Versuch über Poetik – Andy Strässle über Marlene Streeruwitz‘ Vorlesungen

Die Tübinger und Frankfurter Vorlesungen von Marlene Streeruwitz zur Poetik sind lesens- und bedenkenswert. Auch wenn sie die Frage nach einer weiblichen Ästhetik in der Literatur zwar stellen, aber nicht beantworten. Was wohl Absicht ist.

StreeruwitzDer Kontext ist der: Vor den Vorlesungen von Marlene Streeruwitz war eines der drei letzten Bücher, die ich gerade gelesen hatte: «The Flamethrowers» von Rachel Kushner. Der Roman der 47-jährigen Autorin aus San Francisco dreht sich um die New Yorker Kunstszene in den 70er-Jahren und um die Verbindung zum italienischen Untergrund und letztlich zum Terrorismus.

Die Heldin empfindet sich als Kunstwerk und dreht einen Film, wie sie mit einem Motorrad über einen Salzsee im mittleren Westen rast. Und ja. Sie hat das Motorrad zwar von ihrem älteren Freund bekommen, doch der will nicht, dass sie es fährt. Exemplarisch erzählt «The Flamethrowers », wie verschiedene Generationen aufeinandertreffen und wie zufällig und letztlich willkürlich Kunst und Revolution aufeinander reagieren, oder gar miteinander verbunden sind.

Ein anderes Buch, das ich eben erst gelesen habe, stammt von Jean Hanf Korrelitz, die in «You Should Have Known» die Geschichte der New Yorker Psychoanalytikerin Grace Sachs erzählt, die nach und nach entdeckt, dass ihr Mann nicht ein geschätzter Kinderarzt ist, der Krebs heilt und täglich mit den schlimmsten Tragödien klarkommt, sondern ein Psychopath, der ein Doppelleben führt.

Als drittes las ich Kurt Andersens Roman «True Believers», der die amerikanischen Sixties beleuchtet und die Attentate auf die Kennedys (John F. und Robert) und Martin Luther King, den march auf Washington und die Musik (Hendrix) und die Drogen (LSD) und den Vietnam-Krieg alles ziemlich genau aufarbeitet. Ja, manchmal vielleicht sogar zu genau.

kushner

Der Grund dafür, obiges als Kontext zu erzählen, ist das vierte Buch, die Vorlesungen zur Poetik von Marlene Streeruwitz. Die drei Romane sind im Grunde zwar alle Unterhaltung, zwei haben aber die Auswirkungen des Widerstands als Thema und Jean Hanf Korrelitz erzählt vom Unbekannten im Bekannten. Alle drei Bücher haben Heldinnen als Hauptpersonen, auch wenn eines von einem Mann geschrieben wurde.

Marlene Steeruwitz leitet die Grundlagen ihrer Poetik aus der Tragödie ab, dass auf das Leben unvermeidbar der Tod folgt. Sie beschreibt die Unmöglichkeit, frühkindlichen Prägungen zu entkommen. Frau lebt und lernt, aber als sie bewusst beginnt zu lernen, ist sie bereits geprägt von den «Einflüsterungen» der Medizinmänner.

Dem Tod kommt bei Streeruwitz religiöse Wichtigkeit zu: Je nach Glaubensrichtung muss für den Tod, auf den Tod hin gelebt werden und noch bevor man sprechen kann, werde man von «unausgesprochenen Bildern der Verdammnis und des Glücks» geprägt. (Man will ja im Leben nicht den Tod versauen). Es seien tabuisierte, sprachlose Aufträge, die in uns eingepflanzt würden, bevor wir sie erkennen oder überhaupt begreifen könnten, dass sie uns erteilt worden seien.

Die Autorin sieht die westliche Gesellschaft als stark religiös und patriarchal geprägt. In den Worten von Kurt Andersens Studenten in «True Believers», die in Amerika 1968 den Vietnamkrieg beenden wollen, wird die Sprache und die darunterliegende Grammatik von «The Man» bestimmt. Im Übergang von der Jagd- zur Weidewirtschaft und im Prinzip der Monokultur sieht Streeruwitz die Ordnung der Welt: Dadurch entstehe Herdenbildung, Geld, Sprache und die Stellung der Frau.

Historisch gesehen mag der Gedanke nicht ganz zutreffen: Schon die Jäger und Sammler – verstreut als einzelne Gruppen – waren zu nomadischen kleinen Gemeinschaften zusammengeschlossen, die wohl weniger patriarchalisch orientiert als aufs unmittelbare Überleben hin ausgerichtet waren. Auch sprachwissenschaftlich kann frau sagen, dass sich die Sprache immer wieder zu sehr gewandelt hat, um dahinter ernsthaft einen patriarchalischen Masterplan zu vermuten. Allein, die Kirche etwa, also die Medizinmänner, entzog sich der Alltagssprache und formulierte ihre Gedanken in Lateinisch.

An einer späteren Stelle schreibt die Schriftstellerin, Schreiben und Lesen seien keinesfalls kongruent. Es gebe keinen Weg sicherzustellen, dass das Geschriebene von der Leserin so verstanden werde, wie es die Schreibende gemeint habe. Warum ausgerechnet bei den unbewussten, vorsprachlichen Prägungen diese Kongruenz zwischen Senderin und Adressatin plötzlich funktionieren sollen, bleibt das Geheimnis von Marlene Streeruwitz.

Sicher: Das Kruzifix an der Wand mit Jesus am Kreuz ermahnt an ein Leben, das auf den Tod hin gelebt werden muss. Als Bild ist dies wohl eine funktionierende «nichtsprachliche Prägung», doch gleichzeitig ist es eine Frage der Deutungshoheit. Und tatsächlich reissen die Mächtigen diese gerne an sich. So sprach Hitler von «Lebensraum», wenn er das Gegenteil meinte, oder Mao von einem «kulturellen Frühling» als er die Arbeiter in graue Kutten steckte. Aber «The Man» – wie das für unsere Harvard-Sixties-Revoluzzer heisst – der etablierte mächtige, weisse und letztlich korrupte Mann (wobei auch Frauen, die den Geist verkörperten, «The Man» sein konnten) – wird sich kaum um die Grammatik kümmern, die unter der Sprache liegt, wenn er es einfacher haben kann und einfach die Deutungshoheit besetzen muss.

Aber: Aus dem Bezug zwischen Autor und Publikum ziehen Streeruwitz Gedanken am meisten Kraft. Und das verträgt sich nicht schlecht mit der feministischen, politischen und zeitkritischen Haltung. Streeruwitz schreibt:

«Immer denke ich an diese Kluft. An diese in schrecklichen Stunden greifbare Kluft zwischen dem zu Sagenden und zu Fragenden und dem Sagbaren.»

Mit dem Nichtsagbaren ist das Ödipale gemeint. Der Widerspruch, in dem jedes Kind aufwächst, der Widerspruch zwischen dem Freiheits- und Unabhängigkeitsdrang der Heranwachsenden und den Kräften, die sie zähmen. Unbewusst, unausgesprochen auch, wirkt die harmloseste Ermahnung von Mami – etwa im Supermarkt doch schneller zu machen – in letzter Konsequenz wie eine Todesdrohung, da es das Kind an die eigene Abhängigkeit und Unlebensfähigkeit erinnert.

In den Augen des Schriftstellers Elias Canetti wurde so jeder Auftrag letztlich zu einem Auftrag, zu töten. Im Innern bleibt die Angst: unausgesprochene, basale Angst. Und damit das Schweigen. Ein umfassendes existenzielles Schweigen, das sich gemäss Siegmund Freud nur Ausdruck in Träumen verschaffen kann. Unsere unmittelbaren und tiefsten Ängste und Erfahrungen sind also nicht Sag-, Schreib- oder Ausdrückbar. Nun. Streeruwitz wirft Freud vor, das Patriarchat zu wenig hinterfragt zu haben. Nicht auf die leichte Manipulierbarkeit und Unterdrückung der Frauen hingewiesen zu haben.

Sie behauptet auch, Frauen, konkret die Hexen, hätten eine Art Sprache mit Worten, Tänzen, mit Essen und Trinken gehabt, die hochritualisiert Informationen zu Schwangerschaft und Mutterschaft vermittelt hätte und die daraus resultierenden persönlichen wie gesellschaftlichen Spannungen gelöst und die Frauen und werdenden Mütter eben aus der Sprachlosigkeit befreit hätten.

Mutterschaft als patriarchaler Schachzug, um die männliche Dominanz zu sichern? Die Kinder und der weibliche Körper (der sich mit der Schwangerschaft verändert) als Gefängnis für die Frauen? Dazu ein Narrativ, ein Plot, der es den Frauen unmöglich macht, darüber zu sprechen?

Unbestritten – wohl nicht nur unter Psychologen und Schriftstellern – ist sicher, dass weder Lebens- noch Todeserfahrungen je vollständig beschreibbar sind, oder die Sprache, sei sie gesprochen oder geschrieben, an ihrer Oberfläche stark genug wäre, um «das Schweigen» zu durchbrechen. Im Gegenteil, in jedem Narrativ ist das Ungesagte im Untergrund grösser, als das laut Gesagte. Unbestritten auch, das Patriarchat hat seine Geschichten geschrieben, die Deutungshoheit für sich behauptet. Und die Story ist in der Konsum- und Wirtschaftsgesellschaft nicht schöner geworden: So gewichten oder deuten die Mächtigen skrupellos Freihandelsabkommen anders als Menschenrechte. Hier Staat, dort Kirche. Kein Problem.

Literarisch oder poetisch gesehen, darf man sagen, die Gehirnwäsche war noch nie so sauber wie heute: Jeder Werbespot enthält ein bisschen Psychologie. Der Dauerstreit zwischen Mann und Frau wird genial beendet durch ein Beutelchen das man in die Waschmaschine wirft. Ist ja soviel leichter, als oben Pulver reinzuschütten. Die sexuelle Spannung zwischen den Geschlechtern wird mit einem Bissen in ein mit Margarine bestrichenes Brot und einem anschliessenden geradezu freudianischen Sprung in einen Wasserfall gelöst (!). Die Werbung antwortet mit einer Verschiebung des Verlangens auf erreichbaren Konsum.

Im Konkurrenzkampf setzen die Massenmedien auf Emotionen. Soundbite auf Soundbite, Schnipsel für Schnipsel werden uns emotionale Scheinerlebnisse verkauft, die jene Leere, von der Streeruwitz und Freud sprechen, mit Schein auffüllen sollen. Richtig ist auch, jede Religion zählt alle Schäfchen zu ihrer Herde. Richtig mag es auch sein, dass in letzter Konsequenz ein polizeiliches Ordnungssystem nicht ruhen kann oder darf, bevor nicht alle weggesperrt sind. Schliesslich wohnt in uns allen Unbekanntes, Unaussprechbares und macht uns verdächtig.

Tatsächlich ist Widerstand, wahrnehmbarer Widerstand, schwieriger geworden. In der Postmoderne ist alles relativ, alles individuell. Gleichzeitig ist etwa «The Flamethrowers» ein Roman, in dem nicht nur die Heldin eben eine Heldin ist, sondern auch eines, dass nicht notgedrungen den patriarchalen Blick verkörpert, sondern die Hauptperson in ihrer Vielschichtigkeit und Gebrochenheit zeigt, auch wenn diese Person ganz selbstverständlich von sich erzählt, ohne dass ihr ihr Frausein – beim Erzählen – in die Quere kommt. «The Flamethrowers» wie auch «True Believers» arbeitet die Geschichte und die Popkultur der sechziger und siebziger Jahre kritisch auf. Es fällt besonders auf, dass die Stimmen und Motivationen zum Widerstand nicht homogen sind, dass literarisch ein komplexes Gewebe dargestellt wird.

Was hat das mit Poetik zu tun? Poststrukturalismus und Postmoderne gehen immer vom Ende der Geschichte aus. Davon, dass mit der Beschleunigung der Zeit und der Individualisierung kein gültiges Narrativ mehr besteht, doch vielleicht liegt gerade in der Vielfalt der Literatur eine Befreiung. Bei Rachel Kushner und Kurt Anderson wird die Zeitgeschichte und vor allem die Geschichte des Widerstands detailgetreu und organisch dargestellt. Selbst wenn der unterscheidende Blick zwischen weiblich oder männlich weiter verschwimmen mag.

Jean Hanf Korrelitz erzählt die Biografie der Psychologin Grace Sachs, die als Ehefrau ihrem Mann vertrauen will, obwohl die Anzeichen immer mehr werden, dass er nicht derjenige ist, der er zu sein scheint. Vielleicht kann man auch bei dieser Geschichte im Narrativ nicht von einem spezifisch weiblichen Blick sprechen, doch gleichzeitig lotet das Buch ganz gut die Mann-/Frau-Beziehungen innerhalb der politisch korrekten Beziehung aus und weist letztlich auf den blinden Fleck in uns allen hin.

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Um auf Marlene Streeruwitz zurückzukommen.

«Beschreibt also eine Frau eine Welt, die besser ist, als die, die ist, verstärkt sie damit aktiv die damit hergestellte Bewusstlosigkeit der Frau. Verstellt die eigenen Erinnerungen. Löscht die eigene Geschichte aus. Stärkt das Geheimnis des einen Vaters und gibt ein in das vorgeschriebene Nicht-Wissen von Gewalt, die sich dann in vollem Ausmass gegen sie richten kann. Es gibt sie ja gar nicht.»

So weit, so gut. Dazu sagt die Autorin, die Autorenposition gruppiere sich allwissend um das Geheimnis des ersten Vaters. Daraus folgt, dass es darum gehe,

«[d]en Text, mit der Leerstelle eingebaut, [zu] liefern, in die wir dann – meist automatisch, meist unbewusst – unsere Prägungen einfügen. Dieses Einfügen in die Auftragskette ist gattungskonstituierendes Merkmal aller Werke des kapitalistischen Realismus.»

Die Linguistik bestreitet keineswegs, dass wir automatisch Lücken in Texten ergänzen, und sie bestätigt, dass es keine Semantik ohne Interpretation geben kann. Nur, was das Geheimnis, das Unausgesproche, angeht, ist die Sprachwissenschaft  anderer Meinung. Sprachwissenschaftlich gesehen, entsteht Bedeutung (also ein Gefüge aus bedeutungstragenden Elementen) auch durch unausgesprochene Dinge, die ebenfalls zur Sprache  gehören. Ein schönes Beispiel stammt aus einer Zeile aus einem Sonett von Shakespeare: «My Mistress Eyes Are Nothing Like The Sun», was grob übersetzt so viel heissen könnte wie: «Ihre Augen sind so schön wie der Mond.» Arabische Sprachen funktionieren noch kontextueller, so dass Nur-al-Hayah zwar als «Licht meines Lebens» übersetzt werden kann aber genauso gut Tochter bedeuten.

In ihren Poetik-Vorlesungen stellt Streeruwitz die Auslassung, das Geheimnis in der Sprache in den Dienst von König Ödipus:

«Das Geheimnis des ersten Vaters, das in den Tiefen unserer Seelen versenkt ruht, ist uns unbekannt bekannt. Eingesenkt, bevor wir einer Sprache mächtig sind, bleibt es uns zwar zu wissen, dennoch unerreichbar.»

Und noch dies:

«Unsere Sprache ist also eine Ausserhalb-Sprache, die ihr eigenes, sie konstituierendes Zentrum nicht sprechen kann. So gesehen, ist auch der Mann nur im Schweigen mächtig.»

Ihr Schweigen gebrochen haben die ersten Menschen mit Lauten und mit Rufen, mit Lautmalerei, deren sinnstiftenden Elemente nicht notgedrungen miteinander verbunden waren oder weltweit auch nicht gleich sein mussten. Einen schönen Überblick über die Sprachgeschichte gibt das Buch «Empires of the World» von Nicholas Ostler, der beschreibt, wie sich Sprachen und Sprachräume verändern und entwickeln.

Die Lösungsansätze von Marlene Streeruwitz sind interessant, wenn auch vom Problem her gedacht:

«Aufgabe der Literatur wäre es, so denke ich, neue Erinnerungen zu formulieren, die als eigene Erinnerung des Textes klar markiert, in einem anti-idyllischen Gestus sich auf Leben bezieht, wie es ist, zu Erinnerung werden kann, die von jeder und von jedem als quasi-eigene Erinnerung rezipiert werden kann, ohne dass Invasion vorliegt.»

Autorinnen, Autoren sollen ihre Texte entmystifizieren, das Zentrum ihrer Texte müsse dermassen durchlässig sein, dass die Lesende bis an das Unbewusste der Autorin herankommt. Die Revolution, die gewaltsame, sei keine Alternative, denn sobald im Besitz der Macht, besetzen sofort wieder die gewohnten Gewalt- und Machtstrukturen die Ausdrucksmöglichkeiten. Ein kompliziertes Fazit, aber ausgerechnet Rachel Kushners Buch zeigt ein gewissermassen moderneres Ringen mit der Realität. Die Erzählperspektive ist subjektiv, die Erinnerungen der Erzählerin erscheinen zwar nicht sicher und für ihre Gefühle beansprucht sie keine Zuverlässigkeit. Gleichzeitig führt der «Forschungsauftrag» direkt dahin, wo Streeruwitz das Geheimnis vermutet. An einen Ort, an dem Canettis Befehl seine Wirkung verloren hat und die Protagonisten ausgerechnet unter dem Verlust des Ödipalen und nachdem sie eine Weile gespielt haben, auch kein echtes oder existenzielles Verlangen mehr finden. Die einzige Möglichkeit, etwas zu spüren, ist es, über die Salzwüste zu brettern, auch wenn dies keinerlei Sinn ergibt.

Wie sich in der Zeit, von der Kushner liebevoll erzählt, abzeichnete, besteht die Poetik der Gegenwart aus unzähligen Strömungen. Als einzige grosse Strömung kann frau vielleicht ausmachen, dass die Literatur, Theater, Fernsehen und Filme seit den 90ern vermehrt eine Sehnsucht nach Realität haben, wenn auch je nach Genre aus unterschiedlichen Gründen. Ähnlich wie im Journalismus bauen ganze Romane auf Faktoiden auf, um Authenzität und Plausibilität vorzutäuschen. Die Suche nach «Wahrheiten» oder einer Wahrhaftigkeit im Erzählen wurde abgelöst durch das Verarbeiten einer absurd schnell gewordenen Realität, in der nur noch sehr wenige Dinge konstant und deswegen bedeutungsvoll erscheinen.

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Bei der Frage nach einer Poetik der Gegenwart kann frau vielleicht davon ausgehen, dass direkter und unmittelbarer erzählt wird. Die Autorin verspürt nur selten den Drang, sich allzu tief in ihren Texten zu verstecken. Unterdessen wurde ja auch der Psychologie ihr Geheimnis entrissen. Im Dienste der turbokapitalistischen Gesellschaft ist es ja eine geradezu lächerliche Verschwendung von Arbeits- und Kaufkraft, den Dingen im Innern auf den Grund zu gehen. Darum verspricht uns die Verhaltenstherapie eine Korrektur unseres Verhaltens, ohne dass wir allzu viel mit unserem dunklen Verlangen in Berührung kommen.

Ein Stück weit ist damit eingetreten, was sich Marlene Streeruwitz in ihrer zweiten Vorlesung wünschte:

«Dass aber die Erforschung aufgegeben werden muss. Die Erforschung, zu der ja die Moderne ausgezogen ist, kontaminiert.»

Diesen Satz auf Seite 221 muss ich wohl beim ersten Lesen übersehen haben, sonst hätte ich mich kaum getraut, hiermit eine eigene kleine Untersuchung zu unternehmen. Und auch Streeruwitz selbst gerät hier in einen biblischen Widerspruch, heisst es doch in der Bibel: «Du sollst dir kein Bild machen …» Und wenn es kein Bild gibt, so erstellt die Vorstellung selbst eines. Gerade mit ihren Auslassungen, ihrem breiten Stil- und Themenmix und nicht zuletzt mit dem Marketing waren uns die Autoren der Bibel voraus.

Aber. Scherz beiseite. Wenn am Ausgangspunkt der Ur-Widerspruch zwischen Leben und Tod steht, respektive die unfassbare Erkenntnis, das frau lebt, aber irgendwann stirbt, wenn am Ausgangspunkt die Abhängigkeit des Kleinkindes von den Eltern und der polymorph perverse Widerspruch steht, Dinge zu begehren, die frau nicht begehren darf, also Dinge, die unterbewusst gefühlt werden, bewusst aber nicht beschreibbar sind, da dass Kleinkind zwar das Sprachvermögen besitzt, es aber noch entwickeln muss, so bleibt nur die Folgerung, dass jeder sprachliche Ausdruck Unaussprechliches enthält. Gleichzeitig ist dies die Voraussetzung für Sprache. Nicht für den Traum, aber für die Sprache. Sie funktioniert in der Dialektik zwischen Gesagtem und Nicht-Gesagten. Frau kann von der Nacht sprechen, ohne das Wort «Nacht» zu sagen. Die Forderung von Marlene Streeruwitz erscheint gewagt:

«Wir müssen in vom Sprache umspülten Nicht-Sprechbaren zu einem Sprache schaffenden Sprechbaren gelangen. Sich in diese Situation der vorhandenen Sprachmöglichkeiten zu begeben wäre das Aufgeben der Kommunikation. Wäre Selbstmord.»

Klar, es passiert viel Shit auf der Welt. Klar, auch die Diskussion über Sprache wird sprachlich geführt. Und ja, das Verlangen zu leben mit all seinen sexuellen Implikationen mag genauso unheimlich sein, wie das Verlangen, zu sterben. Allerdings ist der Tod ironischerweise gerade die Auflösung jedes Verlangens. Eine Erlösung unbewältigter innerer Konflikte, wie es der gescholtene Freud klargemacht hat.

Für mich allerdings gibt es durch Kushner, Korrelitz, Anderson und ungezählten anderen Autoren einen Lichtstreifen. Denn gerade der Widerstand gegen Aussen und gegen Innen, die bourgeoisen Vorstellungen und Hoffnungen sind noch nie so differenziert und literarisch verspielt beschrieben worden.

Ein Zeichen, dass «The Man» nicht immer und überall gewinnt. Stressig ist und bleibt der Gender-Ansatz, wenn er behauptet, es sei unmöglich, in der Sprache, die wir alle teilen, zu sprechen. Denn da hätte er uns erwischt und getrennt, «The Man». Dann endlich muss er nicht mehr zögern, seine Befehle zu erteilen und wer wäre da, gegen seine Deutung der Dinge zu widersprechen.

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