkel ist. Verletzend. Ich verstehe Sie. Aber Sie haben eine Freundin: die Liebe. Sie müssen die Liebe zwar mit dem Leben teilen, aber immerhin. Die Liebe ist nun einmal promisk, da gibt es kein Entrinnen. Nehmen Sie die Liebe an die Hand. Wehren Sie sich nicht. Gratistipp vom Profi, solange Sie noch nicht unterschrieben haben. Es ist PR-technisch klug, die Liebe als Freundin gelten zu lassen. Ich erkläre es Ihnen später. Der Schlaf hat keine Freundin, da sind Sie ihm voraus. Aber er hat auch seine Geissel. Des Schlafes Geissel ist dieser abgestorbene Arm, wenn man lange darauf liegt, wie ein Sack Hackfleisch, das mit der Hand bewegt und wieder in Schwung gebracht werden muss. – Brauchen Sie etwa einen Pressesprecher? Habe ich ein neues Mandat? Sie sagen es mir nachher, ja?

Darf ich mich vorstellen: Ich bin das Leben. Mir wurde vom eigenen Vitalinstitut für Daseinsfragen ein Franz Lüchinger empfohlen. Bitte lassen Sie mich zu ihm vor.

Er steht vor Ihnen, Madame. Hier meine Visitenkarte, Abrechnungen sind auch vierteljährlich möglich. Meine Referenzen: der Schlaf und beinahe der Tod. Bitte treten Sie näher, folgen Sie mir. Leben vor Tod! Hier entlang! In den Salon, die Herrschaften. Nehmen Sie Platz!

Herr Lüchinger, Geburt und Leiden, Liebe und Tod, das ist das Leben. Von Spiel keine Spur. Es kam mir zu Ohren, der Tod werde Spielverderber genannt, weil er das Leben verderbe, indem er es beendet. Das ist Verleumdung. Das Leben ist kein Spiel, sondern eine todernste Sache. Herr Lüchinger, ich wünsche, dass Sie den Schuldigen, der diese Infamie in die Welt gesetzt hat, ausfindig machen und ihn mir bringen, lebend. Ich überlege dann, wie ich mit ihm in den nächsten Jahren verfahren werde.

Halt! Halt! Stop! Das Leben als, wie ging das nochmals, Geburt, Leiden, Liebe und Tod? Wie übergriffig darf man heute sein? Reines Mobbing. Der Tod ist nicht Teil des Lebens. Ich habe einen eigenen Part, das Leben ist fertig, wenn ich komme, das Leben ist, wenn schon, eine kleine Vorgeschichte, sehr endlich, dann kommt der grosse Tod und nimmt sich alles, immer. Fertig. Die Liebe teilen wir uns. Geburt und Leiden kannst du haben, Leben. Während der Mensch leidet, ist er nicht tot. Mit der Geburt kann ich nichts anfangen. Sie interessiert mich nicht. Manchen hole ich noch vor seiner Geburt, gerade so, wie es mir passt. Einig sind wir uns, dass das Leben kein Spiel ist. Der Tod, der nicht einmal des Schlafes Bruder ist, kann das Leben nicht verderben, er befruchtet das Leben, das merkt Euch, Zwerge!

Darf ich mich vorstellen: Ich bin das Spiel, ich bin ein Zwerg, ich bin ein Riese. Ich bin da, um mich aus dem Leben auszuklinken, ich bin die Untermieterin des Lebens, die keine Miete bezahlt, gratis lebe ich von der Hand in den Mund, ich genüge mir selbst, drehe mit den Fingern Locken ins Haar, habe viele Kleider, viele Freunde, ich lache dich aus, Tod, male dir einen Schnauzbart, denn ich bin die kleine Schwester der Ewigkeit, ich bin die Schwester des Schlafes, von der er nichts weiss. Ich bin mein Liebling.

Als Pressesprecher des Schlafes muss ich Ihnen, Leben und Tod, mitteilen: Die Schwester des Schlafes, das Spiel, lässt durch mich, Franz Lüchinger, ausrichten, es habe sich beim Spielen plötzlich selbst vergessen und könne darum nicht mehr anwesend sein. Das verstiesse gegen die Spielregeln. Das Spiel lässt sich entschuldigen und Ihnen Geschenke überreichen. Ein Sack Murmeln für das Leben, ein Dominoset für den Tod.

So, meine Lieben, bevor wir zu den Details der Verträge kommen, muss ich noch rasch auf Toilette, die Hände waschen.

Sie können das Protokoll jetzt abschliessen! Und schauen Sie nicht so.

1967 auf die Welt gekommen. Widder. Aus Scuol. Eu sun üna Valladra. Meine Lieblingsfarben im Kindergarten waren Orange und Blau. Mein erster Lehrer hiess Chasper Sarott. Die Namen der Mädchen, die mich geplagt haben, wollen mir nicht einfallen. Sie leben irgendwo und halten meine ausgerissenen Haare in ihren Händen.

Stichworte:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.