Familiengeschichten – Richard Linklaters «Boyhood»
Mason Jr. ist ein Junge wie viele andere. Seine Mutter (Patricia Arquette) und sein Vater (Ethan Hawke) leben nicht mehr zusammen. Jahre später beginnt die alleinerziehende Mutter eine Beziehung mit ihrem Professor Bill. Dieser bringt zwei weitere Kinder in die Familie. Schwester Samantha (Lorelei Linklater) und Bruder Mason (Ellar Coltrane) lernen nun plötzlich ein konventionelles Familienleben kennen – das allerdings etwas allzu sehr von den zahlreichen Regeln von «Papa» Bill dominiert wird. Auch diese Beziehung hält nicht, und mit ihr zerbricht auch die Patchwork-Familie. Jahre später feiert Mason Jr. seinen erfolgreichen High-School-Abschluss. Von Olivias Ex-Männern ist nur Papa Mason Sr. präsent
Mit den Filmen «Before Sunrise», «Before Sunset» und «Before Midnight» hat Richard Linklater gezeigt, das er zu den ganz Grossen des US-Independentkinos gehört. Er hat zwar auch zahlreiche andere sehenswerte Filme gedreht, doch in der naturalistischen Darstellung von Langzeitbeziehungen hat er vielleicht doch seine ureigene Aufgabe als grosser Auteur des Weltkinos gefunden. In «Boyhood» ist es nun das Familienleben, das im Zentrum steht. Wie schon der Titel sagt steht Mason Jr. im Zentrum des Films, es ist aber weniger seine Sicht, sondern die der ganzen Familie, die Linklater interessiert. 12 Jahre lang hat er nicht nur Mason bzw. Ellar, sondern auch Ethan Hawke, Patricia Arquette, seine eigene Tochter Lorelei und viele andere SchauspielerInnen filmisch festgehalten.
Bereits in «Dazed and Confused» hat sich Linklaters Interesse für die eigene, amerikanische Umgebung und das Aufwachsen in ihr gezeigt, hier ist es nun Mason im Kontext der Familie, der in Linklaters heimatlichem Texas seinen Weg geht. Dieses Heranwachsen in einem ganz spezifischen Kontext steht im Zentrum, aber Linklater ist ein so gewitzter Chronist, dass sich sein Blick nie auf den kindlichen Blick Masons beschränkt. So sehen wir z.B. schon früh, wie sich Olivias Partner Bill einen Drink aus einem kleinen Teil Sprite und sehr viel Alk mixt – davon ahnt Mason natürlich noch nichts. Wir sehen aber bereits, das Bill bald wieder gehen muss – oder vielmehr: dass Mama Olivia ihre Schäfchen bald wieder ins Trockene bringen muss. Stark, wie Linklater die verschiedenen Milieus beschreibt – etwa Bills rigid-bürgerliche Lebensart, die christlichen Wurzeln von Mason Seniors neuer Frau oder Olivias letzter Mann, ein ehemaliger Soldat. Auch hier kommt ein Blick – und ein Anspruch – zum Ausdruck, der weit über die Sicht eines Heranwachsender hinausgeht. Tatsächlich ist es aber Mason Jr, der diese verschiedenen Milieus hautnah erlebt. Bis er am Schluss – im College angekommen – vielleicht sein eigenes Milieu entdecken kann…
«Boyhood». USA 2014. Regie: Richard Linklater. Mit Ellar Coltrane, Patricia Arquette, Lorelei Linklater, Ethan Hawke u.a. Deutschschweizer Kinostart: 5.6.2014
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