Max Frischs letzte Zeit: Der Blick ins Schwarze

Von Dominik Riedo

Müde, ja. Verbraucht. Aber was ich dann und wann zu sagen habe, und manchmal auch sehr unsicher sage, das sind natürlich Gedanken eines alten Mannes, eines Schriftstellers, der vierundsiebzig ist. Nach Montauk (1975), nach den Gesammelten Werken in zeitlicher Folge zum 65. Geburtstag (1976), nach Der Mensch erscheint im Holozän (1979) und der Gründung des Max-Frisch-Archivs an der ETH Zürich (1981), verabschiedet sich Max Frisch von der Literaturszene und möchte eigentlich nichts Neues mehr veröffentlichen. Kein Buch mehr. Er durchbricht diesen Entscheid 1982 mit Blaubart, was er später bereut. Was aber macht Max Frisch von 1982 bis zu seinem Tod am 4. April 1991, einen Monat und elf Tage vor seinem 80. Geburtstag?

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«Resignation war vorhanden. Schon vor seinem Krebsleiden sieht Max Frisch die Aufklärung, das abendländische Wagnis der Moderne, weitherum als gescheitert an» (Bild. Pierre-Alain Zuber, Wikimedia Commons).

Es werden zwei Textzusammenstellungen veröffentlicht, die Verstreutes aus 50 Jahren Schreibarbeit bündeln. Es erscheinen zum 75. Geburtstag die erweiterten Gesammelten Werke (1986). Frisch beginnt 1982 (nach jenen von 1946–1949 und 1966–1971) ein drittes Tagebuch, das er 1983 abbricht und das erst nach seinem Tod veröffentlicht wird. 1987 reist er nochmals öffentlich nach Moskau. Er hält einige Reden und gewährt einige Interviews. Sonst jedoch beschleicht ihn ab 1982 das Gefühl, mit dem Leben sozusagen ‹fertig zu sein›: Das ist abgeschlossen – und was mache ich jetzt?

Frisch freut sich an den filmischen Umsetzungen seiner Werke. Er hat nochmals neue ‹Lebensabschnittspartnerinnen›. Aber er kann sich nicht mehr schreibend eine bessere, eine andere Welt eröffnen; hat er doch schon früher über das Schreiben gesagt: Ich weiss es anders. Nicht als Geschichte, eher als Zukunft. Als Möglichkeit. Als Spiel der Einbildung. Ich glaube, wir erzählen, wie wir uns vorstellen, dass es wäre. Jetzt kann er sich auf diese Weise praktisch nichts mehr vorstellen. Das Alter desillusioniert auch Schriftsteller.

Als der Verleger Siegfried Unseld seinen Autor drei Wochen vor dessen Tod in Zürich besucht, versucht er unter anderem, das Gespräch auf ehemals wichtige Themen zu lenken: «‹Wie denkst Du über den Golf-Krieg und seine Folgen?› – Aber es interessierte ihn nicht mehr. Auch auf meine Frage nach der Entwicklung der Sowjetunion ging er nicht ein.»

Die Werte verschieben sich. Gerade deshalb wäre es spannend, Texte aus dieser ‹Letzten Zeit› Max Frischs zu haben, die Gedanken eines alten Mannes, eines Schriftstellers. Denn beim letzten Besuch seines Verlegers erwähnt er tatsächlich, dass er «grosse, neue Beobachtungen mache, aber im Gegensatz zu früher, da er alles notierte, dränge es ihn nicht, diese Beobachtungen aufzuschreiben.» Für den neugierigen Leser kommt es allerdings noch schlimmer: «Was er in dieser Ausbruchszeit der Krankheit zum Diktat gebracht hätte, hätte er später wieder gelöscht.»

Resignation also. Oder die Einsicht, dass die Todesbilder in der heutigen Gesellschaft vage sind und, wie eben die Gesellschaft selbst, pluralistisch. Dass es also keinen Sinn mache, die eigenen Todesbilder für andere aufzuzeichnen. Aber: Was sie [= die Todesbilder] gemeinsam haben: etwas Kosmetisches, ein Nicht-Wahrhaben-Wollen. Max Frisch freilich wollte den Tod bewusst erleben, wie er in Gespräche im Alter (1986) quasi zu Protokoll gibt: Also nicht einfach ein Abdämmern, und dann stelle ich fest, dass ich seit letzten Dienstag nichts mehr weiss und jetzt schon beerdigt bin. Das möchte ich nicht. Ich möcht’s noch wissen. Und Max Frisch wusste, dass er sterben würde. Wie alle Menschen. Aber seit 1989 wusste er ziemlich genau, wann er sterben würde. Seine Leber schwoll immer mehr an. Unheilbarer Darmkrebs mit Metastasen.

Doch nochmals: Resignation war vorhanden. Schon zuvor, vor seinem Krebsleiden, schon 1986, bei der Dankesrede zur Ehrung seines Lebenswerks an den Solothuner Literaturtagen, sieht Max Frisch die Aufklärung, das abendländische Wagnis der Moderne, weitherum als gescheitert an. Und er bekundet Enttäuschung über den Lauf der Welt allgemein. Und selbst wenn es zu einem kleinen Witz reicht: Neu im Vaterland ist das Waldsterben, das die Förster [im Sinne der Politiker und der Wirtschaft] leider nicht leugnen – so ist auch da keine wirkliche Hoffnung mehr. Frisch geht sogar so weit zu sagen, dass er es sich denken kann, dass es kein nächstes Jahrhundert geben werde. – Endzeitstimmung. Das eigene Sterben überblendet den Blick auf die Welt mit einem dunklen Glanz, der alles am Dahinsterben sieht.

Was erachtet der sterbende Frisch mit dem Blick des Sterbenden als noch lebenswert? Michel Seigner berichtet: «Er liest keine Zeitung mehr, er plant nicht. Er geniesst das Licht, das durch die Fenster einfällt, das Musikhören, die regelmässige Massage und freut sich über Besuche.» Das, die Besucher, die Freunde, hat Frisch schon in seiner Solothurner Rede Am Ende der Aufklärung steht das goldene Kalb von seinen düsteren Visionen ausgenommen: mit Ausnahme der Freundschaft, ja.

Warum schrieb Frisch in seiner ‹Letzten Zeit› nicht wenigstens für seine Freunde, die ihn dazu aufforderten? – Auch hier, der Blick in die Buchstabenwelt ist schwärzer als sonst: Das Bewusstsein, dass der natürliche Tod, der eigene fällig ist, steigert nicht unbedingt die Todesangst, aber es mindert meine Gewissheit im bisher Begriffenen und das Vertrauen in die Sprache, die ich lebenslang geübt habe. Wie weit diese Sprachskepsis ging, zeigt auch der für ihn jetzt utopische Wunsch: Es müsste möglich sein, einmal drei Sätze so zu formulieren, dass sie unmissverständlich sind.

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«Sie bangen bloss um ihre Macht. Und dabei haben sie alle Zügel in der Hand. Ein paranoider Club» (Bild: Willy Fleckhaus, Wikimedia Commons).

 

Allerdings: Ein Buch erscheint noch nach 1982 und vor seinem Tod: Schweiz ohne Armee? Ein Palaver. Nicht in seinem angestammten Verlag, weil es spezifisch die Schweiz betraf und auch, weil Frisch wusste, dass die Kritik daran massiv sein würde. Denn es ging um die Volksabstimmung zur Abschaffung der Schweizer Armee Ende November 1989.

Aber auch hier war Max Frisch zuerst nicht an einem ‹Eingreifen›, an einer Veröffentlichung interessiert. Als sich zu Beginn der 1980er-Jahre die ‹Gruppe Schweiz ohne Armee› formierte hatte und eine Initiative mit dem Ziel der Abschaffung der Armee einreichte, steht er dem Anliegen zuerst skeptisch gegenüber. Obwohl selbst seit Jahren Kritiker der Schweizer Politik und ihres Militärs, befürchtet er eine schwere Abstimmungsniederlage der Initiative, die die Armeekritiker auf lange Sicht in die Defensive drängen würde. Erst als ihm die wachsende Zustimmung bewusst wird, die die Initiative besonders in der jungen Generation erfuhr, ändert Frisch seine Meinung. Er durchbricht seine schriftstellerische Abstinenz und schreibt Schweiz ohne Armee in wenigen Wochen im Februar und März 1989 nieder.

Die Sprachskepsis allerdings zeichnet sich hier ebenfalls ab. Schon der Untertitel des Buches spricht das deutlich aus: Ein Palaver. Der Begriff ‹Palaver› bezeichnet ein eher oberflächiges Gespräch und ist zumindest im Deutschen im allgemeinen Sprachgebrauch daher eher negativ belegt. Und auch die Endzeitstimmung schwingt als Grundton immer mit: Ich will dir etwas sagen: Wenn es zur Abschaffung der schweizerischen Armee kommt, so nicht durch eine Volksabstimmung, sondern durch einen Krieg. Das sagt der Grossvater, dem viele Züge von Max Frisch verliehen sind, bis hin zur Aussage, dass er gar nichts mehr schreibe, schon seit Jahren.

Der Grossvater also sieht schwarz und die Schweiz regiert und gelenkt von einem ‹paranoiden Club›: Die haben keine Angst vor Krieg. Glaub mir! Dazu fehlt ihnen der Mut zur Angst. Sie bangen bloss um ihre Macht. Und dabei haben sie alle Zügel in der Hand. Ein paranoider Club. Oder weisst du, wieso diese Schweiz sich immerzu bedroht fühlt? Wo ich hinhöre: ihre Angst, dass sie durchschaut werden, wo ich hinsehe: Metastasen des Überreichtums … So ist denn auch der Aufklärungspessimismus in diesem allerletzten Buch wieder zu finden: Kann unsere Demokratie-Utopie, ausgesetzt der menschlichen Natur, also der Canaille, die der Mensch in der Mehrheit ist, zu etwas anderem führen als zu der real existierenden Demokratie der Lobbies, getarnt durch Folklore? – Oder mit anderen Worten: Wieviel wirkliche Demokratie (Volk als Souverän) ist im real existierenden Kapitalismus möglich?

Frisch geht noch weiter. Weil ein richtiger Friede in dieser Situation, also in diesem Land mitten in Europa und bei diesem ‹real existierenden Kapitalismus› eher wieder gefährlich wäre, sieht er die unmittelbare Zukunft eben düster: General Rogers, der auch ein Fachmann ist, denke ich, als NATO-General und Amerikaner, General Rogers hat geschrieben, ein Krieg in Europa werde nicht konventionell bleiben können, er schätzt drei oder vier Tage, was Zeit genug wäre, um sich in unseren Zivil-Bunkern einzurichten, und du kennst die wissenschaftliche Prognose, das hast du ja erwähnt: Die tödliche Verstrahlung stoppt nicht an unserer lieben Grenze, wie man seit Tschernobyl ahnt, und das war ein kleiner Klapf – Jonas: Was sollen unsere Leopard-Panzer im Toggenburg und die 34 amerikanischen Abfangjäger in der Luft, während die Bevölkerung dahinsiecht?

Ein Blick ins Schwarze. Dass er von einem bald Todkranken stammt, macht die erwähnten Probleme deswegen nicht weniger ernst. Nur die Grenze, wo ein ‹Klapf› eintrifft, ist vorübergehend eher nach hinten verschoben worden; das 21. Jahrhundert unserer Zeitrechnung gibt es. Aber würde das den Max Frisch vom Anfang der 1990er-Jahre noch interessiert haben?

Siegfried Unseld berichtet, dass Frisch im März 1991 auch anders träume: «Es seien Landschaften, nicht mehr Menschen.» Oder seine Lebensgefährtin Karin Pilliod habe sich notiert, was er während des Schlafens gesprochen habe: Ich suche den Anfang der Zeit.

Auch ganz am Ende sieht man ihn auf der Suche, sieht man ihn an einem erträumten Projekt kurz vor der ‹Abreise›: «Auch Max‘ letzte Mitteilung am Morgen vor seinem Tod, zwischen Schmerz-, Dämmer- und Wachzustand, ist ein Plan: ‹Ich plane es Schiff – › / ‹Es isch es Kapitänsschiff – › / Und auf die Frage: ‹Und du wärsch dänn de Kapitän?›, antwortet er: ‹Nei, jetzt müend d’Lüt sälber für sich luege.›» – Die Assoziation mit der Arche Noah liegt nahe. Und dass er zwar das eine Schiff besteigt, das in eine andere Welt geht, die Menschen rundherum aber selbst schauen sollen, wo sie bleiben.

Zum Beispiel in einem Land, dem Frisch, wenige Wochen vor seinem Tod, als er die 1990 freigekommenen ‹Fichen›, jene Geheimdossiers, die über ihn wie über viele andere Intellektuelle und Künstler vom Staat angelegt worden waren, zu Gesicht bekommen hatte, im Jubiläumsheft der Schweizer Zeitschrift ‹du›, das zu seinem 80. Geburtstag erschien, nachrief, es sei ein verluderter Staat, mit der Schweiz verbinde ihn nur noch der Reisepass.

Reisen … Wie er sich verantworten würde vor dem Letzten Gericht? Da komme ich nicht mehr als Person an. Das gibt es nicht. Das Gericht findet statt, solange da ein Atem ist. Nachher gibt es nichts zu krönen, nichts zu verteidigen – und keine Strafe. Die Strafe ist abgelebt.


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