Zitat der Woche: Egon Friedell, Kulturgeschichte der Neuzeit

Die kommenden Zitate der Woche beschäftigen sich mit dem Ausbruch und den Konsequenzen des Ersten Weltkriegs. Den Anfang macht ein Auszug aus Egon Friedells «Kulturgeschichte der Neuzeit», wo bereits 1927 ein ungewohnt kritischer Rückblick auf «die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts» vollzogen wird.

Die Ermordung des Thronfolgers Franz Ferdinand setzte Ereignisse in Gang, die schon lange Jahre zwischen verhärteten Fronten versteckt gewesen waren. zVg

Die Ermordung des Thronfolgers Franz Ferdinand (links im Bild) setzte Ereignisse in Gang, die schon lange Jahre zwischen verhärteten Fronten versteckt gewesen waren. zVg

Am Ende von Egon Friedells «Kulturgeschichte der Neuzeit», einer gross angelegten Zusammenfassung der letzten 500 Jahre Weltgeschichte, spannt der Autor ein letztes Mal den Bogen von Mittelalter zur jüngsten Vergangenheit und zitiert seinerseits einen Zeitgenossen:

Am 28. Juni, dem griechischen Sankt Veitstag, erlitten 1389 die Serben die furchtbare Niederlage auf dem Amselfeld, unterzeichnete 1919 Deutschland den Friedensvertrag von Versailles und wurde 1914 der österreichische Thronfolger das Opfer eines Revolverattentats.

[…]

Das endgültige Resümee über den Fall hat Lloyd George nach dem Krieg gezogen, als er sagte: «Je mehr von den Memoiren und Büchern man liest, die in den verschiedenen Ländern über den Kriegsausbruch geschrieben worden sind, desto deutlicher erkennt man, dass keiner von den führenden Männern den Krieg wirklich gewollt hat. Sie glitten sozusagen hinein oder vielmehr: sie taumelten und stolperten hinein, aus Torheit!»

Zwar blendet Friedell die Schuldfrage in seinem Buch bewusst aus – knapp zehn Jahre nach dem Kriegsende waren die Wunden noch zu frisch, um das Ultimatum Österreich-Ungarns an Serbien zu stark zu betonen. Auch ist die Behauptung, der Krieg wäre von den Führungsriegen ungewollt gewesen, mit Vorsicht zu geniessen. Dennoch wird aus Lloyd Georges Zitat klar, dass wie bei jedem Krieg zahlreiche Faktoren mitspielen, von denen viele zufällig wirken oder wo kleine Angelegenheiten weitreichende Konsequenzen haben können. Die Kriegslust entfachte sich am Attentat auf Franz Ferdinand, doch ohne die schon lange vor dem Krieg verhärteten Fronten der Nähe Österreich-Ungarns zum Deutschen Reich und demgegenüber der Entente Cordiale wäre die Heftigkeit der Reaktionen wohl nicht so stark gewesen. Allianzen beflügelten den Nationalismus und den Glauben an das Auserwähltsein des jeweils eigenen Volkes – Kolonialismus war nur eins der Ventile hierfür und vor dem Krieg wohl die aggressivste Konkurrenz unter den Ländern Europas. Die Ermordung des Thronfolgers löste eine fatale Kettenreaktion aus, deren langfristige Auswirkungen niemand voraussehen konnte.

Wie in den nächsten Zitaten ersichtlich werden wird, endete mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs nicht nur das lange 19. Jahrhundert, sondern auch ein Weltbild. Das bürgerlich-national geprägte Denken war seither nie mehr so global, Entwicklungen wie Kommunismus, die offene Gesellschaft und sexuelle Revolution stellten vor neue Probleme. Manche davon hatten ihre Wurzeln im Krieg selbst, andere erstarkten erst nach dem noch verheerenderen Zweiten Weltkrieg – dessen Ausbruch im kommenden September auch bereits 75 Jahre her ist.