Zitat der Woche: Alan Moore, Watchmen

Kalter Krieg, selbsternannte Superhelden und psychologische Abgründe: Alan Moores Graphic Novel «Watchmen» erfährt im Schatten der Krimkrise wieder eine fast beunruhigende Aktualität.

«Watchmen»

«Watchmen» ebnete dem Genre der Graphic Novel den Weg in die Literatur und zeigte Helden, die vielschichtig und zwiespältig waren. zVg

Heute widmen wir uns einem Buch, welches sowohl den Hugo Award gewann als auch in «Time Magazines» Liste der besten 100 Bücher aufgenommen wurde: 1986 erschien die Graphic Novel «Watchmen», welche wie später Neil Gaimans «Sandman»-Bücher den kulturellen Durchbruch des neuen Literaturgenres einleiten würde.

Alan Moore und Dave Gibbons wagten eine neue, ungewohnt realistische Herangehensweise an die bekannten Superhelden aus den Comics der 1930er- bis 1970er-Jahre. Statt übernatürlichen Mächten, Wesen aus anderen Welten oder Mutationen sehen wir uns in «Watchmen» einer Riege von Helden gegenüber, welche nur dank Muskelkraft, Geschick und Intelligenz als solche betrachtet werden können. Moore und Gibbons zeichnen die Entwicklung der Comics kurz vor und während dem Zweiten Weltkrieg nach: Wie ihre Vorbilder aus den Bilderheftchen maskieren sich Leute, um unter Spitznamen und mit Cape auf die Jagd nach Verbrechern zu gehen.

Nach dem Krieg breitet sich die Angst vor Kommunismus aus, und bald sehen sich die maskierten Rächer und Gruppierungen einer immer grösseren Bedrohung ausgesetzt. Der Realismus von «Watchmen» ist – verglichen mit den typischen Superman-Abenteuern in Wochenzeitschriften – etwas völlig Neues. Die Helden in Moores und Gibbons’ Buch sind vor langfristigen Gefahren und Verletzungen nicht gefeit, darüber hinaus altern sie auch und müssen irgendwann zwangsläufig das Cape an den Nagel hängen. Des Weiteren ist kaum eine Figur ein strahlender Heros. Alle Charaktere ziehen ihre Motivation zur Verbrecherjagd aus mehr als bloss Idealismus und Sinn für Gerechtigkeit. Im Verlauf des Buchs eröffnen sich die Abgründe von Wahrheiten, die so manchen Helden zu einem tragischen Antihelden oder gar Wolf im Schafspelz werden lassen.

Dr. Manhattan

Dr. Manhattan ist trotz seiner fast unbegrenzten Kräfte dennoch ein Mensch mit Gefühlen und voller Fehlbarkeit. zVg

Ein einziger dieser Helden ragt aus dem ungeschönt realistischen Feld heraus: Dr. Manhattan. Durch einen Unfall in einem Teilchenexperiment wurde sein Körper im Jahr 1959 vollkommen atomisiert, doch sein Bewusstsein überlebte und schuf sich einen neuen Körper auf einer subatomaren Ebene. Er ist der einzige «wahre» Superheld des Buchs, ein fast gottgleiches Wesen, das gleichzeitig in Zukunft, Vergangenheit und Gegenwart lebt, sich multiplizieren sowie quer durchs Weltall teleportieren kann und grenzenlose Macht über Materie hat. Dennoch ist auch er – trotz all dieser Kräfte – ein Mensch geblieben, der nur scheinbar gleichgültig gegenüber persönlichen Schicksalen ist. Erst gegen Ende von «Watchmen» gibt er dies zu, und unterscheidet sich dadurch nicht nur von den stereotyp-flachen Superhelden früherer Comics, sondern auch von Politikern, die sich selbst als unfehlbar oder von der Geschichte auserwählt betrachten. Auf einmal wird Dr. Manhattan der Wert eines einzelnen Lebens bewusst, das im Vergleich zu einem historischen oder makrokosmischen Ereignis nicht verblassen sollte:

Thermodynamische Wunder… Ereignisse mit solch astronomischer Unwahrscheinlichkeit, dass sie effektiv unmöglich sind, wie Sauerstoff, der spontan zu Gold wird. Ich sehne mich danach, so etwas zu beobachten. Und dennoch kämpfen in jeder menschlichen Vereinigung tausend Millionen Spermien um eine Eizelle. Multipliziere diese Chancen mit zahllosen Generationen, gegen die Unwahrscheinlichkeit, dass deine Vorfahren am Leben sind; sich begegnen; genau diesen Sohn zeugen; genau jene Tochter… 

[…]

… doch die Welt ist so voller Leute und voll dieser Wunder, dass sie alltäglich werden und wir sie vergessen… Wir starren die Welt unentwegt an und sie wird für uns langweilig. Doch aus einem anderen Blickwinkel gesehen, wie von Neuem, kann sie uns immer noch sprachlos machen.

«Watchmen» erschien gegen Ende des Kalten Krieges, doch auch heute liest sich das Buch angesichts gegenwärtiger Weltereignisse unverändert aktuell. Direktvergleiche zu ziehen wäre übertrieben, aber das Unbehagen und Halbwissen, die momentan Schlagzeilen machen, spiegeln die verborgenen Tiefen und Brüche der nur vordergründig heldenhaften Figuren von Moore und Gibbons.


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